Forscher über Antisemitismus und Gangsta-Rap »Es bringt nichts, zu sagen: ›Das dürft ihr nicht hören‹«

Eine neue Studie zeigt, dass Gangsta-Rap-Hörer eher zu antisemitischen Einstellungen neigen. Co-Autor Jakob Baier über Kollegah, Frauenfeindlichkeit – und die Frage, wie Eltern damit umgehen sollten.
Ein Interview von Jurek Skrobala
Rapper Kollegah (2017): »Antisemitismus, Misogynie und Rassismus gilt es klar zu benennen«

Rapper Kollegah (2017): »Antisemitismus, Misogynie und Rassismus gilt es klar zu benennen«

Foto: Lukas Seufert / HMB-Media / imago images
Foto: Nora Heinisch

Jakob Baier, 35, arbeitet als Politikwissenschaftler an der Universität Bielefeld. Seine Forschungsschwerpunkte sind Antisemitismus in der Kulturproduktion und Verschwörungsideologien in modernen Medien. Baier dissertiert zu Antisemitismus im deutschsprachigen Gangsta-Rap. Er ist Co-Autor der Studie »Die Suszeptibilität von Jugendlichen für Antisemitismus im Gangsta-Rap und Möglichkeiten der Prävention«.

SPIEGEL: Herr Baier, die Frage, wie antisemitisch deutschsprachiger Gangsta-Rap  ist, wurde in den vergangenen Jahren öfter mal gestellt. Haben Sie eine Antwort?

Jakob Baier: In den letzten 15 Jahren hat sich zumindest eine Entwicklung abgezeichnet: Verschwörungserzählungen, darunter auch antisemitische Inhalte, haben im Gangsta-Rap zugenommen. Am Echo 2018 hat sich dann eine breite Debatte darüber entzündet. Stein des Anstoßes war eine Textzeile von Farid Bang.

SPIEGEL: »Mein Körper definierter als von Auschwitz-Insassen«  aus »0815«, einem gemeinsamen Song mit Kollegah.

Baier: Dass gerade diese Zeile die Debatte angestoßen hat, ist ein Ausdruck davon, dass bei vielen Leuten offenbar ein eindimensionales Verständnis von Antisemitismus vorliegt. Als wäre nur der historische Antisemitismus der Nationalsozialisten antisemitisch. Die gegenwärtig virulenten Erscheinungsformen des Antisemitismus zeigen sich derzeit vor allem in verschwörungsideologischen sowie in antiisraelischen Positionen. Insbesondere Kollegah, der an diesem Lied mitgewirkt hat, vereint unterschiedliche Elemente des Antisemitismus in seiner Selbstinszenierung und seinen Aktivitäten – in Form von Verschwörungsmythen, die seine Palästina-»Dokumentation« und Musikvideos wie »Apokalypse« transportieren, und vor allem in Form antiisraelischer Positionen.

SPIEGEL: In einer aktuellen Studie haben Sie Antisemitismus im Gangsta-Rap untersucht. Sie unterscheiden darin zwischen klassischem, sekundären und israelbezogenem Antisemitismus.

Baier: Mit klassischem Antisemitismus ist die Form gemeint, die sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entwickelte, als der religiös begründete Judenhass zum pseudowissenschaftlich begründeten »modernen« Antisemitismus weiterentwickelt wurde. Im Kern dieser Ideologie stand die Vorstellung, dass die Juden eine eigene, minderwertige Rasse seien und es eine jüdische Weltverschwörung gebe. Als »sekundär« wird ein Post-Schoa-Antisemitismus bezeichnet, der sich nach 1945 zeigt. Darin spielen Formen der Schuldabwehr und Erinnerungsverweigerung eine Rolle bis hin zur Schoa-Relativierung oder gar Schoa-Leugnung. Der israelbezogene Antisemitismus ist heutzutage eine der virulentesten Erscheinungsformen. Darin dient der jüdische Staat als Projektionsfläche für antisemitisches Denken und Handeln.

SPIEGEL: Ist der israelbezogene Antisemitismus auch eine der virulentesten Erscheinungsformen im Gangsta-Rap?

Baier: In bestimmten Liedern, Musikvideos oder Social-Media-Statements von Gangsta-Rappern finden sich verschwörungsideologische Äußerungen und israelfeindliche Aussagen. Wobei man da vorsichtig argumentieren muss. Es gibt Abstufungen. Meistens findet sich in diesen Beiträgen ein Konglomerat an antisemitischen Ideologiefragmenten, wenn einzelne Rapper beispielsweise antiisraelische Positionen mit Verschwörungserzählungen verbinden. Mal sind das Andeutungen, mal ist das sehr explizit.

SPIEGEL: In Ihrer Studie haben Sie sich nicht nur mit Gangsta-Rappern befasst, sondern auch mit jungen Hörerinnen und Hörern. Wie sehen die aus?

Baier: Unsere Erhebungen in der NRW-Regionalstudie zeigen, dass Gangsta-Rap-Hörerinnen und -Hörer mehrheitlich einen mittleren Familienwohlstand aufweisen und teilweise einen hohen. Vergleicht man das mit Nicht-Hörerinnen und -Hörern, sind die sogar etwas ressourcenstärker. Das heißt: Wir müssen uns von der Vorstellung verabschieden, dass Gangsta-Rap eine Musikkultur ist, der sich vor allem prekarisierte Jugendliche zugehörig fühlen, die sogenannten Abgehängten. Gangsta-Rap ist ein Breitenphänomen.

