Abgehört - neue Musik Ganz alte Schule

Wie damals bei Motown: Auf dem neuen Album von Soul-Darling Michael Kiwanuka verwirklicht sich vor allem sein neuer Produzent. Anti alles wie in den Achtzigern: Black Heino. Wie immer gut: Aphex Twin.

Von und


Michael Kiwanuka - "Love & Hate"
(Polydor/Universal, ab 15 Juli)

Freundliche, aber demonstrative Übernahme: Schon das Cover-Artwork von Michael Kiwanukas zweitem Album verrät das Wirken eines neues Masterminds. Das, sagen wir mal: vereiste und gebrochene Herz, das zu tropfen beginnt, erinnert schon sehr stark an das Hüllenmotiv von "Rome", das Brian Burton 2011 zusammen mit dem italienischen Soundtrack-Komponisten Daniele Luppi herausbrachte. Burton ist besser bekannt als Danger Mouse und ist seit einigen Jahren als Rock- und Pop-Produzent gefragt. Aktuell verhalf er den etwas ziellos gewordenen Red Hot Chili Peppers zu einem eleganteren Sound, aber auch die Black Keys schätzten Burtons Dienste lange Zeit, weil er ihren scharfkantigen Blues smoother und moderner machte.

Mit Retro kennt sich Burton aus, und damit sind wir dann auch wieder bei Michael Kiwanuka. Der erst 28 Jahre alte britische Sänger klingt, als hätte er einst schon mit Otis Redding auf dem Dock in der Bay gesessen, und hatte vor vier Jahren mit seinem Debüt "Home Again" für Aufsehen gesorgt. "Home Again", sorgfältigst auf Vintage-Soul und -Folk gegilbt, ist ein schönes, ein konsensfähiges Album, noch heute wird es gern bei Dinnerpartys aufgelegt, weil man bei den seelenvollen, durchaus tiefschürfenden Gesängen Kiwanukas zwar hinhören sollte, aber auch nicht muss, man kann es auch als geschmackvolle Klangtapete verwenden, mit der man sich nicht zu weit vorwagt, aber dennoch Connaisseurtum und eine gewisse Hipness beweist. Gediegenes Mercury-Prize-Material halt, und für den britischen Edel-Pop-Award war Kiwanuka dann auch nominiert.

Danach fiel der Mann dann erst mal in tiefe Post-Ruhm-Depression, was nicht nur verständlich, sondern auch sehr sympathisch ist. Nachdem Kanye West ihn zu seinen "Yeezus"-Sessions einlud, aber am Ende keinen Ton von Kiwanuka verwendete, hörte man Gerüchte, der junge Star habe daran gedacht, die gerade erst begonnene Karriere gleich wieder an den Nagel zu hängen.

Es ist wohl Brian Burton zu verdanken, dass Kiwanuka noch einmal die Kurve kriegte. Der Preis dafür: "Love & Hate" ist ebenfalls ein sehr schönes Album geworden, aber es klingt streckenweise mehr nach einem Danger-Mouse-Album mit Gastsänger als nach der persönlichen, intimen Platte, die das Label im Infoblatt annonciert. Spektakulär deutlich wird dieser irritierende Umstand gleich im ersten Song: "Cold Little Heart" beginnt mit bibbernden Violinen und Engelschören von Schellack-Platte, man wähnt sich in einem der von Burton so geliebten Spaghetti-Western-Soundtracks. Nach zwei Minuten plinkert eine Gitarre hinein, die proggiges Pink-Floyd-Flair einströmen lässt, nach drei Minuten spielt Neil Young dann "Il grande silenzio" über Isaac Hayes Schwulst-Intro zu "Walk on By"… oder so ähnlich. Erst ab Minute fünf (von zehn) schunkelt sich das Stück in einen entspannten Shuffle, über den Kiwanuka dann seinen Song über betrogene Liebe singen darf. Wurde er nicht vielleicht eher um seinen originären Sound betrogen?

Der Übergang zum zweiten Song, der vom jungen britischen Produzenten Inflo betreuten Southern-Blues "Black Man in a White World" ist hart, hier ist Kiwanuka ganz bei sich, wenn er noch einmal erinnert, wie deprimierend es war, als Schwarzer im vorrangig weißen Stadtteil Muswell Hill im Norden Londons aufzuwachsen, wissend, dass er es nicht schaffen würde, mit seiner Hautfarbe als Rockmusiker Erfolg zu haben, sondern immer nur wieder ins Jazz-Getto gesteckt werden würde. Ein trotz seines Uptempos sehnsüchtig-trauriger, sehr bewegender Song, gerade im Schatten der aktuellen Rassenunruhen in den USA.

