Beastie Boys über Männlichkeit "Rein ins Studio und erstmal ein Furzwitz"

Als Adam Yauch 2012 starb, war das auch das Ende der Band Beastie Boys - in einem Buch erzählen die beiden Verbliebenen nun die Geschichte der Gruppe. Und hier die Wahrheit über aufpumpbare Riesenpenisse und Vaterwerden.

Beastie Boys/ Heyne Hardcore

Ein Interview von


Wer mit Michael Diamond (alias Mike D) und Adam Horovitz (Ad-Rock), den beiden nach dem Tod von Adam Yauch (MCA) noch verbliebenen Beastie Boys, über ihr Leben sprechen möchte, darf nichts gegen gedankliche Schlingerpartien haben. Als das Gespräch beginnen soll, sind die beiden in Planungen zu einem Hundefilm verstrickt, den sie gerne mal drehen würden.

Adam Horovitz: Ein Beagle, der Anwalt ist und knifflige Fälle löst! "The Dog-Lawyer!" Das ist ja wohl genial. Oder ein Hund als Assistent eines kapriziösen Modedesigners. Oder der Hund IST der Modedesigner! "The Beagle wears Prada!"

SPIEGEL ONLINE: In Ihrem Buch gibt es auch eine hübsche Hundeszene: Sie beschreiben, wie Adam Yauchs Hund Samson mal eine ganze Pizza vom Tisch stahl und auffraß, während die Familie ihn durchs Haus jagte. Sie setzen die Bandgeschichte aus vielen solchen situativen Polaroids zusammen, als seien die Dinge und Ihre Karriere einfach so passiert.

Michael Diamond: Als Band waren wir wirklich nicht besonders gut darin, Pläne zu machen. Das war eines der vielen Talente von Yauch: Er konnte dann im größten Chaos immer noch die Bremse reinhauen und sagen: Stop! Wir machen JETZT genau DAS! Unsere Karriere war eben diese komplett zufällige Abfolge von Kurzgeschichten, aufgereiht auf einer Timeline.

SPIEGEL ONLINE: Zusammen ergeben diese Kurzgeschichten dann fast einen Bildungsroman: Über die Jahre haben Sie ganz verschiedene Konzepte von Männlichkeit verkörpert. Am Anfang inszenierten sie sich als testo-bolzende Prolls und warfen Schlagzeugerin Kate Schellenbach aus der Band, weil sie nicht in dieses Image passte.

Diamond: Jahre später, zu "Check Your Head"-Zeiten, wurden wir zum Glück wieder Freunde; das bedeutete uns viel, denn wir hatten uns da wirklich blöd benommen. Kate erzählt im Buch die Geschichte in einem eigenen Kapitel aus ihrer Perspektive, das war uns wichtig.

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Beastie-Boys-Buch: Viele Polaroids ergeben eine Karriere

SPIEGEL ONLINE: Im Buch entschuldigen Sie sich bei ihr und anderen Frauen, denen sie übel mitgespielt haben - an verschiedenen Stellen schaltet sich diese Stimme der Vernunft ein, die Dinge in der Rückschau gerade rückt.

Horovitz: Wir schreiben oft diesen einen Satz: It seemed funny at the time. Wir haben viele dumme Sachen gemacht, aber damals dachten wir wirklich, das sei lustig. Es ist ein Geschenk, das jetzt öffentlich reflektieren zu dürfen. Es wäre leichter gewesen, die Geschichte umzudichten und Dinge einfach wegzulassen.

SPIEGEL ONLINE: Aber es wäre schwer gewesen, den Riesenpenis zu verschweigen.

Der Zimmerservice bringt Apfelkuchen mit Vanilleeis. Michael Diamond erzählt von seiner Selleriesaftkur, jeden Morgen trinkt er einen halben Liter. Man werde angeblich schnell süchtig danach, weil man danach wahre Energieschübe spüre. Sein Tipp: Ein bisschen Zitrone und Gurke dazu, dann schmecke es nicht ganz so eklig.

