Bayreuther Festspiele Liebe lieber nicht

Nach der Schlingensief-Hysterie im vergangenen Jahr setzte Bayreuth nun auf den wortkargen Avantgardisten Christoph Marthaler. Dessen statische Version von "Tristan und Isolde" wurde Wagners Liebesapotheose jedoch nicht gerecht. Brillant war nur der Widerstand der Sänger gegen die öde Inszenierung.


Liebe macht stark. Liebe macht schön. Liebe macht selbstbewusst und manchmal gewalttätig. Aber nicht beim Bayreuth-Regisseur Christoph Marthaler. Der Frage, was die Liebe ist, kann sich kein Tristan-Regisseur entziehen. Ist der Liebestrank, der zum Tode führt, Katalysator eines ohnehin vorhandenen, unterdrückten Gefühls - oder begründet er erst eine alles überwältigende, neue Leidenschaft? Ist die Liebe eine unausweichliche Himmelsmacht oder der Weg in eine grenzenlose, die Gesellschaft sprengende Freiheit?

Hier nichts von alledem: In Christoph Marthalers neuer "Tristan"-Inszenierung ist Liebe ein herber Schicksalsschlag, den man tunlichst vermeiden sollte. Erst recht, wenn sie in Gestalt einer wunderbaren Überfrau wie Isolde daherkommt, die viele Gesichter, Power und Sex hat. Liebe lieber nicht, heißt die Devise, zumindest für einen Tristan, der hier den diskreten Charme eines verklemmten Sparkassenangestellten verströmt, in eng sitzender, unkleidsamer blaugrauer Spießer-Kombination. Inklusive Pullunder und würgender Krawatte ist Marthalers Tristan ein satirisch ausstaffierter Anti-Held, den Gefühle schwerstens überfordern.

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Wagner-Festspiele: Bayreuths Glanz und Gloria

Kaum zu glauben, dass der zuvor schon mal den Ex-Geliebten von Isolde im Kampf erschlagen hat, worauf sie sich trotz allem in ihn verliebte. So schwebt Isoldes Liebe wie ein Damoklesschwert über dem unglücklichen Beamten Tristan, als ausgerechnet er im Dienste des Königs Marke seine Isolde als neue Königin nach Cornwall heimführen soll. Ein tristes Unternehmen, das in Marthalers Regie und in Anna Viebrocks Bühnenbild als dreiteilige Höllenfahrt zu bestaunen ist.

Stehen, sitzen, aussitzen

Regisseur Marthaler: Tristesse statt Hysterie
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Regisseur Marthaler: Tristesse statt Hysterie

Das Schiff für die Überfahrt im ersten Aufzug ist eine abgerockte Linienfähre, über der die stilisierten Sterne wie flackernde, elektrische Heiligenscheine schwimmen. Sie glühen und vergehen wie Sternschnuppen, schön, aber kurzlebig - Lebensmetaphorik der schlichten Art. An den Wänden blättern Holzverkleidungen ab, die Polster der Sitzgelegenheiten sind verschossen, die Fußbänke führen ein Eigenleben, symbolisieren schwere See und deuten auf kommende Verwerfungen. Tristan und sein Gefährte Kurwenal treten fast nur hinter Holzschaltern stehend auf, mit abgezirkelten Bewegungen: Heldengymnastik.

Der Liebes-"Garten" an Markes Hof des zweiten Aufzugs unterscheidet sich nur wenig vom Schiff, lediglich die Wände sind gelber und die Möblierung sparsamer, während das Schiff des ersten Aktes als "Obergeschoss" weiterlebt. Die Sterne sind nun als feste Leuchtkörper an die Decke genagelt, sie reagieren auf Knopfdruck und stehen im Dienst der Herrschaft. Tristan und Isoldes Liebesduett ("Sink hernieder, Nacht der Liebe") findet auf schmalen Hockern statt. Bewegung gibt es eher wenig: Stehen, sitzen, aussitzen. Als die beiden von der Hofgesellschaft ertappt werden, meuchelt Melot, Markes Vasall, Tristan unschön hinterrücks mit dem Messer. Kein Kampf, eher ein Geschubse.