SPIEGEL: In der Studie stellen Sie fest, es gebe eine »nachweisliche Affinität von Gangsta-Rap-Hörerinnen und -Hörern zum Antisemitismus«. Wie kommen Sie zu diesem Schluss?

Baier: Wir haben die Jugendlichen zunächst gefragt, wer von ihnen warum Gangsta-Rap hört. Dann haben wir Jugendliche zu antisemitischen, aber auch rassistischen und frauenfeindlichen Einstellungen befragt. Das haben wir miteinander abgeglichen, und es hat sich gezeigt, dass es Korrelationen gibt: Jugendliche, die viel Gangsta-Rap hören, neigen tendenziell auch eher zu antisemitischen Einstellungen. Das ist eine zentrale Erkenntnis der Studie. Eine weitere ist, dass das Gleiche für Misogynie gilt.

SPIEGEL: Gangsta-Rap-Hörer neigen eher dazu, frauenfeindliche Einstellungen zu vertreten?

Baier: Da zeigt sich ein ähnliches Bild. Das ist konsistent. Trotzdem bin ich dafür, diese Ergebnisse in aller Vorsicht zu betrachten. Wir haben eine erste explorative Studie gemacht, die sich in dieses Dunkelfeld vorwagt. Es gibt messbare Zusammenhänge, aber sie sind vor allem als Auftrag zu verstehen für weitere Forschungen. Wir konnten zwar Korrelationen bestimmen, aber in der Sozialforschung gilt der Merksatz: Korrelation nicht gleich Kausalität. Wir können also nicht sagen, ob Jugendliche Gangsta-Rap hören und deshalb solche Neigungen verinnerlichen oder ob Jugendliche, die schon zu diesen Neigungen tendieren, von den Inhalten des Genres angezogen werden.

SPIEGEL: Wie empfänglich sind die Hörer für Verschwörungstheorien im Allgemeinen?

Baier: In unserer qualitativen Studie hat sich gezeigt, dass Jugendliche eher ein distanziertes Verhältnis zu Verschwörungstheorien im Gangsta-Rap haben. Wenn jemand darüber rappt, dass die Erde flach ist, dann lehnen die das ab. Das ist für die unplausibel. Es hat sich aber auch gezeigt, dass die Jugendlichen zu einem manichäischen Weltbild neigen, also zu einem Weltbild, das die Umwelt nach scheinbar eindeutigen dichotomen Kategorien ordnet: Freund oder Feind. Oben und unten. Gut und böse.

SPIEGEL: »Boss« oder »Lauch«, um es mit Kollegah zu sagen.

Baier: Ja, nichts dazwischen, nur zwei Seiten. Das findet man im Gangsta-Rap ziemlich häufig. Und wenn die Jugendlichen zu so einer Weltdeutung neigen, können sie irgendwann auch ansprechbar sein für Verschwörungserzählungen, die auf diese Weise aufgebaut sind.

SPIEGEL: Eine Handlungsempfehlung von Ihnen lautet, »Musikveranstalter, Promoter und Label-Verantwortliche sowie Radiosender und Streaming-Dienstleister (…) auf die menschenfeindlichen Inhalte in der Musik (…) aufmerksam zu machen«. Denken Sie nicht, dass die sich solcher Inhalte schon bewusst sind, die aber in Kauf nehmen, weil die Musik kommerziell sehr erfolgreich ist?

Baier: Man würde ja davon ausgehen, dass etwa Label-Verantwortliche sich die Musik genau anhören und dann entscheiden, ob sie die veröffentlichen. Ich befürchte, dass das nicht immer der Fall ist. Es geht nicht darum, Gangsta-Rap allgemein zu dämonisieren, aber ich frage mich schon, ob die Major-Label-Verantwortlichen, die Kollegahs Musik vertrieben haben, wussten, welche antisemitischen Text- und Bildanleihen sein Musikvideo »Apokalypse« beinhaltet. Haben die da wirklich hingeschaut?

SPIEGEL: Was sagen Sie zu Eltern, die ihren Kindern das Hören von Gangsta-Rap am liebsten verbieten würden?

Baier: Es bringt überhaupt nichts, zu sagen: »Hey, das dürft ihr nicht hören, das ist schlimme Musik.« Vielmehr muss man ein Verständnis dafür gewinnen, warum diese Musik für Jugendliche attraktiv sein kann. Man muss erst einmal, gerade wenn es um die Arbeit mit Jugendlichen geht, ein Interesse dafür zeigen, was sie hören, und verstehen, warum sie das tun – und dann auch kritisch darüber diskutieren. Antisemitismus, Misogynie und Rassismus gilt es aber trotzdem klar zu benennen und zu kritisieren. Man muss jugendliche Gangsta-Rap-Konsumentinnen und -Konsumenten in solche Diskussionen genauso miteinbeziehen wie die Rapper selbst. Die haben zu Recht das Gefühl, dass man oft nur über sie redet, aber nicht mit ihnen.

Mehr lesen über Verwandte Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.