Adam Yauch mit Penis-Bühnendeko
Getty Images

Adam Yauch mit Penis-Bühnendeko

SPIEGEL ONLINE: Wie kamen Sie auf die Idee, bei Ihrer ersten Tour ausgerechnet ein riesiges, hydraulisch aufpumpbares Geschlechtsteil mit auf die Bühne zu nehmen?

Horovitz: Unser Manager fragte uns: Was wollt ihr auf der Bühne haben? Eine Schaukel, oder Treppen - ihr könnt haben, was ihr wollt. Natürlich fiel uns dann als erstes ein, dass wir dringend einen Dick in a Box brauchen. Zur Strafe zahlen wir jetzt schon 31 Jahre Lagerkosten dafür.

SPIEGEL ONLINE: Sie bewahren ihn immer noch auf?

Horovitz: Ich habe den Penis sogar vor ein paar Jahren besucht, in seinem Lagerabteil in New Jersey. Die Leute, die dort arbeiten, holen ihn alle paar Monate mal raus, wenn sie eine Party feiern und ein bisschen Deko brauchen.

SPIEGEL ONLINE: Sie schreiben in Ihrem Buch, Sie seien damals den Männlichkeits-Stereotypen in die Falle gegangen, die Sie eigentlich persiflieren wollten.

Horovitz: "(You Gotta) Fight for Your Right (to Party!)" war tatsächlich nur ein Witz, über einen bestimmten Personentyp, über Rockstar-Attitüden - sechs Monate vorgespult, und plötzlich sind wir selbst genau so.

Diamond: Plötzlich schaust du in dein Publikum, und es besteht aus exakt den Leuten, über die du dich ursprünglich mal lustig machen wolltest. Und du denkst: Oh-oh.

Horovitz: Als wir 1987 das erste Mal in Berlin auftraten, hatten wir die Idee, in seidenen Boxer-Bademänteln auf die Bühne zu kommen, dazu lief die Filmmusik von "Rocky". Leider bestand Dreiviertel des Publikums aus US-Soldaten, die in Berlin stationiert waren, und sie jubelten angesichts unseres Rocky-Klamauks ganz ironiefrei und begeistert los. Wir wollten uns über ugly Americans lustig machen - und plötzlich waren wir diese hässlichen Amerikaner.

Preisabfragezeitpunkt:
09.09.2019, 13:46 Uhr
Ohne Gewähr

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Adam Horovitz, Michael Diamond
Beastie Boys Buch: Deutsche Ausgabe

Verlag:
Heyne Verlag
Seiten:
542
Preis:
EUR 40,00

SPIEGEL ONLINE: Wie haben Sie diese Rolle wieder abgelegt?

Diamond: Es ging uns ein bisschen wie Kindern, die etwas spielen und dann merken: Och, eigentlich macht das gar keinen Spaß. Wir merkten: Hier läuft einiges gewaltig schief.

Horovitz: Wir spürten, dass die Band drohte, auseinanderzufallen. Wir zogen von New York nach Los Angeles und besannen uns wieder darauf, dass es bei den Beastie Boys vor allem darauf ankommt, wie wir miteinander umgehen. Und wir wollten jetzt Verantwortung dafür übernehmen, wie die Plattencover und Musikvideos aussahen.

SPIEGEL ONLINE: Sie bezogen zu dritt eine Villa, deren Einrichtung Sie im Buch sehr schön beschreiben, indem Sie sie mit dem Café aus der Serie "Quincy" vergleichen.

Horovitz: Ich liebe "Quincy"! Kennen Sie "Detektiv Rockford - Anruf genügt?" Das ist auch toll. Und natürlich "Columbo". Der hat auch einen Hund. Ich glaube, in Wahrheit löst der Hund alle Fälle.

SPIEGEL ONLINE: Ihre Zeit in L.A. klingt im Buch wie eine endlose Kostümparty. Sie fanden in Ihrer Villa ja diesen riesigen Fundus von...

