"At Home With The Groovebox" Tanztee im Bienenstock

Die Sonderlinge der Popmusik, von Air bis Tortoise, von Beck bis Sonic Youth, haben sich an einer Groovebox versucht und die Ergebnisse auf einem Sampler zusammengetragen.

Von Michael Pilz


GRAND ROYAL

Es klingt wie ein Bekenntnis des verschämten Talkshow-Gastes mit der Schweinemaske. "Ich tat es zum ersten Mal mit dem Moog-Synthesizer", gibt Gershon Kingsley heute zu. Das ist der Mann, der "Popcorn" geschrieben hat. Den unbeschwerten Synthi-Hit von 1970, bei dem die Töne knacken wie Signale aus dem All, sich dann in bester Absicht aneinander reihen und Melodien formen für Millionen. Nun spielt es Gershon noch einmal. Auf einer Roland-Groovebox MC-303, mit neuen Beats und seiner späten Beichte. Als wäre es pervers, Musik durch Knopfdruck zu erzeugen.

Es ist die Kunst, den Deus ex Machina aus der Kiste zu befreien. Und manchmal ist das schwerer als Gitarre oder Schlagzeug spielen. Wofür allein die Fülle schlechter House- und Technoplatten spricht. Ein schönes neues Album heißt "At Home With The Groovebox", ein Sampler, der für alles wirbt: Für Kingsleys "Popcorn" und die Schöpfungskraft des Menschen. Für skurrile Musik aus logischen Schaltungen und die Eigenart des Einzelnen. Für die neueste Version der Groovebox, der MC-307, in der die Firma Roland ihre alten Drum- und Bass- und Sound-Maschinen in einem kleinen Pult mit Knöpfen, Tasten und Displays verborgen hat.

Buffalo Daughter aus Tokio erzählt mit dem Track "303 + 606 = ACID" auch die Geschichte dieser Box. Es war die House-Music der achtziger Jahre, die sich allein aus Rhythmen des TR-606 und aus dem Bass des TB-303 mit ein paar Sounds erstellen ließ. Aus dem Ersatz des Schlagzeugs war durch Kraftwerk, Herbie Hancock, Afrika Bambaataa, durch Disco, HipHop, Technopop ein Instrument geworden. Ein Lob der mathematisch korrekten Künstlichkeit. Am Ende ist die Kiste selbst dem Fortschritt zu Opfer gefallen. Die Software für den Power Mac hat auch die Groovebox degradiert zum rührenden Nostalgikum. Die Groovebox hat sich als Legende retten können: in den Kult.

Und dieses alte Pop-Prinzip? Dass die Musik nur mit der Hardware wächst? Ihr Vorsprung durch Technik? Mitunter wird der Lehrsatz außer Kraft gesetzt. Es kommt nur darauf an, durch wen. Aus diesem Grund hat Roland seine Box an die Exzentriker der Popmusik verschickt und unter "Grand Royal", dem Label der Beastie Boys, den Soundtrack für die Groovebox pressen lassen. Die Hülle zeigt die Kinderbuch-Idylle. Die All-American-Rockwell-Kids, wie sie auf einer Wiese ergriffen um die Kiste kauern. Auf dass die postmodernen Stars und Helden an den Knöpfen spielen.

Das führt, so war das wohl auch gedacht, zu allem möglichen: Schau an, was man mit dieser Groovebox alles tun und lassen kann. Man kann die Spuren überladen, als wollte man ein Demo für die Firma liefern, wie der Franzose Jean Jacques Perrey. Oder, wie Sonic Youth, die Speicher leise knastern lassen - als digitales "Campfire". Denn jeder sieht Musik als das, was er auch ohne Groovebox davon hält. Für Beck ist sie Zitatenschatz für witzige Collagen. Bei Tortoise lenkt die Melodie den Fluss der Klänge. Da ist der Kuschelkitsch von Air und der vergnügte Singsang Yuka Hondas. Und Stephen Malkmus kann nicht anders, als Geschichten zu erzählen.

Es geht darum, dass es der Künstler bleibt, der die Maschine seinem Willen unterwirft. Musik kann mehr als Software sein. Wenn sie es schafft, die Standards zu brechen, die ihnen die Geräte setzen. Dann macht es Sinn, der Technik die Musik zu überlassen und ihre sture Zuverlässigkeit zu schätzen. Früher haben ernsthafte Bartträger wie Conlon Nancarrow Lochstreifen fürs Pianola gestanzt. Haben Utopisten wie Iannis Xenakis Stücke im Computer wuchern lassen. Jetzt ist es die Elite der Popmusik, die weiß, was die Maschine leisten kann. "Man muss schon wissen, was man ihr erlauben darf", sagt Money Mark, der eine beschwingte Tonmalerei entworfen hat: Seine "Insects Are All Around Us", weil sie klingt wie ein Tanztee im Bienenstock.

Unter dem Pseudonym Bonnie "Prince" Billy ist auch Will Oldham dabei. Der große Trübsalbläser singt sein Lied zum dünnen Beat: "I'm drinking again, oho, oho. I'm dancing again, oho, oho. Life is a tribute to you - and so is dying." Tausend Takte Einsamkeit. Weil Technik glücklich aber einsam macht. Und Pop mitunter auch, wenn er viel besser als gewöhnlich ist.

"At Home With The Groovebox". (Grand Royal/Zomba)



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