Bayreuth Mäzene drängen Wagner zum Rücktritt

Der Druck auf den greisen Bayreuth-Patriarchen Wolfgang Wagner wächst. Einen Tag vor der Sitzung des Stiftungsrates hat sich der einflussreiche Mäzenen-Kreis "Freunde von Bayreuth" zu Wort gemeldet: Wagner sollte an seine Gesundheit denken und zurücktreten.


Bayreuth - Der Vorsitzende der "Gesellschaft der Freunde von Bayreuth", Karl Gerhard Schmidt, appellierte heute an den 88-jährigen Festspiel-Chef, von seinem Amt zurückzutreten: "Ich würde es im Sinne der Festspiele und der Würde Wolfgang Wagners für richtig halten, wenn er diesen Schritt tut", sagte Schmidt der Nachrichtenagentur dpa mit Blick auf Wagners schon seit längerem angeschlagene Gesundheit. Die Festspiele seien derzeit de facto ohne Führung. "Die Situation brennt uns auf den Nägeln und drängt nach einer Lösung", sagte Schmidt. Unter den Mäzenen, die sich mit zum Teil erklecklichen Summen an der Finanzierung der Wagner-Festspiele beteiligen, herrsche große Unruhe.

Festspiel-Leiter Wagner, Tochter Katharina: Unerwünschte Familienlösung
DDP

Festspiel-Leiter Wagner, Tochter Katharina: Unerwünschte Familienlösung

Der Stiftungsrat der Richard-Wagner-Stiftung trifft morgen im Rathaus von Bayreuth zu einer Sitzung zusammen, um über die Zukunft der Festspiele auf dem Grünen Hügel zu beraten. Im Mittelpunkt der Sitzung wird abermals die ungeklärte Frage nach der Nachfolgeregelung für die Leitung der Festspiele stehen.

Ob dabei eine Entscheidung fallen wird, ist jedoch fraglich, denn der Stiftungsrat verfügt über keinerlei juristische Mittel, den Festspiel-Chef zum Rücktritt zu zwingen. Einziges Instrument der Stiftungsräte: Der greise Wagner müsste als nicht mehr geschäftsfähig erklärt werden, doch das erscheint angesichts der Lebensleistung des 88-Jährigen, der seit 1951 die Geschicke der Wagner-Festspiele lenkt, eher unwahrscheinlich. Noch unwahrscheinlicher ist indes, dass der Enkel Richard Wagners freiwillig aus dem Amt scheidet. Ob Wagner an der Sitzung teilnehmen wird oder sich von seinem Anwalt vertreten lässt, ist noch offen.

Katharinas Schattenkabinett

Wagner und seine Frau Gudrun, 63, die schon seit längerer Zeit weitgehend die Geschäfte am Grünen Hügel führt, wollen ihre gemeinsame Tochter Katharina, 29, in die künftige Festspielleitung hieven. Dagegen gibt es allerdings erhebliche Widerstände auch im Stiftungsrat, dem Mitglieder der Wagner-Familie ebenso angehören wie Vertreter des Bundes, des Landes Bayern, der Regierung von Oberfranken, der Stadt Bayreuth und der "Gesellschaft der Freunde von Bayreuth". Dem Stiftungsrat wäre es wohler, wenn die junge Katharina zumindest von Wagners Tochter aus erster Ehe, Eva Wagner-Pasquier, 62, oder seiner ebenfalls 62-jährigen Nichte Nike bei dem verantwortungsvollen Leitungsjob unterstützt würde. Das wiederum wäre Wolfgang Wagner gar nicht recht.

Katharina Wagner setzt derzeit alles daran, sich mit geballter Kompetenz zu umgeben und damit ihre Bewerbung um die Führung auf dem Grünen Hügel auch den Stiftungsräten schmackhaft zu machen. Am Wochenende nahm sie sehr medienwirksam den renommierten Komponisten und Kulturmanager Peter Ruzicka, 59, in ihr Schattenkabinett auf. Zuvor hatte sie bereits den erfahrenen Wagner-Dirigenten Christian Thielemann, 48, in ihr Boot geholt. Ruzicka, ehemals Intendant der Salzburger Festspiele, soll sich laut Katharina Wagner in Bayreuth um die Schnittstelle von Kunst und Geschäft kümmern. "Zu allem anderen als Bayreuth hätte ich Nein gesagt. Aber die Wagner-Festspiele sind ein Projekt von nationaler Bedeutung", sagte Ruzicka dem "Tagesspiegel". Katharina sagte der "Bild"-Zeitung: "Dieses Team kann sich wirklich sehen lassen und ist die beste denkbare Lösung für die Festspiele."

Nur wenn Katharina zur Nachfolgerin bestimmt wird, würde ihr Wolfgang den Weg für eine neue Führung freimachen, heißt es. Doch vor allem bei den Vertretern des Bundes und des Freistaats Bayern gebe es laut dpa massive Vorbehalte gegen diese "Familienlösung". Der Bund, Hauptfinanzier der renommierten Festspiele, wolle sich mit Katharina Wagner auch im Trio mit Thielemann und Ruzicka nicht zufrieden geben.

bor/dpa/AP



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