Beethoven auf Originalinstrumenten Dazwischen liegen Klangwelten

In diesem Jahr wäre Beethoven 250 geworden. Wie klang er zu seiner Zeit? Wir stellen Einspielungen auf Originalinstrumenten vor. Manche drehen das Monumentale runter, andere klingen fast wie Filmmusik.
Ludwig van Beethoven (1770-1827): typische explosive Radikalität

Ludwig van Beethoven (1770-1827): typische explosive Radikalität

A. Dagli Orti/ De Agostini/ Getty Images

Beethoven wäre in diesem Jahr 250 Jahre alt geworden - viele Veranstaltungen des Beethoven-Jahrs sind Corona zum Opfer gefallen. Dafür sind fantastische CDs erschienen, die mit originalen Instrumenten und Nachbauten der Epoche eingespielt wurden. Wer den "wahren" Beethoven ergründen will, muss sie hören. Unsere Auswahl:

1. Jos van Immerseel - frühe Klavierwerke

Der berühmte erste Satz der "Mondscheinsonate" weniger romantisch verklärt und ohne jeden Anflug von Kitsch, dafür deutlich ernster und düsterer, also so, wie man Beethoven kennt und liebt: Jos van Immerseel macht es möglich. Nicht allein sein technisches Können und sein Einfühlungsvermögen in Beethovens Klaviermusik sind dafür verantwortlich, sondern auch sein akribisch ausgewähltes Instrument, der Nachbau eines Hammerflügels von Anton Walter um 1800. Aufgenommen hat der Belgier drei CDs mit Sonaten und andere Kompositionen für Solo-Klavier, die zwischen 1795 und 1804 entstanden.

Der Belgier nimmt sich zurück und setzt vor allem auf die Wirkung des Hammerflügels anstatt auf technische Showeffekte. Gerade das bringt den "wahren" Beethoven zum Vorschein. Man ahnt, warum sich sein Schüler Carl Czerny bei der "Mondscheinsonate" - der Name stammt nicht vom Komponisten - in einer Nachtszene wähnte, "bei der in weiter Ferne eine klagende Stimme eines Geistes zu hören ist". Der letzte Satz erscheint noch dröhnender und dunkler als auf vergleichbaren Aufnahmen mit modernen Flügeln. Das kurze "Die Wut über den verlorenen Groschen" (auch dieser Titel ist nicht von Beethoven) wird heute gern als Effekt heischendes Bravourstück gegeben; oder besser gesagt: runtergedonnert. Immerseel nimmt sich dagegen Zeit, was dem fröhlich-naiven Charakter der Komposition besser tut als die Rasanz etwa eines Evgeny Kissin, der sage und schreibe zweieinhalb Minuten weniger "braucht" als sein belgischer Kollege. Dazwischen liegen Klangwelten.  

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Jos van Immerseel

Die Klavierwerke des jungen Beethoven

Label: ALPHA-OUTHERE
ca. 26,99 €
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2. Nicolas Altstaedt, Alexander Lonquich - Cellosonaten Nr. 1 - 5

Obwohl Beethoven die Sonate nur für Violoncello und Klavier erfunden hat, hinterließ er gerade einmal fünf Kompositionen dieser Art. Die allerdings haben es in sich: Wer Beethovens Entwicklung nachvollziehen möchte, ist bei ihnen bestens aufgehoben. Die fünf Sonaten, die Beethoven zwischen 1796 und 1815 schuf, spiegeln seinen Reifeprozess gut wider. Die Werke liegen zwischen zarter Lyrik und der für Beethoven typischen explosiven Radikalität, die Zeitgenossen regelrecht verstörte.

Nach der Wiener Uraufführung der zwei späten Sonaten vertraute der Mannheimer Kapellmeister Michael Frey seinem Tagebuch an, dass es für ihn "beim ersten Hören ohnmöglich" gewesen sei, sie zu "verstehen". Ein Gefühl davon, warum bereits früheste Stücke aus Beethovens letzter Schaffensperiode irritierten, vermitteln der Heidelberger Cellist Nicolas Altstaedt und der Trierer Pianist Alexander Lonquich auf einer exquisiten Doppel-CD. Altstaedt musiziert auf einem mit Darmsaiten bespannten italienischen Guadagnini von 1749, Lonquich auf einem um 1826 gebauten Hammerflügel von Conrad Graf. Beide treten nicht zum Wettbewerb gegeneinander an, sondern führen einen fairen Dialog. Absolut hörenswert.    

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Nicolas Altstaedt, Alexander Lonquich

Beethoven: Die Werke für Fortepiano & Violoncello

Label: ALPHA-OUTHERE
ca. 30,12 €
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3. Raffaele La Ragione, Marco Crosetto - Musik für Mandoline und Fortepiano

Die Mandoline war im 18. bis zu Beginn des 19. Jahrhunderts überaus populär. Auch der große Beethoven schrieb kleine Stücke für das Zupfinstrument. Für die Pragerin Josephine von Clary-Aldringen, eine exzellente Sängerin und Mandolinistin, schuf Beethoven die berühmte Konzertarie "Ah Perfido!" und eben auch Werke für Mandoline und Fortepiano.

Anmut und Heiterkeit

Womöglich hatte der Komponist, der sein Leben lang kein Glück bei den Frauen hatte, ein Auge auf sie geworfen. Falls es so war: Geklappt hat es nicht. Ungeachtet aller ihr zugeeigneten Werke heiratete Clary-Aldringen und wurde zur Gräfin Clam-Gallas. Pech in der Liebe, Glück für die Nachwelt: Entdeckt wurden die Partituren im Hause Clam-Gallas erst Anfang des 20. Jahrhunderts.

In den Stücken bemüht sich Beethoven um Anmut und Heiterkeit, wie es typisch für die Salonmusik jener Epoche war. Ehrlicherweise muss gesagt sein: Wären sie nicht von Beethoven, würden die Notenblätter wohl weiter im Archiv schlummern. Wer Lust auf diese Rarität in Beethovens Œu­v­re hat, dem sei die CD ans Herz gelegt. Interpretiert ist sie schön von Raffaele La Ragione, der auf dem Nachbau einer Mandoline des 18. Jahrhunderts spielt, und von Marco Crosetto, der Kopien von Hammerklavieren von Anton Walter und Conrad Graf nutzt.

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Raffaele La Ragione, Marco Crosetto

Beethoven und seine Zeitgenossen

Label: ARCANA-OUTHERE
ca. 9,69 €
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4. Freiburger Barockorchester - Bach Collegium Japan - Sinfonie Nr. 9

Als der Autor dieser Liste einmal Beethovens 3. Sinfonie, die "Eroica", live mit dem Freiburger Barockorchester (FBO) hörte, ging er im Gefühl nach Hause, das Werk zum ersten Mal in seinem Leben so gehört zu haben, wie es klingen sollte. Ähnlich ging es ihm mit der FBO-Einspielung der 9. Sinfonie unter dem spanischen Dirigenten Pablo Heras-Casado. Sie ist grandios! Das Label verspricht "eine tief greifend neue Sicht der Neunten". Oft sind Werbetexte zu CDs PR-mäßig aufgemotzt. Hier nicht. Erzkonservative Beethoven-Liebhaber könnten sie zunächst als "ohnmöglich" empfinden. Aber wenn man sich darauf einlässt, erlebt man die Sinfonie so spannungsgeladen, nuancenreich und bestechend klar wie kaum oder vielleicht sogar nie zuvor.

Die Aufnahme verzichtet auf das Monumentale, das der Neunten so gern untergejubelt wird. Der viel zu oft überladene vierte Satz mit der "Ode an die Freude" besticht durch Prägnanz statt durch Pathos. Das liegt auch an dem famosen Sängerquartett und der Zürcher Sing-Akadamie, die allesamt den Frieden bringenden Götterfunken nicht herbeikreischen. Kurzum: Wem die Neunte zum Halse raushängt, wird sie sich mit dieser Einspielung, um im Bilde zu bleiben, mit Freude wieder einverleiben. Zumal die Doppel-CD auch noch Beethovens 1808 - 16 Jahre vor der 9. Sinfonie - uraufgeführte "Fantasie für Klavier, Chor und Orchester" enthält, die wegen melodischer Anklänge an die "Ode an die Freude" auch "Kleine Neunte" genannt wird.  