Horovitz: Entschuldigung, ich muss es einfach sagen: Es gibt eine fantastische Zeichentrickserie über einen Hund, Hong Kong Phooey. Er ist kein Anwalt, aber er bekämpft auch Verbrechen.

SPIEGEL ONLINE: Ihre Fratboy-Attitüde hatten Sie also in New York gelassen. Welchen Männertyp verkörperten Sie in L.A.?

Horovitz: Den Pothead-Boyfriend, der ein bisschen dumm ist, aber ganz lustig. Aber halt schon auch ziemlich dumm, und er kifft einfach viel zu viel.

SPIEGEL ONLINE: 1994 veröffentlichten Sie auf "Ill Communication" ein feministisches Mini-Statement. Im Lied "Sure Shot" heißt es: " I want to say a little something that's long overdue, the disrespect to women has got to be through." Hatten Sie sich da schon in aufgeklärte Männer verwandelt?

Horovitz: Wir hatten keine Mission oder so, es war kein gezieltes Statement. Yauch haute diese Zeilen einfach raus, als wir das Lied schrieben.

Diamond: Für Yauch wahrscheinlich schon, wir können ihn leider nicht mehr fragen. Die Idee wurde irgendwie aus unserem Netzwerk hereingespült. Das ist das Schöne, wenn man eine Platte macht: Wir packten einfach diese Zeilen drauf, und dann kommen sehr viele andere Menschen damit in Kontakt.

SPIEGEL ONLINE: Zu Ihrem fünften Album "Hello Nasty" schreiben Sie, Sie seien zu diesem Zeitpunkt "nahezu erwachsen" gewesen. Zwei von Ihnen waren jetzt Väter, Sie gingen mit einem Familienbus auf Tour.

Diamond: Es war eine komische Entwicklung: Wir machten immer noch unser Ding, kamen ins Studio und rissen erstmal einen Furzwitz. Aber wir taten das plötzlich um halb zehn Uhr morgens, nachdem Yauch und ich unsere Kinder in der Schule abgeliefert hatten. Zehn Jahre vorher hätte ich mir das im Leben nicht vorstellen können.

Horovitz: Ich erinnere mich an eines unserer letzten Konzerte, es war in San Francisco, und backstage krabbelten plötzlich fünf Kleinkinder herum. Die Hälfte der Erwachsenen umkroch sie wiederum auf allen Vieren. Und ich weiß noch, wie ich dachte: "Das ist verdammt nochmal schräger als damals, als die Dinge schon echt schräg waren." Es war einfach großartig.



insgesamt 6 Beiträge
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murun 30.11.2018
1. Ich stehe normalerweise nicht auf son Musik-Zeugs ...
... mir liegt mehr reines Gitarrenzeugs, aber die Beastie Boys hatten was. Ebenso wie das sehr informative Interview Rützels, die mehr kann, als genial TV-Trash zu kommentieren. Gefällt mir...
dasfred 30.11.2018
2. Mit lachen in den Morgen
Dieses Interview ist großartig. Hundert Prozent das Gegenteil aller dieser CD PR Interviews mit den ewig gleichen Fragen und Antworten. Anja Rützel kann noch viel mehr als Trash und gibt hier den Boys die Bühne fürs Absurde. Wer zahlt schon dreißig Jahre Lagerkosten für einen Riesenpenis. Das allein schon ist schräg.
dagegengewicht 30.11.2018
3. einfach gut ...
aktuell ist "to the 5 boroughs" in meinen persönlichen cd-charts wieder ganz oben ...
BuDDBuDD 30.11.2018
4. Lieblingsband
Die Jungs sind nach all den Jahren immer noch meine absolute Lieblingsband. Ich kenne keine andere Gruppe, die über die Jahrzehnte so versatile Musik gemacht hat und sich selbst dennoch immer treu geblieben sind.
wamax 30.11.2018
5. Großartige Band
mit der ich aufwachsen durfte. Kaum eine Band hat es in dem Genre geschafft so lange aktuell zu bleiben, die eigene Musik neu zu erfinden und sich trotzdem treu zu bleiben.
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