Anne-Sophie Mutter über Filmmusik "Der 'Weiße Hai' ist nichts für Geigen"

Anne-Sophie Mutter ist Deutschlands bekannteste Violinistin, jetzt hat sie Hollywood-Soundtracks eingespielt. Ein Gespräch über den Duschschrei in "Psycho" und die Frage, wie man junge Menschen für Klassik begeistert.

Anne-Sophie Mutter (Archivbild): "Mein Anliegen war schon immer, junge Leute für Klassik zu begeistern"
Arno Burgi/ DPA

Anne-Sophie Mutter (Archivbild): "Mein Anliegen war schon immer, junge Leute für Klassik zu begeistern"

Ein Interview von


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  • Peter Kneffel/ DPA
    Anne-Sophie Mutter,56, stammt aus Rheinfelden in Baden. Unter dem Dirigenten Herbert von Karajan kam die Violinistin zu Weltruhm. Mit ihrer Stiftung fördert die Künstlerin heute weltweit junge Solisten, die sich klassischen Streichinstrumenten verschrieben haben.

SPIEGEL ONLINE: Frau Mutter, für Ihre neue CD haben Sie Hollywood-Filmmusik von John Williams eingespielt. In der Ankündigung heißt es, Sie hätten "als Teenager im Schwarzwald die Musik von 'Krieg der Sterne' für sich entdeckt". Stimmt das oder ist das PR?

Anne-Sophie Mutter: Selbstverständlich habe ich die Filme schon als Kind gesehen. In der Region, in der ich aufwuchs, war nicht sehr viel los. Jedes kulturelle Ereignis - ein Buch, ein Klassikkonzert und eben die Star-Wars-Filme - habe ich aufgesogen. Den Soundtrack von John Williams fand ich wunderbar. Hier wurzelt meine Liebe zu seinen Werken.

SPIEGEL ONLINE: Trotzdem sollten Jahrzehnte vergehen, bevor Sie - inzwischen selbst weltberühmt - Williams kennenlernten und gemeinsam musizierten.

Mutter: Das stimmt, ich begann erst vor zehn Jahren damit, mich mit seinen klassischen Kompositionen zu beschäftigen. Beim Festival im amerikanischen Tanglewood sind wir uns vor sechs, sieben Jahren das erste Mal persönlich begegnet. Ich habe sofort die Gelegenheit genutzt, ihn um ein Werk für mich zu bitten. Er hat sehr charmant, aber auch dezidiert erklärt, dass er es zeitlich nicht schaffe. Wir blieben in Kontakt. Von ihm stammt ja der Spruch "one cookie, one bar", also im Deutschen etwa: ein Plätzchen pro Takt. Deshalb schickte ich John - ganz ehrlich: ohne jeden Hintergedanken! - ein Paket mit bayerischen Lebkuchen.

SPIEGEL ONLINE: Ach. Die Lebkuchen-Anekdote stimmt tatsächlich?

Mutter: Ja, die ist wahr. In seinem Dank schrieb er: "ten cookies, ten bars". Aus den zehn Takten wurden ungefähr 150, die er mir schickte. Das war zwar nicht das erhoffte Violinkonzert. Aber die Überraschung war trotzdem gelungen.

Komponist John Williams (Archivbild): "Macht man die Augen zu, steht seine Musik völlig für sich"
Michael Kovac/ Getty Images

Komponist John Williams (Archivbild): "Macht man die Augen zu, steht seine Musik völlig für sich"

SPIEGEL ONLINE: Das waren die Takte zu "Markings", einem rund zehnminütigen, einsätzigen Werk für Violine und Orchester, richtig?

Mutter: Genau. John überlegte danach, zwei Themen aus "Star Wars" für Violine zu bearbeiten, entschied sich aber glücklicherweise letztlich, alle seiner Filmmusiken für mich einzurichten, in denen die Geige als Soloinstrument möglich ist. Damit veränderte sich der Ansatz komplett. Es entstand so insgesamt ein Dutzend in sich geschlossener Werke. In jedem werden sehr unterschiedliche Charaktere oder Stimmungen geschildert: Angst, Liebe, Leidenschaft, Spannung, Kummer, Trauer: Das macht das Projekt für mich so spannend.

Preisabfragezeitpunkt:
17.07.2019, 11:14 Uhr
Ohne Gewähr

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Anne-Sophie Mutter (Violine)

Across the Stars (Digi)

Label:
Deutsche Grammophon (Universal Music)
Preis:
EUR 17,99
John Williams (Komponist)

SPIEGEL ONLINE: Was schätzen Sie an John Williams?

Mutter: Er hat ein herausragendes Verständnis, welches Instrument zu welcher Situation und zu welcher Person passt. John weiß aber auch, wann ein Film die Stille braucht. Er ist äußerst akribisch. Den kreativen Prozess des ständigen Verbesserns habe ich in der exzessiven Art noch mit keinem Komponisten erlebt. Erstaunlich ist, dass er keine Drehbücher liest.

