Abgehört - neue Musik Es bleibt complicated

Avril Lavigne verpasst knapp den Eintritt ins post-adoleszente Alterswerk. Außerdem: Ein Werbeaussand von Modeselektor, eine Sehnsuchtsreise mit Hejira und verfeinerte Tristesse mit Sleaford Mods.

Von und


Avril Lavigne - "Head Above Water"
(BMG Rights, seit 15. Februar)

Es ist ein kleines Wunder, dass Avril Lavigne noch da ist. Und damit ist nicht gemeint, dass sie 2014 beinahe an einer Infektion mit Lyme-Borreliose gestorben wäre - oder sich in der erstaunlichen (inzwischen gezähmten) Lockenpracht ihres Ex-Gatten, dem Nickelback-Sänger Chad Kroeger, verloren hätte. Nein, das Wunder besteht darin, dass Lavigne mit ihren immer noch jungen 34 Jahren eigentlich schon ein Anachronismus ist, eine unwahrscheinliche Überlebende aus einer Zeit, in der man ohne Kichern Wörter wie "Nu-Metal" aussprach oder allen Ernstes glaubte, es könnte so etwas wie eine "Pop Punk Queen" geben. So wurde der Teenager Avril Lavigne genannt, nachdem sie ihr Debüt-Album "Let Go" (2002) millionenfach verkaufte und Radiohits wie "Complicated" oder "Sk8ter Boi" schuf. 2004 folgte mit "Under My Skin" ein weiteres Blockbuster-Album. Die Kanadierin wurde zum Prototyp und Rollenmodell für jene trotzig-vergrübelten Post-Goth/Neo-Romantik-Mädchen aus Young-Adult-Romanen wie "Twilight".

Je erwachsener Lavigne wurde, desto bemühter wurden ihre Posen als wütender Anti-Cheerleader ("Girlfriend", "Hello Kitty"), gleichzeitig schwand der Bedarf an balladenstarken Rocksängerinnen, je mehr sich Hip-Hop und R&B vor allem in den USA als neuer Mainstream-Pop etablierten, wovon stilistisch flexiblere Grenzgängerinnen wie Pink profitierten. Für eine langfristige Karriere im Pop-Geschäft schien die zu Dauer-Adoleszenz verdammte Avril Lavigne schlicht nicht vorgesehen zu sein. Und so klang dann auch ihr bisher letztes, selbstbetiteltes Album von 2013 nach Kapitulation: "Here's to Never Growing Up" war die traurig marschierende Single, die in Erinnerung blieb.

Daran gemessen ist "Head Above Water" so etwas wie ein Fortschritt - weil es solche spätpubertären Behauptungen nun weitgehend vermeidet. Wenn Lavigne ihre im Emo-Pathos grundierten Stärken ausspielt, im powerballadesken Titelsong oder im schroffen Midtempo von "Birdie", wenn es um gesprengte Käfige und andere Beschwörungen von Resilienz geht, klingt ihre stets ins Flehentliche kippende Stimme kraftvoller denn je - und weiß mit ausholenden Hooks und Refrains zu packen. Eine nuancierte Texterin wird sie wohl nicht mehr, dafür bleiben Break-up- und Bewältigungssongs wie "I Fell In Love With The Devil" oder "It Was In Me" lyrisch zu unbehauen. Aber mangelnde Sprachmacht bügelt Lavigne mit - so glaubt man - aufrichtiger Emphase aus.

"Head Above Water" hätte das durch Leid und Lebenserfahrung geerdete Comeback sein können, das per PR-Spin proklamiert wurde, aber zu viele Produzenten verstellen mit grellen Genre-Experimenten den klaren Blick auf die Künstlerin und eine eventuell neue, von Trends und Moden befreite Identität: Amy-Winehouse-Retrosoul in "Tell Me It's Over"? Kurios. Nicki Minaj als Gast-Rapperin im ungelenken Bierzelt-Banger "Dumb Blonde"? Uff. Taylor-Swift-Cheekyness in der fingerschnippenden Sommerhit-Anbiederung "Bigger Wow"? Peinlich. Vor allem in der weniger schwermütigen zweiten Albumhälfte wird so viel an die Breitwand geworfen, um bloß nicht den Pop-Zeitgeist zu verfehlen, dass humorvollere Modernisierungen des Lavigne-Sounds ("Goddess", "Love Me Insane") zu verpuffen drohen.

Aber für Subtilität ist Avril Lavigne ja noch nie angetreten, leider auch jetzt nicht. Davon zeugt auch das motivisch und geschmacklich völlig verrutschte Coverfoto der nackten Rocker-Muse mit Gitarre. Da war er dann doch wieder, der Anachronismus. (4.5) Andreas Borcholte

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Modeselektor - "Who Else"
(Monkeytown, ab 22. Februar)

Allzu viel Kunstwillen kann man dem Berliner Elektroduo Modeselektor nicht vorwerfen. Manche Technoproduzenten scheitern, wenn sie ihre Nachtmusik der Hörsituation eines Albums anpassen müssen, andere wachsen an der Wegscheide, die das kollektive Cluberlebnis unterscheidet vom vereinzelten Konsum über Kopfhörer. Gernot Bronsert und Sebastian Szary von Modeselektor dagegen sind marktgestählt: Als DJs und Live Acts reisen sie viel und geben dem Publikum auch auf dem Tonträger, was es von ihnen erwartet, also etwas auf die Ohren.

Ungewöhnlich für deutschen Techno ist, dass bei Modeselektor nicht Chicago oder Detroit die größte Rolle spielen, sondern London, wenn Grime anklingt, Brüssel oder auch Amsterdam, wenn sie die große Bollermaschine anwerfen. In "Prügelknabe" passiert das alles in einem einzigen Track, der seinem Titel 80 Sekunden lang alle Ehre macht, sich danach das Blut vom Mund wischt und runterkommt, bevor er am Ende wieder… Sie wissen schon: Alle Hände hoch! Man braucht kein Studium, um die Abläufe im Club vorauszuahnen, das macht den Club ja unter anderem zu einem so interessanten Ort. Aber eben, "Who Else", wie das Album heißt, geht durch Kopfhörer oder schallt aus den Heimboxen und unterfordert dabei. Dauert es deshalb nur gut eine halbe Stunde?

Auf der Single "Wealth" hören wir die Rapperin Flohio aus Südlondon und es klingt wie ein Grime-Track, und doch hinterlassen Modeselektor dabei ihre bekannten Duftmarken. Ein paar Pausen, ein paar kranke Synthies, die abdrehen wie ein Raver, der langsam umfällt. Und in "Who" gibt der estnische Rapper Tommy Cash ein Gastspiel über einen Brachialbeat, dem, Überraschung, die Bässe rausgedreht werden, um sie dann - richtig - wieder reinzudrehen. Erst geht es um Drogen, dann heißt es: "Bla, bla, bla". Kurz vor der Mitte des Tracks präsentieren die Berliner eine Art elektronisches Hackbrett, das die Harmonien süß ausschmückt.

Nach heißem Zucker schmeckt sonst eher das Projekt Moderat, das die beiden mit dem romantischen Technosänger Sascha Ring alias Apparat erfolgreich betreiben. Wo bei Moderat oft die Vergärung später Sommerfrüchte droht, gibt es bei Modeselektor nun etwas zu viele Backpfeifen. Ganz am Ende wird gegrunzt und gestöhnt im Midtempo, man erwartet fast eine Telefonnummer, unter der man anrufen soll: Das Album klingt wie eine Werbesendung - für die nächsten Auftritte. Falsch ist das nicht, so läuft der Markt. Besonders aufregend ist es aber auch nicht. (5.5) Tobi Müller

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Hejira - "Thread Of Gold"
( Lima Limo Records , ab 22. Februar)

Etwas Altmodisches umweht dieses zweite Album der in London ansässigen Band Hejira. Man hört diese aus schlichten, aber fein und präzise arrangierten Pop-, Northern-Soul- und Jazz-Elementen zusammenfließende Musik und denkt an Pop aus den späten Achtzigern, als sich große Gefühle noch weitgehend ohne elektronische Soundbrechung und rhythmische Verkomplizierungen manifestieren durften. Man denkt an den Proto-TripHop der Talkin'-Loud-Ära und an den weltmusikalisch infizierten Polit-Pop von Working Week oder Latin Quarter. Und natürlich an Joni Mitchell, die Mitte der Siebziger einen Trip quer durch die USA unternahm und die Songs, die sie unterwegs schrieb, auf dem Album "Hejira" sammelte, ein Begriff aus dem Islam, der "Reise an einen begehrenswerteren Ort" bedeutet.

