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Kammermusik-Star Anne-Sophie Mutter: Jubiläum einer künstlerischen Ehe

Foto: Dario Acosta/ DG

Anne-Sophie Mutters "The Silver Album" Mutter ist die Beste

Auf höchstem Niveau seit 25 Jahren: Anne-Sophie Mutter und ihr Lieblingspianist Lambert Orkis führen eine perfekte künstlerische Ehe - und sind immer noch für Überraschungen gut. Hören Sie selbst!

Die Lady first! Wenn sich Anne-Sophie Mutter den Brahms vornimmt, brummt nicht nur die Hamburger Laeiszhalle, da spielt auch der lettische Dirigent Andris Nelsons - pardon! - die zweite Geige. Zuvor trumpfte der jugendliche Star zwar schon bei Richard Straußens "Don Juan" mit seinem Birmingham Symphony Orchestra klanglich auf, doch beim Brahms-Violinkonzert mit Solistin Mutter übernahm die Virtuosin höchstselbst die Führung. Lächelnd zwischen den Sätzen, ernst und konzentriert beim Spiel, selbstbewusst, aber immer dialogbereit: Diese Quadratur des Zirkels gelingt nur mit viel Erfahrung, Wissen und Technik. Nach der letzten Note lagen sich Nelsons und Mutter in den Armen, das Publikum lag beiden zu Füßen: Es war ein großes Konzert, ein würdiger Brahms.

Ganz anders geht's auch. Das zeigt Anne-Sophie Mutters Kammermusik-Liaison mit dem 1946 in Philadelphia geborenen Pianisten Lambert Orkis: Seit 25 Jahren spielen die beiden alle großen Werke für Violine und Klavier, und ihr Musizieren arbeitet eben nicht nur den bekannten Werke-Kanon von Mozart, Beethoven oder Brahms ab.

Lambert Orkis und Anne-Sophie Mutter demonstrieren, worum es bei Kammermusik überhaupt geht: Dass diese wohl uneitelste Form der Musik keine Konkurrenz zwischen Begleiten und solistischem Glänzen kennt, sondern ständig dichte Kommunikation verlangt, konzentriertes aufeinander Hören und ein gemeinsames Weben von Spannungsfeldern, in denen die Musik lebt und atmet. Und das Schönste dabei: Diese Klangsinnlichkeit, diese Freude an der musikalischen Schöpfung nimmt jeder Zuhörer wahr, dazu muss man kein E-Musik-Nerd sein.

Furioses von Fauré

Zu ihrem Silber-Jubiläum haben Mutter und Orkis ein paar Klassiker des Repertoires mit ein paar Novitäten auf einer Doppel-CD versammelt, aber wer einen schnellen, vitalen Eindruck dieses Zusammenspiels erleben will, der möge mit der nicht allzu oft gespielten Sonate vom französischen Klangzauberer Gabriel Fauré (1845-1924) beginnen. Fauré, hierzulande hauptsächlich durch sein "Requiem" bekannt, fächert in vier Sätzen und gut 20 Minuten ein breites Spektrum an sattem Klang und feinen Kantilenen auf, das beiden Virtuosen neben technischer Brillanz einiges an akzentuiertem Dialogverhalten abverlangt.

Aber natürlich beginnt die Reise, wie es sich gehört, retrospektiv, mit Sonaten von Beethoven (No. 7 op. 30) und Brahms (Nr. 2 op. 100): perlender Glanz in den Ecksätzen, elegante Melancholie in der Mitte. Expressiver Druck in genau bemessenen Dosen, doch so viel Emotion und Sinnlichkeit wie nötig. In ihrer abgezirkelten Intellektualität erfüllen diese Darstellungen alle Anforderungen für zeitlose Referenzqualität. Aber Anne-Sophie Mutter hat auch Wilderes zu bieten.

Emotion und Sinnlichkeit

Ganz oben auf den Virtuosen-Klippen und solo wollte der 1933 geborene polnische Avantgarde-Komponist Krzystof Penderecki die von ihm bewunderte Geigerin hören: Er schrieb 2013 für sie das haarsträubend schwere Variationen-Bouquet "La Follia" (Wahnsinn, Verrücktheit), das hier erstmals auf CD zu hören ist und die temperamentvoll-melancholische Stimmung dieser iberischen Tanz- und Liedform aus dem 16./17. Jahrhundert modern interpretiert.

Anne-Sophie Mutter schlägt die Brücke von der Spielfreude zur Abgründigkeit, die Penderecki trotz aller melodischen Fülle hineinkomponiert: ideales Material für Mutter, mit Kontrasten zu fesseln, was sie auf ihrem Instrument so gut wie kaum jemand beherrscht. Lesenswert in den Liner Notes zum Album sind auch ihre launigen Beschreibungen der Mühen mit gewissen technischen Anforderungen - die sie dennoch meistert. Und sie beherrscht auch das scheinbar Leichte.

Salon-Bonbons mit coolem Finish

Denn wer solche Stücke wie Fritz Kreislers (1875-1962) "Caprice viennois" op. 2 aufs Programm setzt, muss sich seiner Sache sehr sicher sein. Nur Künstlerinnen wie Anne-Sophie Mutter dürfen das: Mit leichter, nicht lässiger Hand volksliedhaften Melodien Würde geben, den Schmelz ohne Kitsch erblühen zu lassen und mit Ernst zu lächeln: Das ist viel schwieriger als es sich anhört. Den Brahms im Kreisler hörbar zu machen und dazu den Puzsta-Primas beim Brahms zu kitzeln, das erzeugt Gänsehaut, wenn man sich am Virtuosentum erfreut. Nach Fritz Kreislers Salon-Bonbons folgen dann ja auch die fälligen Ungarische Tänze vom großen Spröden aus dem Norden, womit sich der Kreis(ler) schließt.

An diese Momente knüpfen die beiden letzten, sehr kurzen Stücke der Doppel-CD an: Maurice Ravels jazzig-cooles "Pièce en forme de Habanera" und Claude Debussys "Beau Soir", das der legendäre Geigen-Hexer Jascha Heifetz für ein Duo arrangiert hat. Perfektes Finish für das Dream-Team, nachzuhören hier - in unserem Vorab-Stream: