KI-Beethoven-Rekonstruktion Der Mensch muss nicht alles Unvollendete vollenden

Ludwig van Beethoven schrieb in seinem Leben neun Sinfonien, eine zehnte blieb unvollendet. Ein Computer hat Teile mittels KI nun rekonstruiert. Warum man sich das Ganze hätte sparen können.
Eine Analyse von Thomas Schmoll
IT-Spezialisten und Musikgelehrte behaupten, die 10. Sinfonie Ludwig van Beethovens rekonstruiert zu haben. Auch wenn es hier und da nach dem Meister klingt – das Projekt ist gescheitert. Sein künstlerischer Wert liegt bei: nahe null.

IT-Spezialisten und Musikgelehrte behaupten, die 10. Sinfonie Ludwig van Beethovens rekonstruiert zu haben. Auch wenn es hier und da nach dem Meister klingt – das Projekt ist gescheitert. Sein künstlerischer Wert liegt bei: nahe null.

Foto: GeorgiosArt / Getty Images/iStockphoto

Dieser Artikel gehört zum Angebot von SPIEGEL+. Sie können ihn auch ohne Abonnement lesen, weil er Ihnen geschenkt wurde.

Über kaum einen Komponisten ist so viel bekannt wie über Ludwig van Beethoven – und trotzdem hat er uns einige Rätsel hinterlassen, die wohl nie gelöst werden können. Wer war die Frau, der er das kurze Klavierstück »Für Elise« widmete? Wer die »unsterbliche Geliebte«, der er in größter Leidenschaft über zwei Tage hinweg einen nie abgeschickten Brief schrieb? Und wie hätte seine 10. Sinfonie geklungen? All das wissen wir nicht. Und das ist gut so, weil erst das Mysterium ein Genie zur Legende macht.

Die Menschheit aber gibt keine Ruhe, ehe sie nicht jedes Geheimnis gelüftet und das Unvollendete – angeblich – vollendet hat, selbst wenn dadurch ein Mythos zerstört wird. Nun hat sich ein Team aus Wissenschaftlern, Musikern und Computerexperten bemüht, die 10. Sinfonie Beethovens mithilfe Künstlicher Intelligenz (KI) zu vervollständigen. Heraus kam: Musik. Sie hört sich wie das Werk eines mäßig begabten Beethoven-Schülers an, der wie sein Meister klingen will – und scheitert. Nicht kläglich, aber klar. Der künstlerische Wert liegt bei: nahe null. Die Musik leistet keinen wirklichen Beitrag zum Verständnis des späten Beethoven.

Vermessen, wenn nicht anmaßend

Tausende Blätter mit Ideen sind von Beethoven überliefert, festgehalten als Noten oder in Worten, die tiefe Einblicke in seine Arbeits- und Denkweise gestatten, aber meist wenig bis gar nichts über die finale Gestalt einer Komposition aussagen. Von der Zehnten sind insgesamt 350 Takte auf uns gekommen, von denen 250 für den ersten Satz gedacht waren. Zum Vergleich: Der Finalsatz der 9. Sinfonie mit Schillers vertonter Ode »An die Freude« ist 940 Takte lang. Der britische Musikwissenschaftler Barry Cooper legte 1988 eine Rekonstruktion des ersten Satzes vor. Der Versuch geriet schnell in Vergessenheit.

Die angedachte Vervollständigung der Zehnten mit 100 Takten und Berechnungen von Computern ist mutig, aber auch vermessen, wenn nicht anmaßend. Begleitet wird das Getöne von viel PR-Tamtam. Das fängt schon bei der Bezeichnung »Die Unvollendete« an, ein Name, der in der Klassik seit jeher der 7. Sinfonie von Franz Schubert vorbehalten ist. Dabei bleibt Beethovens »Unvollendete« weiterhin unvollendet. Die Rekonstruktion beschränkt sich auf den dritten und vierten Satz. Somit kann der algo-rhythmisierte Beethoven nicht mit der Version Coopers verglichen werden, niemand auf den Gedanken kommen: Das Ganze hätte man sich sparen können, ein Mensch kann es mindestens genauso gut (oder schlecht).