Ein von der Sehnsucht nach ungebrochener Schönheit erzählender Trip ist auch die Musik der Band Hejira. "Thread Of Gold" handelt aber auch ganz konkret von einer Reise. Nachdem ihr Vater verstarb, beschäftigte sich Sängerin Rahel Debebe-Dessalegne nach langer Zeit wieder eingehender mit ihrem Herkunftsland Äthiopien - und verfrachtete kurzerhand ihre ganze Band nach Addis Abeba, wo unter anderem Songs wie "Lima Limo" entstanden, der hymnisch die Serpentinen des äthiopischen Simien Gebirges erklimmt. Behutsam eingesetzte Field Recordings von Straßenszenen ergänzen einen nach Identität tastenden Sound.

Andreas Borcholtes Playlist KW 8
SPIEGEL ONLINE

Playlist auf Spotify

1. Sleaford Mods: Flipside

2. Modeselektor: Who feat Tommy Cash

3. Chaka Khan: Like Sugar

4. Hejira: Joyful Mind

5. Aldous Harding: The Barrel

6. Bilderbuch: Europa 22

7. Vendredi sur Mer: Chewing-Gum

8. Hania Rani: Glass

9. Apparat: Dawan

10. Noga Erez: Worth None (Reworked)

Der vielleicht etwas zu gefällige Ansatz der ersten Albumhälfte, dominiert von der nach Pop-Radioeinsatz kobernden Single "Joyful Mind" und der Massive Attack-Anverwandlung "Ribs", erhält ein Gegengewicht durch offener gehaltene, fast meditativ wirkende Kompositionen wie "A Taxi Man", "You" oder den abschließenden Titelsong, bei dem nur noch Debebe-Dessalegnes in den Höhen brüchig werdende Stimme, ein klimperndes Piano und dezent gesetzte Streicher übrig bleiben. Perfekt und glatt klingen diese mit Ernsthaftigkeit vorgetragenen Innenansichten nur beim flüchtigen Hören. (6.9) Andreas Borcholte

Sleaford Mods - "Eton Alive"
(Extreme Eating, ab 22. Februar)

Das Gefährlichste an den Sleaford Mods ist wahrscheinlich ihre Weigerung, sich vereinnahmen zu lassen: "You have to do change, but the only change I like sits in my pocket, I'm a consumer", bellt Jason Williamson in "Subtraction" - und zeigt damit all jenen den Finger, die dem Duo aus Nottingham Antikapitalismus oder eine linke, umstürzlerische Klassenkampf-Agenda zuschreiben wollen: Politik ist in den Texten von Williamson nur noch ein leerer Diskurs ("Discourse"), im Anschreiben zum Album, dem ersten auf dem bandeigenen Label, formuliert er seine Gedanken zum Brexit und britischer Sparpolitik in gewohnter Fäkelsprache: "Here we are once again in the middle of another elitist plan being digested slowly as we wait to be turned into faeces once more". Mit anderen Worten: It's all shit.

Auch wenn Williamson, immer für einen räudigen Spruch zu haben, an anderer Stelle behauptet, es sei schon okay, wenn die Kinder Hunde-Exkremente von der Straße naschen, aber bitte nur die weißen! Mit Rassismus und Reaktionärem kennt sich der 48-Jährige aus, die aus vorrangig kleinen Ortschaften bestehende Grafschaft Lincolnshire im nördlichen Heartland Englands stimmte 2016 zu 60 Prozent für "Leave".

Abgehört im Radio
Mittwochs um 23 Uhr gibt es beim Hamburger Web-Radio ByteFM ein Abgehört-Mixtape mit vielen Songs aus den besprochenen Platten und Highlights aus der persönlichen Playlist von Andreas Borcholte.

