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25. Juli 2012, 16:46 Uhr

Bayreuther Festspiele

Den Nazi mit dem Meese-Bub austreiben

Aus Bayreuth berichtet

Nazi-Tattoo? War da was? Die Bayreuth-Chefinnen blickten zur Eröffnung der Festspiele entschlossen nach vorn. Jonathan Meese soll 2016 den "Parsifal" inszenieren, kündigten die Wagner-Urenkelinnen an. Ausgerechnet der Künstler also, der gern mal den rechten Arm zum Hitlergruß hebt.

Keine Pannen mehr! Quartzgenau um 10.30 Uhr startete die Pressekonferenz zu den 101. Bayreuther Festspielen, und am liebsten hätten die Wagner-Urenkelinnen Katharina und Eva gar kein Wort mehr über den leidigen Sündenfall des Baritons Evgeny Nikitin mit seine Nazi-Tattoo mehr verloren. Allein um die neue Inszenierung von "Der fliegende Holländer" sollte es gehen, wenigstens am Premierentag. Ging natürlich nicht, denn obwohl beide wort- und faktenreich über die Planungen vom Wagner-Jahr 2013 - dem 200. Geburtstag des Meisters - bis ins Jahr 2020 berichteten, dämpften die Fragen zu Nikitin die Euphorie wieder. Hatte denn wirklich keiner was gewusst?

Natürlich nicht. Die bereits vor einem Jahr angeforderten Fotos von Sänger Nikitin hätten lediglich seine Arme gezeigt, schließlich hätten diese für die Inszenierung blutig geschminkt werden müssen, und da wollte man sehen, ob das mit den Holländerarmen zu realisieren sei. Und überhaupt sei es nach der Berichterstattung in den Medien der Wunsch Nikitins selbst gewesen, auf die Rolle zu verzichten, erklärte Eva Wagner-Pasquier. Das habe man selbstverständlich respektiert. Was sonst. Künstlerisch sei an der Leistung Nikitins nicht auszusetzen gewesen. Darstellerisch auch nicht, wie der "Holländer"-Regisseur Jan Philipp Gloger entschieden bestätigte.

Blut muss fließen

Gloger konnte einem fast leidtun. Der 31 Jahre alte Bayreuth-Debütant, der, wie er sagte, seit eineinhalb Jahren an dieser Inszenierung arbeitet und mit allem rundherum zufrieden war, sah nun durch den Tattoo-Eklat die Früchte seiner Arbeit vorzeitig faulen. Das ist umso ärgerlicher, als wohl auch das Zusammenspiel mit dem leicht zum Granteln neigenden Dirigenten Christian Thielemann relativ konfliktarm verlaufen war.

Aber Jan Philipp Gloger kennt sein Metier. "Theater ist nie kontextfrei", rief er leidenschaftlich in die Debatte, und es gehe auf der Bühne generell immer um Zeichen. Eloquent hatte er zuvor seine Gedanken zur neuen "Holländer"-Inszenierung ausgeführt, die den ruhelosen Seemann als modernen Menschen voll unerfüllter Sehnsucht zeige, der mit vielen irdischen Gütern, aber auch mit innerer Leere ausgestattet sei.

Fast hätte er bei aller Vehemenz vergessen, sein Team vorzustellen, wofür er sich entschuldigte. Keine Frage, der Mann ist angekommen in der Zirkusarena von Bayreuth, und es gefällt ihm dort. Und auch keine Frage, dass sein neuer "Holländer"-Darsteller Samuel Youn vollstes Lob von ihm erhält.

Jonathan Meese macht den nächsten "Parsifal"

Die Nazi-Vergangenheit und der spezielle Bayreuther Antisemitismus finden in diesem Jahr übrigens ihre Darstellung im Park, rund um die bekannte Wagner-Büste. Allerdings ist die verdienstvolle Ausstellung "Verstummte Stimmen" über "Die Bayreuther Festspiele und die Juden 1876 bis 1945" schon an anderen Orten und Opernhäusern in Deutschland gezeigt worden. Ob diese Ausstellung einen dauerhaften Platz im Park vor dem Festspielhaus bekommen könnte, hätte die Stadt Bayreuth zu entscheiden, wie Katharina Wagner sagte. Die Idee auf jeden Fall klingt nicht schlecht.

Den geplanten "Ring des Nibelungen" fürs Jubiläumsjahr 2013, den Frank Castorf schon eifrig probt und den nun wirklich Kirill Petrenko dirigieren wird, schienen Katharina Wagner und Eva Wagner-Pasquier beinahe abgehakt zu haben, lieber wollten sie noch einen richtigen Knaller bieten: Sie präsentierten den schillernden Kunstwerker Jonathan Meese als nächsten "Parsifal"-Regisseur - im Jahr 2016. Obwohl er nicht direkt ein Opernregisseur sei, habe er doch schon sein Gespür fürs "Performative" gezeigt, wie Katharina Wagner bescheinigte. Und er interessiere sich seit langem vehement für Richard Wagner und sein Bühnenweihfestspiel.

Zwar ist Meese nicht das erste Enfant terrible, das sich mit dem "Parsifal"-Stoff beschäftigen darf (Christoph Schlingensief inszenierte das Stück 2004) und habe den Wagner-Damen auch versichert, Urgroßvaters Werk "sachlichst dienen" zu wollen. Trotzdem darf man sich 2016 auf dem Grünen Hügel auf einiges gefasst machen. Zum Beispiel darauf, dass der Kunstberserker mit Hitler-Obsession das Publikum mit "Sieg Heil" begrüßt. Ob so ein Skandälchen womöglich sogar im Interesse der Wagner-Urenkelinnen läge? Ein frivoler Gedanke.

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