Bayreuther Nachfolge-Streit Ebbe im Erlebnisbad

Wolfgang Wagner ließ sich noch nicht einmal blicken: Die Sitzung des Stiftungsrats der Wagner-Festspiele in Bayreuth verlief ohne den erhofften Befreiungsschlag. Die Nachfolgeregelung für die Leitung des Festivals bleibt weiter offen.


Bayreuth - Zum Unmut der Stiftungsratsmitglieder erschien der 88-jährige Wolfgang Wagner nicht zu den heutigen Beratungen und gab über seinen Anwalt zu erkennen, dass er trotz aller Rücktrittsforderungen nicht ans Aufhören denkt. In einer nach der Sitzung vom Bayreuther Oberbürgermeister Michael Hohl herausgegebenen Erklärung zeigten sich Vorstand und Stiftungsrat der Richard-Wagner-Stiftung enttäuscht: Sie bedauerten ausdrücklich, dass sich der langjährige Festspielleiter von seinem Anwalt Stephan Müller vertreten ließ.

Festival-Leiter Wagner: Nachfolger erwünscht
DDP

Festival-Leiter Wagner: Nachfolger erwünscht

Der hatte schon vor den Beratungen am Nachmittag verlauten lassen, es sei "mit keiner Entscheidung zur Nachfolgeregelung" zu rechnen. Nur von dem greisen Enkel des Komponisten Richard Wagner selbst hätte aber endlich Bewegung in die seit Jahren umstrittene Nachfolgefrage kommen, denn er hat einen Vertrag auf Lebenszeit. Folglich blieb dem Stiftungsrat nichts übrig als zu erklären: "Die Nachfolgefrage stand bei der heutigen Sitzung nicht zur Entscheidung an, da kein Zeitpunkt für einen Rücktritt des derzeitigen Amtsinhabers bekannt ist."

Das Gremium, in dem auch Vertreter des Bundes und des Freitaats Bayern sitzen, bekräftigte aber, dass es in eine inhaltliche Diskussion über die Weiterentwicklung der Bayreuther Festspiele eintreten will, und bat alle an der Leitung der Festspiele interessierten Mitglieder der Familie Wagner, "ihre konzeptionellen Vorstellungen baldmöglichst vorzulegen".

Wolfgang Wagner selbst wünscht sich seine 29-jährige Tochter Katharina als Nachfolgerin. Sie hatte mit der Inszenierung der "Meistersinger von Nürnberg" in diesem Sommer ihr Festspieldebüt gegeben und bewirbt sich gemeinsam mit dem Dirigenten Christian Thielemann und dem ehemaligen Leiter des Salzburger Festspiele, Peter Ruzicka, für die Leitung auf dem Grünen Hügel.

Die Urenkelin des Komponisten hat allerdings gleich zwei Konkurrentinnen aus dem engsten Kreis der weit verzweigten Wagner-Familie: Eva Wagner-Pasquier, die Tochter Wolfgang Wagners aus erster Ehe und dessen Nichte Nike Wagner, die Tochter seines früh verstorbenen Bruders Wieland, die sich als Leiterin des Kunstfestes in Weimar einen Namen gemacht hat. Wann eine von ihnen als neue Leiterin der Opernfestspiele auf dem grünen Hügel in Bayreuth zum Zuge kommt, ist aber weiterhin völlig offen.

Nike Wagner warb heute im Rundfunksender MDR Figaro für eine neue kulturelle Neukonzeption der Festspiele. Bayreuth "muss wieder kompromisslos zurückgeführt werden, auf ein Haus, das ausschließlich für die Zwecke der Kunst da ist und nicht für die Zwecke der Gesellschaft. Das ist nämlich allmählich eine Pervertierung des Wagnerschen Gedankens", wird sie zitiert. Schließlich sollten die Festspiele kein "Erlebnisbad" sein.

Brigitte Caspary, Wolfgang Hübner, AP



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