Aber wirklich etwas unternehmen dagegen, von den Eton-Eliten, von Brexit-Fanatikern und Nationalisten bei lebendigem Leibe gefressen zu werden, "eaten alive", wie der Albumtitel zu lesen ist? Was soll man schon machen? Eh alles fake. Die schlau daher redenden Experten im Fernsehen kriegen in Songs wie "Kebab Spider" ebenso ihr Fett weg wie Blur-Gitarrist Graham Coxon, dem Williamson in "Flipside" bescheinigt, wie ein "left wing Boris Johnson" auszusehen. Natürlich nur Spaß. "Into The Payzone" geißelt den Hedonismus der teuren Innenstädte und ihrer an Dampfzigaretten nuckelnden Luxus-Bewohner: "I don't use flavoured vapes/ They're blow up dolls for hipsters, mate", um dann aber gleich wieder jegliches Lagerdenken aufzulösen: "But I don't mind hipsters mate/ We ain't hipster bashing fakes".

Ein "fake", eine hohle Masche oder Pose, sind die Sleaford Mods auch im siebten Jahr ihrer aktuellen Besetzung also nicht geworden, auch wenn sich der frühere Gelegenheitsarbeiter Williamson jetzt eine bessere Wohnung leisten kann und mit einem 250 Euro teuren Erste-Klasse-Bahnticket von Nottingham nach London fährt. Im Gegenteil: Seine jetzt zum Teil in lamentierender John-Lydon-Manier gesungenen Texte ("When You Come Up To Me") sind vielleicht keine wütenden, fluchlastigen Rants mehr wie auf den ersten Alben "Austerity Dogs" und "Divide And Exit", die Durchbruch und Erfolg brachten, und auch Beats-Lieferant Andrew Fearn hat seine minimalistischen Loops aus Post-Punk-, Hip-Hop-, Dub- und Techno-Mustern verfeinert.

Aber es sind genau die mit apokalyptischem Geklapper oder dumpfen Melodie-Fragmenten unterlegten Alltagsbetrachtungen und die lakonische, fast schon nihilistische Resignation in herausragenden Tracks wie "OBCT" oder "Top It Up", die "Eton Alive" zu einem der bisher besten - und tristesten - Alben der Mods machen. Oder, um es mit Jason Willamson zu sagen: "Of course we're fucking relevant!". (8.0) Andreas Borcholte


Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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insgesamt 10 Beiträge
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Seite 1
rolfspiegelhalter 19.02.2019
1. Avril Lavigne
Wenn "Head Above Water" mit seinen stockkonservativen Balladen aber vor allem eines ist, dann bocklangweilig. Ein überproduzierter Klumpen, der sämtliche Gefühle verklebt. Auch wenn ein emotionaler Hintergrund das Album trägt, transportiert Avril Lavigne diesen nicht glaubhaft. Fast wünscht man sich Stücke wie "Sk8ter Boi" oder "Hello Kitty" zurück. Über die konnte man sich wenigstens noch zünftig aufregen.
popeypope 19.02.2019
2.
Irgendwie werden die Reviews besser dies Jahr. Avril Lavigne: forgettable, das braucht echt keiner mehr. Modeselektor: Geht, aber alles andere als das Gelbe vom Ei. Hejira: Ganz nett soweit. Aber.. was solls. Sleaford Mods: Wie üblich ne Bank. Die Tristigkeit dieses Albums werde ich noch anderweitig überprüfen müssen.
christoph_sieler 20.02.2019
3. Blur
Also Graham Coxon hat aller Alliteration zum Trotz immer noch Gitarre bei Blur gespielt, und nicht Bass!
Hatha 20.02.2019
4. Nu Metal / Rapcore
Mich würde mal interessieren warum man heute kichernd über Nu-Metal redet. Die Musik war richtig gut, lebte zwar hauptsächlich von den schreienden Sängern, aber auch die Instrumente waren anspruchsvoll was Rythmus anging. Da gab's schon oft eine Mischung aus 8tel und 16tel Noten mit Auf-und Abschlag. Natürlich spielten die Gitarren meistens das selbe wie der Bass, schliesslich lebte die Musik vom Bass. Aber warum muss man Nu Metal eigentlich immer so abwertend behandeln? Man könnte es auch Rapcore nennen.
Andreas Borcholte (SPON-Autor) 20.02.2019
5.
Zitat von christoph_sielerAlso Graham Coxon hat aller Alliteration zum Trotz immer noch Gitarre bei Blur gespielt, und nicht Bass!
Stimmt natürlich, wird sofort korrigiert. Vielen Dank!
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