Wer es gern konventioneller - der Begriff der Konvention ist hier nicht negativ gemeint - haben will, möge zur Aufnahme des Bach Collegium Japan unter Dirigent Masaaki Suzuki greifen, der eigentlich Bach-Spezialist ist. Eine schöne Interpretation von exquisiter Klangqualität, wie man es von dem schwedischen Label BIS immer erwarten kann. Die Platte überzeugt künstlerisch, ist aber keine Offenbarung.

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Freiburger Barockorchester

Beethoven: Sinfonie Nr. 9/Chorfantasie

Label: HARMONIA MUNDI
ca. 17,91 €
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Bach Collegium Japan

Symphony No. 9

Label: BIS RECORDS
ca. 18,29 €
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5. Akademie für Alte Musik - Sinfonien 1, 2 und 6

Und noch ein Meilenstein in der Interpretation der Orchestermusik Beethovens. Ähnlich sensationell wie das FBO die Neunte hat die Berliner Akademie für Alte Musik (Akamus) die 6. Sinfonie, die "Pastorale", eingespielt. Der Effekt ist derselbe: Als Hörer hat man das Gefühl, erst durch diese Aufnahme das Werk in seiner Großartigkeit und Anmut zu erleben.

Dramaturgisch brillant

Die von Beethoven in Musik gesetzten "Erinnerungen an das Landleben" werden unter dem Dirigat von Bernhard Forck so zart und beschwingt nachgezeichnet, dass sich der bezauberte Hörer kaum zu rühren traut. Dabei wirkt das Konzept kein bisschen manieriert. Die Akamus widmete sich bisher weitgehend der Barockmusik und näherte sich der Wiener Klassik inklusive ihres Übervaters Beethoven aus dieser Erfahrung heraus. Naturbeschreibungen wie Donner und Wind waren in Barockopern gang und gäbe.

Der mit "Gewitter, Sturm" überschriebene vierte Satz der "Pastorale" hat beinahe Filmmusikcharakter, so dramaturgisch brillant bringt ihn das Ensemble zu Gehör. Den Übergang des abklingenden Gewitters zum Finalsatz "Hirtengesang. Frohe und dankbare Gefühle nach dem Sturm" muss man schon wegen der betörend schönen Naturhörner und Streicher als perfekt bezeichnen. Das ist Weltklasseniveau.

Die CD enthält ein weiteres Mehr: eine 1784 vollendete Pastoralsinfonie des weitgehend in Vergessenheit geratenen Komponisten Justin Heinrich Knecht - ein schönes Werk im Geiste von Mozart und Haydn, das zeigt, dass Beethovens Visionen nicht von ungefähr kamen, sondern er Trends genial weiterentwickelte. Die Akamus hat zudem die Sinfonien 1 und 2 herausgebracht - ebenfalls absolut hörenswert. Sie sind kombiniert mit Sinfonien des Bach-Sohnes Carl Philipp Emanuel Bach. Auch sie belegen, dass Beethoven sich an älteren Komponisten orientierte, ehe er zu seiner eigenen Formsprache gelangte.

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Akademie für Alte Musik

Sinfonien 1 & 2/Sinfonien Wq 175 & 183/4

Label: HARMONIA MUNDI
ca. 14,98 €
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Akademie für Alte Musik

Sinfonie 6 Pastorale/...

Label: HARMONIA MUNDI
ca. 15,84 €
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6. Orchester Wiener Akademie - Sinfonien 5 und 6

Das Orchester der Wiener Akademie nahm die neun Sinfonien mit "den Instrumenten der Zeit" auf, "mit derselben Zahl" an Instrumentalisten "und in jenen Räumen, in denen der Komponist selbst seine Musik aufgeführt hat". Im Fall der 5., der "Schicksalssinfonie" - genau, die mit dem Ta-ta-ta-taaaa am Anfang -, und der "Pastorale" war dies ein schmucker Saal im Palais Niederösterreich.