Danach groovt das Album dann mit der Ballade "Falling" und dem Slow Jam "Place I Belong" zurück in Burtons satte, plüschige Klanglandschaften, die beherzt in den Motown- und Stax-Klassikerkisten wühlen. Immer, wenn man gerade "Rip-off" rufen will, baut Burton einen unterschwellig mitlaufenden Elektro-Beat ein oder lässt eine rockistische Gitarre reinbraten, um so seinen edlen Amalgam-Sound zu etablieren, der sich nur auf eine einzige Pop-Epoche festlegen lässt, nämlich unsere Ära der Retromanie und Nostalgie.

Dass ihm und seinem überaus begabten Klienten Kiwanuka dabei Hits und moderne Klassiker gelingen, steht außer Frage: Das Optimismus beschwörende Titelstück hat einen der bittersüßesten Melodiebögen dieses Sommers, gefolgt vom bläsersatten Party-Schieber "One More Night", den man künftig in der Kneipe nach "Mustang Sally" auflegen könnte. Zum Ende hin schüttet "Love & Hate" noch mal richtig viel heiße Butter aus und landet mit den aus dem Off heranschallenden Gospelchor-Shouts und den händeringenden Streichern von "Rule the World" erneut bei Isaac Hayes.

Die Welt oder zumindest die Altbauwohnzimmer wird das Album mit dieser watteweich umarmenden Klangkompetenz wahrscheinlich schon dominieren. Wo genau dabei eigentlich Michael Kiwanuka abgeblieben ist, darf man sich fragen. Aber letztlich wars in den Sechzigern und Siebzigern, der Zeit, die diese Musik evoziert, ja nicht anders: Die Sänger haben performt, für den Sound gabs die Gordys, Whitfields und Spectors. Ganz alte Schule. (7.0) Andreas Borcholte

Black Heino - "Heldentum und Idiotie"
(Tapete/Indigo, seit 8. Juli)

Die besten Punksongs sind ja immer die, bei denen man gar nicht so richtig zuhören muss: Geht ja eh meistens nicht, je heiserer oder schriller gegrölt wird. "Eigenheim" der Berliner Band mit dem in selige Anti-Alles-Achtzigerjahre verweisenden Namen Black Heino ist so ein Song: Man braucht nur das im Jello-Biafra-Stil geheulte Reizwort "Eigenheim" im Refrain und ein paar knüppelnde Who- oder Kinks-Riffs, der Rest ist egal. Eigenheim, das evoziert Reihenhaus im Grünen ebenso wie Altbauwohnung oder Datsche in der Uckermark und schreit ganz laut "Spießer".

Diego Castro, Kpt. Plasto und Max Power kommen laut Label-Info ursprünglich aus dem Hamburger Süden und wuchsen, logisch, in den Achtzigern auf. Ihre Musik streckt sich nach Iggy Pops "The Idiot" (siehe Cover) ebenso wie nach dem Frust-Beat der Sixties und dem Polit-Rock des deutschen Herbstes und der Kohl-Jahre (siehe Fehlfarben-Hommage im Albumtitel). Der RAF-Terror und der damit verknüpfte, gern romantisch verklärte Revolutionsgestus wird dann auch in "Die Rache von Jürgen Ponto" zelebriert, denn das Kapitalismussystem hat natürlich gewonnen, "geh zur Maschine und prüf mal dein Konto". Mit "Guido Knopp" wird noch eine (gerade erst vergessene) bundesdeutsche Symbolfigur aus der Mottenkiste geholt, so kurz sind die Zyklen des retrospektiven Pop-Wiederkäuens inzwischen schon.

Aber man will nicht meckern: "Heldentum und Idiotie" trifft zwischen imitierten Posen der Vergangenheit und authentischer Zustandsbeschreibung oft die richtigen, rohen Töne. "Weniger Staat hab ich mir anders vorgestellt", klagt Castro im Sterne- und Blumfeld-Duktus über Überwachung und Datensammelwut, in "Der Osten" geißelt er Nazis und Antimodernisten - und im dystopischen Epos "Europa: Zwei Frauen" fabuliert er von "goldenen Horden aus dem Norden" und schlechten Träumen vom Sex mit Beate Zschäpe.