SPIEGEL ONLINE: Tut er nicht?

Mutter: Nein, er schaut sich den Rohschnitt des Films an, weil er genauso reagieren will wie der Zuschauer, der ihn erstmals sieht. Dieses jungfräuliche Empfinden setzt er dann musikalisch mit dem Ziel um, die Aussage einer Szene zu unterstützen. Macht man die Augen zu, steht seine Musik völlig für sich.

SPIEGEL ONLINE: Die Musik funktioniert also auch ohne Film?

Mutter: Ja, aber der Film nicht ohne Johns Musik. Schauen Sie sich den "Weißen Hai" als Stummfilm an. Da kommt ein großer Hai angeschwommen - okay, das ist ein bisschen gruselig. Mit der Musik ist der Gruseleffekt ungleich stärker.

SPIEGEL ONLINE: Ausgerechnet der "Weiße Hai" ist nicht auf der CD. Warum nicht?

Mutter: Das Schaudern wird von tiefen Tönen, vor allem Kontrabässen, erzeugt. Violinen haben einen hellen Klang nah an der menschlichen Stimme. Das passt etwa gut zur Hysterie der Duschszene in "Psycho". Der "Weiße Hai" ist jedoch nichts für Geigen.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben bisher Meisterwerke der Klassik, aber auch zahlreiche moderne Kompositionen eingespielt und populär gemacht. Warum nun Unterhaltung?

Mutter: Es gibt nur gute oder schlechte Musik. Kompositionen für Film sind große Kunst, zumal die von John. Es ist schade, dass er vor allem an seinem Schaffen für Hollywood gemessen wird. Seine klassischen Werke haben dieselbe hohe künstlerische Qualität.

SPIEGEL ONLINE: Aber warum dann erst jetzt?

Mutter: Ohne die persönliche Begegnung mit John hätte ich wohl niemals eine solche CD aufgenommen. Er hat seine Musik bewusst und gezielt für mich umgeschrieben. Es muss zu mir passen, damit es stimmig ist. Irgendeinen Abklatsch von Herrn XY hätte ich nicht eingespielt.

SPIEGEL ONLINE: Der Klassik-CD-Markt boomt nicht gerade. Ist das auch ein Versuch, junge Leute für die Klassik und als Käufer zu gewinnen?

Mutter: Mein Anliegen war schon immer, junge Leute für Klassik zu begeistern. John Williams ist derjenige, der - auch wegen der finanziellen Möglichkeiten Hollywoods - uns die Ausdrucksstärke eines großen sinfonischen Orchesters nahebringen kann. Diesen riesigen Schatz an Farben und Emotionen der jungen Generation zu vermitteln, ist eine Chance. An meinen Kindern erlebe ich es selbst, wie gerührt sie sind, wenn ich "Harry Potter" spiele.

SPIEGEL ONLINE: Man könnte aber auch sagen: Es ist schlicht einfacher, junge Leute mit Musik aus "Harry Potter" zu begeistern, als mit den Werken von Krzysztof Penderecki oder Wolfgang Rihm.

Mutter: Sehr wahrscheinlich ist das so. Aber das eine schließt das andere ja nicht aus. Ich tue es schließlich auch nicht. Ich habe 27 Kompositionen uraufgeführt, aber liebe genauso sehr die Musik zu "Harry Potter".

SPIEGEL ONLINE: Auf der CD treffen heitere Klänge auf die traurige Musik zu "Schindlers Liste". Wie passt das zusammen?

Mutter: Bei Mozart, Beethoven und anderen großen Komponisten gibt es neben der Tragik aber immer auch das komische Momentum, überbordende Lebensfreude, höfische Tänze, Drama. Das Schöne an der Musik ist doch, dass sie nicht auf die immergleiche Art vor sich hinplätschert, sondern die ganze Bandbreite menschlicher Emotionen abbildet. Allerdings ist "Schindlers Liste" absichtlich der letzte Titel auf der Platte. Denn danach kann selbstverständlich nichts mehr kommen.