Im dritten Aufzug siecht der todkranke Tristan schließlich im kahlen Kellergewölbe dieser Welt dem Ende entgegen - die Welt als Schichtentorte, in der Held und Heldin langsam hinabsteigen. Seine Heimat Kareol ist bei Marthaler eine klinisch kalte Versuchsanordnung: Der Mann hat's nicht leicht, schon gar nicht im Tod. Was drumherum herum passiert, ist pure Statik, Rollenspiel von Chargen. König Marke agiert in einem betonfarbenem Politbüro-Mantel, in dem sich Erich Honecker wohlgefühlt hätte.

Eigentlich sollte "Tristan und Isolde" bei dem erfahrenen Theatermann Marthaler, der bereits in Wien, Salzburg und Berlin erfolgreich Opern inszenierte, in besten Händen sein, doch der schien der Gefühlsmacht in Richard Wagners Musik entscheiden zu misstrauen. So trieb er mit brachial statischer Personenregie und tristem Bühnenbild dem Geschehen sämtliches Überirdische, alle emotionale Gewalt gründlich aus. Liebe kann so bös sein, hüten wir uns also davor.

Die Musik freilich kann auch ein Marthaler nicht ändern. So ergab sich das immerhin interessante Paradoxon einer brodelnden Soundmaschinerie gegen eine dröge, gepresste Wändewelt, die die Gefühle des Liebespaares nicht zulassen wollte.

Taffe "Tatort"-Kommissarin

Die Gewinnerin des Abends war die schwedische Sopranistin Nina Stemme, deren Isolde von einer ebenso märchenhaften Kraft wie fein strukturierter Abgeklärtheit ist. Sie trat als selbstbewusstes Mädchen (erster Aufzug), ironisch doppelbödige Gatten in spe (zweiter Aufzug), um am Ende dem todgeweihten Geliebten im taffen "Tatort"-Kommissarin-Outfit in den Tod zu folgen. Ihr stimmlicher Höhenflug während des "Liebestods" ("Mild und leise, wie er lächelt") war phänomenal und ließ die kalte Leichenhallen-Atmosphäre von Tristans Burg Kareol beinahe vergessen. Kaum weniger brillant agierte Petra Lang als Brangäne, kraftvoll und mit großer Wärme lotete sie alle Aspekte der Rolle aus.

Festspielhaus in Bayreuth: Kalte Leichenhallen-Atmosphäre in Tristans Burg
DPA

Festspielhaus in Bayreuth: Kalte Leichenhallen-Atmosphäre in Tristans Burg

Robert Dean Smith als Tristan brauchte lange Anlaufzeit, war zunächst blass und dünn, sang mit enger Stimme, doch steigerte er sich zur Todesszene im dritten Aufzug. Dann war er Nina Stemme endlich ein ebenbürtiger Partner, offenbar glücklich, seinem schrecklichen Anzug entronnen zu sein.

Der Koreaner Kwangchul Youn, seit 1996 Stammgast in Bayreuth, liefert als König Marke eine gewohnt solide, makellose Partie ab. Andreas Schmidt, verdienter Wagner-Veteran, mühte sich hörbar als Kurwenal, schien indisponiert und unfroh, kämpfte und blieb unter seinem Standard.

Mit besonderer Spannung wurde das Debüt des Japaners Eiji Oue am Dirigentpult erwartet. Leider ging er ein wenig zu stark auf Nummer Sicher, führte das Orchester hektisch zu den markanten Stellen, nicht immer hatte er den langen Atem, um die Spannung herbeizuführen, die den heiklen Orchesterpart prägen muss. Doch auch er empfing freundlichen Schlussapplaus, allerdings kein Vergleich zu den Jubelstürmen, die den Titelpartien entgegenschlugen. Heftige Buhs gab es hingegen für das Regie- und Ausstattungs-Duo Christoph Marthaler und Anna Viebrock, das einen vehement unterkühlten "Tristan" abgeliefert hatte. Man hätte der begnadeten Nina Stemme ein stärkeres Ambiente gewünscht. So wirkte ihr Liebestod im Kuschelbett wie ein Betriebsunfall. Liebe kann bös enden. Zu wenig Erkenntnis nach vier Stunden.



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