Die Uraufführung beider Werke fand 1808 im Theater an der Wien statt, dessen Akustik nach mehreren Umbauten aber nicht mehr der von damals gleicht. Da selbst große Räume der Adelspaläste im Vergleich zu heutigen Konzertsälen klein sind, passte Dirigent Martin Haselböck die Zahl der Musiker entsprechend historischer Erkenntnisse an. Das relativ kleine Orchester tut Beethoven gut, auch wenn wegen der reduzierten Streicher und der ziemlich halligen Akustik die Bläser dominieren.

Dennoch: Der Auftakt der 5. Sinfonie wummert längst nicht so sehr wie in zig anderen Aufnahmen, frei nach der angeblichen Beethoven-Aussage: "So pocht das Schicksal an die Pforte." Dafür geht der "Pastorale" einiges an Zartheit verloren. Haselböck dürfte dem "wahren" Beethoven schon sehr nah kommen. Die Platte ist jedenfalls (wie die Gesamteinspielung der Sinfonien) ein feiner Mix aus der traditionellen Beethoven-Interpretation und den Innovationen der historischen Aufführungspraxis.

Auf eine Besprechung der durchaus interessanten Einspielung der 5. Sinfonie unter Leitung des Griechen Teodor Currentzis und seines Ensembles MusicAeterna wird hier ausdrücklich verzichtet, da es freche Geldschneiderei des Labels Sony Music ist, nur auf den Namen eines populären, aber stark überschätzten Dirigenten zu setzen und lediglich ein einziges 30 Minuten langes Werk auf eine CD zu pressen.

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Orchester Wiener Akademie

Resound Beethoven Vol. 8 - Sinfonien Nr. 5 & 6

Label: ALPHA-OUTHERE
ca. 8,68 €
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7. Ronald Brautigam, Kristian Bezuidenhout - die Klavierkonzerte

Beethovens 5. und letztes Konzert für Klavier und Orchester zählt zu den schönsten Werken der gesamten Klassik. 40 Minuten pure Lebensfreude. Das pulsierende Miteinander von Streichern, Bläsern und Klavier macht das Werk einzigartig. Im Konzertsaal wird es ebenso wie die anderen vier Klavierkonzerte fast ausschließlich auf modernen Flügeln gegeben, meistens der Marke Steinway. Die klingen perfekt, aber auch immer gleich. Das kann man über Hammerklaviere der Beethoven-Epoche wahrlich nicht sagen. Ihr Ton ist variantenreicher und deutlich archaischer als der der Steinways. Die fünf Klavierkonzerte komponierte Beethoven zwischen 1788 und 1809.

Gerade in der Zeit entwickelten sich die Fortepianos rasant. Der Holländer Ronald Brautigam, der bereits alle 32 Klaviersonaten Beethovens phänomenal eingespielt hat, versucht, dem Umstand gerecht zu werden, dass er die Werke auf unterschiedlichen Hammerflügeln aufnahm: Bei den Konzerten 1 bis 3, die noch von Mozart beeinflusst sind, nutzte er einen nachgebauten Walter von 1805, für Nr. 4 und 5 die Kopie eines Grafs von 1819.

Begleitet wird Brautigam von der famosen Kölner Akademie unter Michael Alexander Willens. Ebenso wie Brautigam verzichtet der Südafrikaner Kristian Bezuidenhout trotz aller technischen Brillanz bei seiner Einspielung - erschienen sind bisher 2, 4 und 5 - auf Effekthascherei. Das nimmt den Werken nichts an Schönheit. Das Freiburger Barockorchester agiert - wohl aus Respekt und als Verneigung vor Bezuidenhout - allerdings weniger magisch als in der 9. Sinfonie. Es musiziert seltsam gebremst. Das ist schade.

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Ronald Brautigam, Kristian Bezuidenhout

Beethoven Piano Concertos 1

Label: HARMONIA MUNDI
ca. 18,99 €
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Ronald Brautigam, Kristian Bezuidenhout

Beethoven Piano Concertos 2

Label: HARMONIA MUNDI
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Ronald Brautigam; Die Kölner Akademie; Michael Alexander Willens

Beethoven: Piano Concertos

Label: BIS RECORDS
ca. 33,75 €
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