Jeder Song rangelt und strampelt sich mit angenehmer Dringlichkeit ins Spektrum gesellschaftlicher Relevanz und Zeitgeistdiagnose - bis hin zur Polizeigewalt-Sottise "Vom Himmel hoch die Polizei", das aktuell zum Soundtrack der Berliner Linksautonomenszene in der Rigaer Straße werden könnte. Das Erschreckende an Black Heino ist nicht, dass sie Protestpunk und BRD-Blues so unverschämt gut reproduzieren. Das Erschreckende daran ist, dass dieser vermeintlich gestrige Sound so perfekt in die Gegenwart passt. (7.7) Andreas Borcholte

Aphex Twin - "Cheetah" EP
(Warp/Rough Trade, seit 8. Juli)

Der britische Elektronikproduzent Richard D. James alias Aphex Twin hat ein Problem, das ansonsten wahrscheinlich nur Ralf Hütter von Kraftwerk kennt: Beide erweckten in ihren großen Zeiten einmal den Eindruck, einen direkten Draht in die Zukunft zu haben - doch dann ging das Leben und die Musikgeschichte weiter, und was blieb, war die große Erwartung, einem dieser Künstler würde noch einmal der ganz große, epochale Wurf gelingen. Was natürlich nicht mehr passiert. Kraftwerk werden die elektronische Musik nicht mehr revolutionieren. Und James auch nicht. Wahrscheinlich wird das überhaupt niemand mehr machen, weil die heroische Epoche dieser Musik eben vorbei ist. Was tun? Hütter, mittlerweile auch schon 69 Jahre alt, hat für Kraftwerk den Weg der Musealisierung gewählt. Kraftwerk spielen bevorzugt in Museen und arbeiten sich mit jedem ihre Auftritte noch einmal durch ihre Geschichte.

Ein Impuls, den James bestimmt auch kennt - sein riesiges Archiv nutzt er auch immer wieder, und so richtig klar ist ja nie, ob einer seiner Tracks neu ist oder schon ein paar Jahre gelegen hat. Aber James ist von anderem Temperament als Hütter: Vor Jahren sollte er einmal in einem New Yorker Klub spielen, nahm dann nur Schmirgelpapier mit, das er auf die Plattenteller legte und bespielte, dazu ließ er einen Gemüsemixer jaulen - die Leute liebten ihn trotzdem. Als er nach dem Auftritt den Mixer ins Publikum warf, lief der Mann, der das Gerät an den Kopf bekam, später zu ihm, nicht etwa um sich zu beschweren, sondern um es signieren zu lassen (so steht es wenigstens in einem dieser verrückten Fan-Foren. Wenn es nicht passiert ist, ist es wirklich gut erfunden). Für jemanden wie James, der so gern geliebt wie gehasst wird, wäre das Museum der falsche Ort.

Keine Musik mehr herauszubringen hat er probiert, Anfang der Nullerjahre kam eine Weile so gut wie nichts. Ganz viel Musik auf einmal veröffentlichen auch: Im vergangenen Jahr lud er dann auf einen Schlag 300 Stücke zum kostenlosen Download ins Netz. Mal machte er riesiges Tamtam (für sein letztes Album "Syros" von vor zwei Jahren, als er einen Heißluftballon mit dem Aphex-Twin-Logo über London aufsteigen ließ), mal das Gegenteil, wenn er Musik unter Pseudonymen veröffentlicht (die natürlich nie lange geheim bleiben).

Nun kommt "Cheetah", eine EP mit sieben Tracks, 33 Minuten lang. Eine kleine Platte, die eine andere Geschichte fortschreibt, die sich durch Richard D. James Geschichte zieht, die Liebe zu den Musikmaschinen. Im Artwork zu "Syro" fand sich eine lange Liste der 138 Gerätschaften, die bei der Produktion zum Einsatz gekommen waren - "Cheetah" ist nach einer obskuren britischen Synthesizer-Firma benannt, auf deren Geräten James seine Stücke eingespielt hat.

