Bayreuth Wellness-Wagner mit Tücken

Nicht immer herrscht Avantgarde-Pflicht auf dem grünen Hügel: Keith Warners "Lohengrin"-Inszenierung abslovierte ihre letzte Saison als spannender Actionfilm, der virtuos die Möglichkeiten der Bayreuther Monsterbühne ausschöpfte.


Szene aus "Lohengrin": Vermeintliche Wellness
AP/Bayreuther Festspiele, Jochen Quast

Szene aus "Lohengrin": Vermeintliche Wellness

Geprobt wird hier ständig. Zwar müssen sich überall auf der Welt Wagnersänger Stunden vor Vorstellungsbeginn einsingen, um ihr empfindliches Organ auf Betriebstemperatur zu bringen, doch in Bayreuth gibt es noch weitere Detailproben, kurz, bevor sich der Vorgang hebt.

Perfektion ist alles bei den Richard-Wagner-Festspielen. Das fängt bereits im Frühstadium einer neuen Inszenierung an und hört mit der Premiere noch lange nicht auf. Sieben Probenbühnen von beinahe Opernhaus-Dimensionen gibt es in Bayreuth, und in der Pressemappe der Festspiele 2005 präsentieren die Techniker stolz die Daten ihrer neuen Gerätschaften. Bayreuth ist Hightech, hier agieren die Besten ihres Fachs.

Fotostrecke

6  Bilder
Wagner-Festspiele: Bayreuths Glanz und Gloria

Aber nicht in jeder Inszenierung wird das Überragende dieser Maschinerie so spürbar wie in Keith Warners "Lohengrin"-Version von 1999, die in diesem Jahr in die letzte Saison ging. Die Koordination des Riesenapparates aus Solisten, Chor, Orchester und Beleuchtung erfordert ständiges Finetuning, gerade weil bei dem dunklen Bühnenbild (Stefanos Lazarides) jeder Farb-, Klang- oder Licht-Akzent doppelt wiegt.

Und wie verabschiedete sich dieser Lohengrin vom Grünen Hügel? Der britische Regisseur Warner wollte keine Modernisierung vom Reißbrett, keinen Helden mit Armani-Rüstung und Hermès-Aktentasche.

Er machte aus dem Ritterstück ein düster grollendes Endzeit-Mysterienspiel mit schwarzgewandeten Kriegern, einem karikaturhaften König und einem tragischen Liebespaar aus der Märchenkiste - ähnlich altmodisch und dabei höchst wirkungsvoll, wie eine Hollywoodproduktion Mythen verhackstückt. Und ein großartiges Beispiel, was man mit der Monsterbühne in Bayreuth anstellen kann.

"Lohengrin"-Szene: Düster grollendes Endzeit-Mysterienspiel
Bayreuther Festspiele GmbH/Jochen Quast dpa/lby

"Lohengrin"-Szene: Düster grollendes Endzeit-Mysterienspiel

Verständlich, dass Premieren-Gäste und Wagner-Fans wie Angela Merkel und Thomas Gottschalk gern noch einen Tag länger blieben, um den "Lohengrin" nach dem eher nüchternen Eröffnungs-"Tristan" zu sehen. Viel ruhiger, entspannter war's obendrein: keine Kamerateams, keine Mikrofone, kein Gedränge, vergleichsweise wenig Autogrammjäger und dazu schönes Wetter - eine Bayreuther Festspiel-Idylle.

Auf der Bühne gab es einen Wagner, den alle richtig gut finden konnten, denn scheinbar war man stets auf Augenhöhe mit den Kriegern, den Rivalinnen Elsa und Ortrud, den kämpfenden Rittern und dem drohenden Schicksal. Eine vermeintliche Wellness-Inszenierung, die Tradition und modernistische Akzente so verknüpfte, dass es keinem wehtat. Doch genau dieses heimelige Gefühl konterkarierte Warner ständig, indem er Erwartungshaltungen mit konträren Akzenten ins Leere laufen ließ

Dieser "Lohengrin" hatte durchaus seine Ecken und Kanten. Die Chöre der Krieger wühlten sich durch öde felsige Schlachtenlandschaften, kahle Äste wucherten auf der Bühne, grelle Lichtflächen zwischen Meeresblau und feuerrotem Abendhimmel setzten krachende, beinahe kitschige Kontrapunkte. Düsternis und trügerisches Licht führten und verführten den Blick. Helligkeit und Heil brachte da nur der Schwanenritter Lohengrin, der schon während des Vorspiels zum ersten Akt als Silhouette aus dem Mond zu den Menschen herabstieg und sie schließlich wieder in Finsternis und Ratlosigkeit zurückließ.

"Lohengrin"-Szene mit Sängerinnen Linda Watson, Maria Schnitzer: Krachende Kontrapunkte
Bayreuther Festspiele GmbH/Jochen Quast dpa/lby

"Lohengrin"-Szene mit Sängerinnen Linda Watson, Maria Schnitzer: Krachende Kontrapunkte

Gesanglich blieben keine Wünsche offen: Peter Seiffert ist zurzeit "der" Lohengrin schlechthin. Sein klarer, kraftvoller Tenor, seine mächtige Statur und seine souveräne, natürliche Ausstrahlung machen ihn zum perfekten Role Model des Schwanenritters. Als er zum Ende hin seine Gralserzählung ("In fernem Land") ohne den Hauch einer Anstrengung fast schon zelebrierte, hatte man das Gefühl, dass er das Stück gleich noch drei weitere Male ebenso entspannt vortragen könnte. Ein lächelnder Herkules des Tenorfachs, der anschließend zu Recht mit Standing Ovations gefeiert wurde. Seine todgeweihte Geliebte Else, ebenso makellos von Petra-Maria Schnitzer gesungen, wirkte etwas blass daneben.

Fast wäre der "Lohengrin" in dieser Fassung ein ständiges work in progress geworden, denn drei Dirigenten wechselten sich im Lauf der Jahre ab, ungewöhnlich für Bayreuther Produktionen. Antonio Pappano, Ex-Chef der Covent Garden Opera, dirigierte die Premiere; Sir Andrew Davis übernahm 2002 das Dirigat mit großem Erfolg; jetzt stand Peter Schneider am Pult, der für den erkrankten Davis einsprang.

Peter Schneider, routiniert und sicher, pflügte sich denn auch achtbar durch die Tücken der Partitur, nur in den opulenten und dynamisch wilden Chorszenen wackelte die Harmonie zwischen Orchester und Bühne hier und da ein wenig. Überhaupt der Chor: Im "Lohengrin" gibt es für ihn von allem etwas, Biederes und Schlichtes ebenso wie Machtvolles und jede Menge überirdische Kraftanstrengungen. Dies alles gelang dem Chorchef Eberhard Friedrich überragend. Seine Sängerinnen und Sänger gehören wie stets zu den absoluten Attraktionen der Festspiele - nicht nur im "Lohengrin".



© SPIEGEL ONLINE 2005
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.