Beck Daniel Düsentrieb entdeckt den Sex

Der verkopfte Soundtüftler Beck unternimmt die Soul- und Funk-Exkursionen seines vierten Albums "Midnite Vultures" aus den Hüften heraus - und wird damit endgültig unberechenbar.

Kaum ein anderer Musiker verkörpert den musikalischen Geist der neunziger Jahre so prototypisch wie Beck Hansen, ein unscheinbar blonder Bursche, der seine erfindungsreichen Pop-Wundertüten allein im stillen Kämmerlein zusammenbastelt, als wäre er der geniale Wiedergänger Daniel Düsentriebs im Zeitalter der "Nerds". Seit 1994 sein verstockt dahinholpernder Singsang namens "Loser" den letzten Nerv der ebenso kommunikationsgestörten "Generation X" traf und Trost versprach, gilt Beck als Heilsbringer einer am kalten Zynismus erkrankten Popkultur.

Nach mehr als drei Jahrzehnten Pop, Rock, Beat und Jazz strebt die Möglichkeit musikalischer Innovation unaufhaltsam gegen Null. Jede Akkordfolge meint man schon gehört zu haben, jede Melodie klingt vertraut, der Spruch: "Hey, das klingt doch wie..." löst schon lange kein Aha-Erlebnis mehr aus. Schnell genug kamen so genannte Crossover-Künstler zu Beginn der Dekade auf die clevere Idee, sich mit den besten Zutaten aus dem Pop-Markt zu versorgen, um lukratives Hit-Recycling zu betreiben. Hier ein Stones-Riff, dort eine Beatles-Melodie und noch ein James-Brown-Sample.

In dieser musikalischen Einöde wirkte Becks Musik wie eine Oase. Die Alben "Mellow Gold" und "Odelay" hüpften, zuckten und wirbelten zu schier unerhörten Klängen, obwohl die Zutaten doch ganz offensichtlich aus den selben Pop-Archiven entliehen waren, in denen auch die anderen wilderten. Country und Folk, Funk und Disco waren die Grundelemente einer Mixtur, die seltsam originär daherkam. Der Grund: Während andere billig im Supermarkt shoppen gingen, suchte Eigenbrötler Beck sich seine Samples und Geräusche aus dem exklusiven Feinschmecker-Laden zusammen und ließ sich seine Auswahl etwas Zeit und Mühe kosten. Statt auf satte Produktion setzte er auf "Low fidelity" und Transparenz. Jedes klug arrangierte Dröhnen und Rasseln, jedes Knistern und Fiepen auf einer Beck-Platte klingt irgendwie, als hätte er es gerade eben mit dem Walkman-Mikro im Wohnzimmer aufgenommen.

Nach dem dritten, eher ruhigen Album "Mutations" glaubte man jedoch bereits, den Neutöner als verkappten Traditionalisten entlarvt zu haben. Er selbst war es, der seinen Stil damals schelmisch lächelnd "Space-Age-Folkrock" nannte. Auf "Midnite Vultures", dem nun brandneuen Album des 30-jährigen Kaliforniers gelten mithin ganz andere Gesetze. Bereits der erste Song, ein vorlauter Discopop-Kracher namens "Sexx Laws", offenbart eine bisher unbekannte Dimension Beckscher Schaffenskraft: Es scheint, als hätte Hansen über Nacht erkannt, dass sein Körper auch unterhalb des Kopfes noch weiterexistiert. Songs wie "Nicotine & Gravy", "Peaches & Cream" oder "Milk & Honey" quellen über vor lauter brodelnden Körpersäften und anzüglichen Anspielungen.

Der vermeintlich brave Folkie, der tüchtige Fähnlein Fieselschweif, ist wohl im Labor auf eine Kiste voller Achtziger-Jahre-Funk und Soul gestoßen und hat sich prompt mit Vergnügungssucht und Geilheit infiziert. Ungläubig hört man bei manchem Song den jungen Prince heraus, nur um gleich darauf im Booklet zu erfahren, dass es tatsächlich Beck ist, der da croont, stöhnt und lasziv zu Rythmen groovt, die verdächtig nah an Robert Palmers "Looking For Clues" herangeraten. Bereitwillig folgt der erstaunte Zuhörer Beck auf die neonbunte Tanzfläche unter die Disco-Glitzerkugel zu den "Midnite Vultures", den coolen Macho-Geiern, die in Nachtclubs gierig um ihre weibliche Beute herumlungern.

Dann schwitzt und schwoft man ein bisschen zum süßen Soul, und vergisst sogar für einen Moment den ungeheuerlichen Druck, den das bevorstehende Millennium auf uns ausübt. Schneller, höher, weiter, schöner – in Beck Hansens kleinem Mitternachts-Club ist von all dem Gigantomanie-Terror plötzlich nichts mehr spürbar. "Vergiߑ deinen Kopf, genieߑ es und tanz", schreit uns das nun endgültig unberechenbare Pop-Genie aus einer plüschig-roten Sofaecke zu. Oder auch: Make love, not war. Gerne.

Beck: "Midnite Vultures", Geffen Records.

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