Wobei auch dieser Titel in die Irre führt. Denn die sieben Tracks mögen Fingerübungen auf dem titelgebenden Synthesizer Cheetah MS-800 und dem Sequenzer Sequentix Cirklon gewesen sein - am Ende leben sie vor allem davon, dass sie klingen, wie Aphex Twin in seinen großen Momenten immer schon klingen konnte. Neben den krachigen, ultraschnellen Terrortracks, die er so gern produziert, den Acid-Variationen, die er liebt, und den Satie-artigen Klavierpurzelstücken und den verspielten Kinderliedern, die von Brutalobeats zerkloppt werden, hat Richard D. James immer wieder diese melancholische, wunderschöne Musik gemacht, die aus der Tiefe der Schaltkreise zutiefst menschliche Gefühle holte. Traurigkeit, Zärtlichkeit, Sanftheit, Trost. So eine Platte ist "Cheetah" geworden. Mal mit Beat, mal ohne.

Richard D. James mag in den Neunzigern die elektronische Musik revolutioniert und mitgestaltet haben. Heute ist er vor allem ein eigener Planet, der selbstgenügsam seine Bahn zieht, dessen Ökosystem und dessen Klimazonen einigermaßen bekannt sind - der aber noch lange nicht vollständig kartografiert und dokumentiert ist. "Cheetah" ist eine Insel auf diesem Planeten. Warm im Sommer, kalt im Winter, am schönsten im Herbst. (8.5) Tobias Rapp

Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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insgesamt 6 Beiträge
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antmanhh 12.07.2016
1. Das Artwork von Aphex Twin...
Das Artwork von Aphex Twin erinnert doch klar an Rheingold...frühe 80er...
sekundo 13.07.2016
2. Herr Borcholte
spricht von evozieren! Ich kann sehr genau sagen, was seine Rezensionen bei mir evozieren! Er sollte sich mit seinem manierierten, nichtssagenden Wortbrei doch bitte wieder der Soziologie zuwenden und aufhören, verbale Potemkinsche Dörfer über ein Thema zu produzieren, das ihm merklich fremd ist und fremd bleiben wird!! Die Formel, je mehr Schallplatten ich besitze, umso größer ist meine Musik-Kompetenz hat noch nie funktioniert. Und das ist auch gut so!!
paulo_post 16.07.2016
3. stört doch nicht weiter
Zitat von sekundospricht von evozieren! Ich kann sehr genau sagen, was seine Rezensionen bei mir evozieren! Er sollte sich mit seinem manierierten, nichtssagenden Wortbrei doch bitte wieder der Soziologie zuwenden und aufhören, verbale Potemkinsche Dörfer über ein Thema zu produzieren, das ihm merklich fremd ist und fremd bleiben wird!! Die Formel, je mehr Schallplatten ich besitze, umso größer ist meine Musik-Kompetenz hat noch nie funktioniert. Und das ist auch gut so!!
Das ist doch nur noch der Gnadenhof der platten Kritiker. Man muss das ja nicht lesen (der Himmel bewahre). Aber manchmal übersieht man 'ne abgelegene Neuerscheinung, und dann ist man doch froh, hier einen meist zweiwöchig verspäteten Hinweis zu bekommen. Die Texte könnten sie auch weglassen (die gibt es nur, damit sie nicht aus dem Bemusterungs-Verteiler gestrichen werden) und die Millimeterficker-Wertangaben sowieso - ist ungefähr so erhellend wie die Aufzählung der Inhaltsstoffe von Joghurt. Ich persönlich gucke nur die bunten Bildchen. Das Geschwurbele spar' ich mir.
Rockaxe 16.07.2016
4. Vielleicht
hätten die beiden Herren ja einfach mal ein wenig in der Zeit zurückreisen sollen und ein geniales Album welches dieses Jahr seinen 50. Geburtstag feiert honorieren. Die Rede ist von Revolver von den Beatles. Immerhin neben Rubber Soul und Sgt. Peppers das innovativste Album der Fab Four. Wenn die Herren nach dem Hören der Alben noch neues Entdecken in der heutigen Musikwelt dürfen Sie sich gerne wieder äußern. ^^
Thorsten_M 24.07.2016
5. Mein Gott, diese Kommentare
Alter Schwede, lest Ihr eigentlich nochmal, was Ihr hier schreibt. Und Beatles? Wirklich? Ich mache mal hier das Licht aus. Und Ihr legt Euch hin. Ok?
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