Am 14. September spielt Anne-Sophie Mutter mit ihrem Programm "Across the Stars" ein Open-Air-Konzert in München.



insgesamt 16 Beiträge
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Menschundrecht 22.07.2019
1. Haie, Mütter, Duschen, Angriffe, Schreie
Der 'Weisse Hai' ist vielleicht 'nichts für Geigen', aber grundsätzlich können Haie sehr interessant sein gerade auch für kleine GeigerInnen, die mit dem Instrument beginnen, besonders, wenn den Haien niemand die Zähne zieht. Die Kolleginnen und Kollegen Kathy und David Blackwell beispielsweise haben mit ihren 'String Time Joggers' eine 'Sea Suite' für Anfängerorchester veröffentlicht, mit 'Shark Attack' beginnend mit einem Stück, das kleine GeigerInnen und StreicherInnen sehr mögen und schon ganz am Anfang gerne und schön zusammen spielen.
Menschundrecht 22.07.2019
2. Der Duschschrei
A propos, meinem Duschschrei gegenüber war Marion Crane mit ihrem Schrei unter der Dusche ein kleines Mäuschen, die Geigen zum Film entsprechend, als ich kürzlich erfahren musste, dass Uschi Höchst - Strafe (https://www.spiegel.de/forum/politik/von-der-leyen-als-kommissionschefin-hinterzimmer-mit-aussicht-thread-925380-7.html#postbit_76859084) vom Amt der nationalen Top - Terroristin in das Amt der internationalen Top - Terroristin 'gewählt' worden ist. Der totale Horror, Atombombe, duck and cover, Todesangst. Frau Mutter, die Uschi, die ist doch Ihre beste Freundin. (https://www.mittelbayerische.de/imgserver/_thumbnails/images/34/769200/769216/779x467.jpg) Gab's bei Ihnen einen Freudenschrei unter der Dusche, als das passiert ist?
In effigie 22.07.2019
3. Alles ist nur noch Mutti
Es kommt mir so vor, als wäre die Stargeigerin mittlerweile hinabgesunken in die Gefilde von Stardesigner Gildo Maria Cromer oder wie der heißt. Alles ist nur noch Mutti.
das flinke Wiesel 22.07.2019
4. Warum sollte man junge Menschen für Klassik begeistern ?
Lasst sie doch die Musik spielen, die ihnen gefällt. Leider ist das Publikum nur noch am Mainstream und an Stars interessiert und unbekannte Bands will niemand hören. Der dümmste Sender ist der SWR mit seinen größten Hits aller Zeiten. Irgendwann muss ein geistig normaler Mensch über den Oldies-Schwachsinn hinwegkommen. Bei Bedarf kann ja gelegentlich die Jugenderinnerrungen bei YouTube geniessen, die Lords, Rainbows Balla,balla usw. Wie wäre es mal mit einem Abstecher nach Heavy Metall Frau Mutter ? Klingt phantastisch zusammen mit Violinen (ehemals Stereo.pilot) oder ausgebildeten Opernsängerinnen (Coronatus). Nach ehemals "Bach goes to town" jetzt "Beethoven to heavy Metall". Aber es gibt kein genügend großes Publikum für sowas und ohne etwas Geld geht halt nichts. Im übrigen ist die ganze heutige Musik, auch die Filmmusik, für den Massengeschmack kastriert. Wenn es jedem wegen der Verkaufszahlen gefallen muss, müssen es halt Ohrwürmer sein.
Little_Nemo 22.07.2019
5. Ohrenkino
"Filmmusik" ist ja ein extrem weiter Begriff. Da können Lieder der Beatles ebenso drunter fallen wie die Scores der klassischen Art von Komponisten wie John Williams, Jerry Goldsmith oder Wojcek Kilar, um nur mal drei zu nennen. Und zu allen Zeiten gab es da eine Menge seichtes Zeug, aber auch sehr hochklassige Werke. Man erinnere sich nur mal daran, dass Shostakovich, der sowieso seine ersten Sporen als Kino-Pianist verdient hat, auch einige großartige Filmmusiken komponiert hat. Und auch andere große Komponisten wie Erich Wolfgang Korngold und Aaron Copland wären zu nennen. In einer Sendung irgendeines Klassik-Radiosenders sagte mal jemand, dass Richard Wagner seiner Ansicht nach der erste Filmmusik-Komponist gewesen sei, obwohl es zu seiner Zeit noch keine Filme gab und er insofern auch nie eine komponiert hat. Aber in seinem musikalischen Ansatz war er in der Tat sehr visuell, episch und suggestiv - sicher der prägendste Einfluss für filmmusikalische Nachfolger. Ich denke insofern, dass da was dran ist. Was mich allerdings immer wieder irritiert ist, dass, wenn es irgendwo um eine Würdigung der Filmmusik ansich geht, meist nur Williams und Hans Zimmer genannt werden. Bestenfalls wird noch mal Bernard Herrmann hervorgekramt. Alles großartige Komponisten, keine Frage, aber da gäbe es doch noch einige mehr. Manche schlechten Filme haben übrigens durchaus beachtliche Filmmusiken und manche Filme werden durch ihre Musik ruiniert. Gerade dieses berühmte Thema aus "Der weiße Hai" halte ich übrigens für unglaublich inspiriert. Ziehe ich den Märschen aus "Indiana Jones" und "Star Wars" deutlich vor. Man muss es sich mal wirklich genau und analytisch anhören. Es ist verblüffend wie es funktioniert. Auch ohne die Bilder.
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