Barock-Interpretin Pluhar Domina der Alten Musik

Ihr Ledermantel ist zum Fürchten, ihre Musik aber ist ein herrlich unverschämter Spaß: Christina Pluhar mischt Monteverdi als Jamsession auf – und piesackt damit den einen oder anderen Puristen.
Von Kai Luehrs-Kaiser

Musikmachen wie ein Filmregisseur? "Für eine Kinogeschichte braucht man gute Schauspieler", sagt Christina Pluhar. "Also castet man sie. Genauso suche ich mir für jede CD die passenden Sänger."

So sieht das Musikverständnis der Grazerin aus, die als Jamsession-Domina der Alten Musik bekannt ist. Auf ihrer neuen CD heizt sie Madrigalen von Monteverdi so sehr mit Jazz- und Blues-Elementen ein, mit nervösem Improvisationsgeist und feurigen Launen, dass der Zeitabstand zwischen dem 17. Jahrhundert und heute schmilzt wie Schnee.

Ihr "Teatro d'Amore" ist die unverschämteste und lustigste Barock-CD seit Jahren – sicher auch, weil sie mit Nuria Rial und Countertenor Philippe Jaroussky als erotischem Crooner mit Stars gespickt ist. Pluhars Casting-Konzept ist also aufgegangen.

Die Hohepriester der Alten Musik werden zwar die Stirn runzeln, aber das macht nichts. Obwohl nirgendwo Wahrheit so schwer greifbar ist wie im Bereich der Alten Musik, gibt sich die historische Aufführungspraxis fast so dogmatisch darmsaitenfixiert wie eh und je. Wie Monteverdi "original" geklungen hat, wer will es wissen? Schließlich notierte der Hofmusikus der Familie Gonzaga in Mantua (getauft 1567, gestorben 1643) allzu wenig in seine Partitur.

Der Notentext war im Frühbarock nur Gedächtnisbehelf für Musiker, die wussten, was sie zu tun hatten. Außerdem spielte Improvisation damals eine so große Rolle, dass der Phantasie auch im Notenbild sperrangelweit Raum gelassen wurde. Man muss seine Phantasie blühen lassen, will man heute eine "authentische" Aufführung von Monteverdi-Musik zu Stande bringen.

Und genau das macht die Rede von "historisch informierter Aufführungspraxis" unsinnig. Wo die Grenze zwischen Wahrheit und Wundertüte liegt, bei dieser Frage tappen wir im Dunkeln.

Christina Pluhar, mit der österreichischen Schauspielerin Erika Pluhar nicht (oder höchstens sehr weitläufig) verwandt, macht von diesem Freifahrtschein ins Improvisationsglück ausgiebig Gebrauch.

In "Ohimè ch'io cado" groovt die Basslinie so frei und harmonisch doppeldeutig wie ein "walking bass" bei Charlie Mingus oder Art Tatum. Hier scheint es, dass tatsächlich im Barock der Jazz vorweggenommen wurde. Pluhars Ensemble "L'Arpeggiata" projiziert ihn kongenial in die Vergangenheit.

Die 43-Jährige nennt das Ergebnis bescheiden "Scherzo musicale" – und bekennt sich zur Ironie. Es sei "ein Spaß", sich dergleichen zu erlauben. Harmonisch habe sich seit damals ziemlich wenig geändert. Diese Erkenntnis zündet tatsächlich phantastisch bei Auszügen der "Poppea"-Oper, bei Canzonetten und Madrigal-Büchern, aus denen sich das "Teatro d'Amore" freizügig bedient.

"Puristen sagen: Das geht zu weit. Ich weiß nur, dass das beim Publikum großartig ankommt", so Pluhar in Paris, wo sie seit vielen Jahren lebt. Auf der Suche nach einem Lauten-Lehrer ging die junge Frau zunächst nach Den Haag und Basel. Bei Ivor Bolton im Bayerischen Staatsorchester muckte sie an der Harfe, bis sie 2000 ihr eigenes Ensemble "L'Arpeggiata" gründete (benannt nach einer Toccata des Venezianers Giovanni Kapsberger).

Heute dirigiert sie als "Maestra di cappella" vom Instrument aus, spielt allerdings häufiger als die Harfe an der Theorbe (eine um die tiefe Mensur ergänzte Großform der Barock-Laute). Exotische Welten? "Alte Musik wird immer eine Fremdsprache bleiben", sagt die polyglotte Pluhar. Wahrscheinlich liegt genau darin der Reiz.

"Wer beansprucht authentisch zu sein, der befindet sich längst auf dem falschen Dampfer", meint Pluhar.

Den Eigenwillen sieht man ihr an. Die Schirmständer-Frisur, die sie aus Teenager-Zeiten herübergerettet hat, zeugt von unverhältnismäßigem Kämm-Aufwand; der lange Ledermantel, den sie wotanartig für die Rückseite ihrer CD angelegt hat, ist zum Fürchten.

Die Musik aber, die nach dem Motto "Roll over Monteverdi" Laune macht, ist der überraschendste, weitsichtigste Beitrag zur Klassik seit langem.


CD Monteverdi: "Teatro d'Amore" (Philippe Jaroussky, Countertenor u.a., Ensemble L'Arpeggiata, Ltg. Christina Pluhar) (Virgin 5099923614000).

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