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19. Mai 2013, 14:14 Uhr

Deutsche ESC-Blamage

Merkel ist schuld!

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Diese hinterhältigen Europäer. Haben Cascada beim ESC in Malmö nur auf Platz 21 gewählt. Aus Rache am Spardiktat der Kanzlerin. So erklärt zumindest ARD-Unterhaltungskoordinator Thomas Schreiber das Debakel. Oder lag's vielleicht doch - an der ARD und ihrem Musikgeschmack?

Mensch, dabei hat sie es doch so gut gemacht, die überbordend gutgelaunte Bonnerin Natalie Horler. Hat ein Paillettenkleid übergeworfen, hat die weißen Zähne gebleckt, hat sich mit Cascada größte Mühe gegeben, Stimmung zu verbreiten wie ein Jahr zuvor die Schwedin Loreen mit "Euphoria". Bei der hat es doch auch geklappt, warum verdammt noch mal jetzt nicht für Deutschland?

Die denkbar schlichteste Antwort auf diese Frage fand der ARD-Unterhaltungskoordinator Thomas Schreiber noch in der Nacht nach dem ESC-Finale. Er spielte tatsächlich die Nationalismus-Karte. "Wir sind in einer schwierigen Situation. Es gibt sicher auch eine politische Lage", sagte Schreiber. "Ich will nicht sagen '18 Punkte für Angela Merkel'. Aber man muss eben auch sehen, da stand nicht nur Cascada, sondern da stand auch Deutschland auf der Bühne", sagte der ARD-Mann.

Soso, da stand also auch Deutschland auf der Bühne, der große Zahlmeister Europas, der die Südländer mit Sparauflagen knechtet. Und diese undankbaren Gesellen sitzen dann am Hungertuch nagend vor dem womöglich mit deutschen Krediten finanzierten Fernsehgerät und bekommen so richtig schlechte Laune, wenn da eine Teutonin herumsingt! Diesen hässlichen Deutschen haben sie es dann aber richtig gezeigt! Deutschland, null Punkte, ha! Schreiber scheint das tatsächlich ernst zu meinen.

Die deutsche ESC-Maschine ist ein selbsterhaltendes System

Eines muss man ihm lassen: Thomas Schreiber scheint unerschütterlich im Glauben an die eigene Unfehlbarkeit. Der frische Wind der vergangenen Jahre ist verweht, endlich haben die Dinge wieder ihre natürliche Ordnung. Die deutsche ESC-Maschine lässt sich auch von gelegentlich störenden Kreativen wie Stefan Raab nicht aus ihrem Takt bringen. Sie ist ein selbsterhaltendes System. Innovationen frisst sie auf und verdaut sie so gut, dass bei deren Ausscheidung nichts mehr von ihrer Existenz zu bemerken ist.

Und wenn der deutsche Beitrag zum ESC krachend scheitert wie dieses Jahr Cascadas "Euphoria", ähm, Verzeihung, "Glorious", dann darf das auf keinen Fall daran liegen, dass sich die deutsche ESC-Jury möglicherweise einen argen Patzer geleistet hat, als sie dem im deutschen Vorentscheid von den Radiohörern haushoch favorisierten und von den TV-Zuschauern ebenfalls gemochten bayerischen Beitrag "Nackert" der Anarcho-Blechbläser LaBrassBanda mit nur einem Punkt den Todesstoß versetzte. Die Profi-Juroren schickten nicht zügellosen Spaß ins Rennen, sondern eine vermeintlich sichere, großraumdiscotaugliche Stilkopie des Vorjahressiegers. Das Establishment hat sich mit Gewalt durchgesetzt.

Eine zurecht beim Finale abgestrafte Fehlentscheidung? Aber nicht doch. Wie es sich für ein unfehlbares System wie die deutsche ESC-Bürokratie gehört, wird der Grund für das Scheitern umgehend externalisiert. Nicht wir waren es! Die Kanzlerin ist schuld, dass uns niemand mag!

Man muss die deutsche Regierungschefin nicht besonders mögen, um zu sagen: Das hat sie nicht verdient. Es gehört schon sehr viel Phantasie dazu, sich vorzustellen, ohne die unpopulären Entscheidungen der Regierung Merkel in der Euro-Krise hätten ausgerechnet Cascada gewonnen. Oder wären auch nur unter den ersten Zehn gelandet.

Mut wurde belohnt, Stromlinienförmigkeit bestraft

Nein, die Konkurrenz war einfach stärker. Gewonnen hat eine barfüßige 20-Jährige mit viel Charme und einem eingängigen Liedchen - jung und herzerfrischend wie vor drei Jahren Lena Meyer-Landrut. Das war erwartet worden. Doch auch Mut wurde in Malmö mit Punkten und Top-Ten-Platzierungen belohnt: Die Norwegerin Margret Berger erreichte mit der für den ESC sehr gewagten Elektro-Pop-Nummer "I Feed You My Love" immerhin Platz vier, die griechische Ethno-Ska-Sause "Alcohol is free" der Band Koza Moztra erklomm Platz sechs und markiert damit den Rang, der auch für LaBrassBanda hätte drin sein können, und sogar die ungewöhnlich einfühlsame Ballade "Birds" der Niederländerin Anouk schaffte es auf Platz neun.

Das stromlinienförmige Produkt Cascada hingegen rutschte abgeschlagen auf Platz 21 - das angemessene Ergebnis einer zaudernden deutschen Vorentscheidung. Lieber hat man sich hier für einen abgeschmackten Aufguss, also im Grunde gar nicht entschieden, als ein Risiko einzugehen. Lieber wurstelt man sich durch, als beherzt auch mal ein großartiges Scheitern in Kauf nehmen zu wollen. Lieber tut man hier nichts, als etwas zu wagen.

So gesehen: Vielleicht ist doch Angela Merkel schuld.

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