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24. Februar 2015, 19:57 Uhr

Shitstorm gegen Berliner Rapper

"Bis zu Morddrohungen war alles dabei"

Ein Interview von

Zwei küssende Männer auf einem CD-Cover? Für manche Fans des Rappers Bass Sultan Hengzt war das zu viel. Der Berliner hat mit seinem Plattencover einen schwulenfeindlichen Shitstorm ausgelöst.

Mit dem Cover seines neuen Albums "Musik wegen Weibaz" steht der Berliner Rapper Bass Sultan Hengzt, 31, der bürgerlich Fabian Cataldi heißt, im Zentrum eines homophoben Shitstorms. Der Grund: Auf dem Cover der Premium-Version sind zwei Männer kurz vor einem innigen Kuss zu sehen. Nachdem Cataldi das Bild auf Twitter geteilt hatte, wurde er von Fans übel beschimpft. Cataldi veröffentlichte die Beleidigungen und entfachte damit erneut die Diskussion um Homophobie in der deutschen HipHop-Szene.

SPIEGEL ONLINE: Herr Cataldi, hätten Sie gedacht, dass ein Album-Cover mit zwei Männern, die sich küssen, im Jahr 2015 noch solche Aufregung verursacht?

Cataldi: Ich dachte schon, das sich der ein oder andere aufregt. Aber das es jetzt so krass wird, hätte ich nicht gedacht. Von "Du bist schwul geworden" über "Ich kaufe nie wieder eine CD von dir" bis zu Morddrohungen war alles dabei.

SPIEGEL ONLINE: Wie kam es zu dem Cover?

Cataldi: Ganz unspektakulär. Ein Kumpel hat mir das Bild geschickt und meinte, es würde gut in unser Artwork passen. Auf meiner Facebook-Seite lese ich ab und zu Kommentare, wie schwul ich sei. Aus Spaß dachte ich, okay, nehmen wir das Bild für die Premium-Edition.

SPIEGEL ONLINE: Wollten Sie bewusst ein Zeichen gegen Schwulenfeindlichkeit setzen?

Cataldi: Ich wollte gezielt Leute damit ärgern. Ich dachte aber nicht, dass ich mit so einem Cover meine Album-Promo beginne. Das war nicht beabsichtigt. Leute, die mich jetzt feiern und behaupten, der ganze Rap ist homophob, sollen mich allerdings genauso in Ruhe lassen. Aber wenn jetzt so krass gehasst wird, dann denke ich: Jetzt erst recht.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben Sie reagiert?

Cataldi: Die meisten Beleidigungen habe ich in den sozialen Netzwerken geteilt und dann hat das Internet die Sache für mich erledigt. Viele Leute haben das kommentiert und mich verteidigt. Ich sag mal: Als Homophober hast du es heute nicht mehr so einfach.

SPIEGEL ONLINE: Als wie schwulenfeindlich erleben Sie die deutsche Rap-Szene?

Cataldi: Ich war ein bisschen schockiert. Eigentlich dachte ich, die Szene ist inzwischen sehr tolerant. Natürlich gibt es ein paar schwarze Schafe, aber überwiegend ist das kein Thema mehr.

SPIEGEL ONLINE: Auch Sie haben in der Vergangenheit die Diffamierung von Homosexuellen als Stilmittel für ihre Rap-Texte benutzt. Wie stehen Sie heute dazu?

Cataldi: Das ist ein Rap-Ding, was häufig nicht verstanden wird. Vieles ist bei mir mit einem Augenzwinkern zu sehen. Als Jugendlicher fand ich es lustig, irgendwelche Mütter zu beleidigen. Es war aber nie schwulenfeindlich gemeint, sondern ein Stilmittel, um sich beim Rappen gegenseitig fertig zu machen. Es ist nicht so, dass ich früher homophob war und heute nicht mehr. Irgendwie bin ich es auch leid, es ständig zu erklären.

SPIEGEL ONLINE: Es sind aber auch Ihre Fans, die nun auf Schwule schimpfen. Vielleicht hat nicht jeder das Augenzwinkern verstanden.

Cataldi: Diese Leute kennen nur die alten Songs von mir. Wenn sie verpennt haben, dass ich eine Entwicklung durchgemacht habe, dann ist das nicht meine Schuld. Dann sind das auch nicht meine Fans. Was erwarten die? Dass ich jetzt schwulenfeindlich bin? Die können sich verpissen. Da verzichte ich auch gern auf ein paar tausend verkaufte Platten.

SPIEGEL ONLINE: Sie legen in Ihren Texten allerdings auch Wert auf die Feststellung, dass Sie nicht schwul sind.

Cataldi: Ach, eigentlich ist es mir egal. Ich bin hetero, mache daraus aber auch kein Robbie-Williams-Marketing. So nach dem Motto: Ist er es oder ist er es nicht?

SPIEGEL ONLINE: Sie sagten eben, dass Sie sich weiterentwickelt haben. Wie hat man sich das vorzustellen?

Cataldi: Vor fünf Jahren habe ich eine Tochter bekommen, und da hat es boom gemacht. Seitdem achte ich mehr darauf, was ich sage. Ich will jetzt einfach weiter Musik machen machen und gleichzeitig ein guter Papa sein. Ich bin ruhiger geworden und gehe den Leuten nicht mehr so auf die Nerven.

SPIEGEL ONLINE: Frauenverachtende Texte wie beim indizierten Song "Schlampe" würden Sie heute also nicht mehr schreiben?

Cataldi: Nein, würde ich nicht. Mittlerweile mache ich solche Texte nicht mehr. Und es lebt sich damit angenehmer. Ich provoziere eben anders, etwa indem ich sage: Ich bin jetzt erwachsen. Darüber regen sich immer noch genug Leute auf.

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