Kopf des Projektes ist der IT-Experte Matthias Röder, der am Salzburger Mozarteum Klassische Gitarre studiert hat. Er erklärt, »kalte, emotionslose, aber gleichwohl musikwissenschaftlich fundierte Midi-Noten« aus Computern seien »in ein lebendiges Werk« verwandelt worden. Schon darüber kann man streiten. Definitiv fragwürdig ist der Ansatz, Beethovens Notizen zu zwei (letzten) Sinfonien – Auftragswerke für London – der Zehnten zuzuschreiben. Roeder will darin »Gedanken der Spiritualität« erkannt haben. Der Meister habe den Choral »Herr Gott dich loben wir« in der Tradition alter Kirchenmusik vertonen wollen, es offenbare sich »ein sehr nach innen gewandter Komponist, ganz im Gegensatz zur weltumfassenden Sicht, die in der 9. Sinfonie ihren Ausdruck findet«.

Zwischen Verzweiflung und Durchhalten

Obwohl Beethoven in der Passage, auf die sich Röder bezieht, über eine »2te Sinfonie« spricht – gemeint ist Nummer zwei zum Londoner Auftrag – deutet sehr viel darauf hin, dass der Künstler seine Gedanken schon in der Neunten verwirklicht hat. Vor allem aber: Die Ideen sind auf einem Skizzenblatt zur Hammerklaviersonate niedergeschrieben, die er im März 1818 – zehn Jahre vor seinem Tod – fertigstellte. Das technisch extrem schwierige Klavierwerk schwankt in der Aussage zwischen Verzweiflung und Durchhalten. Zu der Zeit führte der freischaffende Künstler erbitterten Streit mit seinem Neffen, war in finanziellen Sorgen und fast taub. Dass er da – sowieso in einer Zeit, in der der Glaube noch große Bedeutung hatte – über Gott und nicht nur die Welt nachdachte, ist alles andere als eine steile These.

Der behauptete »Gegensatz« zwischen »weltumfassender Sicht« in Beethovens 9. und »der Spiritualität« in Röders 10. Sinfonie zielt darauf ab, im vierten Satz eine Orgel einzusetzen. Die war wahrlich nicht das bevorzugte Instrument Beethovens, er spielte sie als Knabe. In Wien gab es zu Beethovens Zeit keinen vernünftigen Saal mit eingebauter Orgel – kurzum: Ihr Einsatz in einer Sinfonie, einem weltlichen Werk, ist a-historisch. Röder räumt denn auch ein, dass die Orgel vom Komponisten »so nicht vorgesehene Intervention« sei, dafür aber »ein Überraschungsmoment, das man von Beethoven vielleicht auch hätte erwarten dürfen«, und zwar als »Zukunftsidee« für »ein Erneuerungspotenzial einer damals zeitgenössischen und neuen Musik«.

Röder bringt damit die Schwachstelle des Projektes auf den Punkt. Das Unerwartete, das Überraschende, der Wow-Effekt ist das Geniale in Beethovens Musik. Nehmen wir den Übergang vom vierten zum finalen Satz der 6. Sinfonie, der ohne Pause gespielt werden muss. Ein simpler Kniff mit grandioser Wirkung. Die Bläser, umringt von zarten Streichern, kündigen nach einem heftigen Gewitter die Rückkehr zur Normalität an. Der Mensch kann die friedliche Landschaft – Gottes Werk – wieder genießen. Oder denken wir an seine letzte, die 32. Klaviersonate, die der Romantik den Weg weist und in einer kurzen, überdrehten Passage – Zeitgenossen müssen baff gewesen sein – den Jazz ankündigt. Da bewegt sich ein von schwerer Krankheit gezeichneter Mensch zwischen Leben und Tod, Erde und Himmel.

Das ist große Tonkunst, wie sie nur Beethoven in Noten setzen konnte. Genau das fehlt der Computer-Sinfonie. Die Orgel im vierten Satz dient als Krücke für eine Pseudo-Überraschung, die sich als Stöckchen erweist, das schnell bricht. Der Part mäandert – Beethoven war Bach-Fan – zwischen Barock und Spätromantik, Musik für einen Hollywood-Blockbuster und einem Disney-Heile-Welt-Trickfilm mit viel Tschingderassabum im Finale, wenn die Becken knallen, was das Blech hergibt. Röder will keine »echte« 10. Sinfonie »vollendet«, jedoch »im Geiste Beethovens« gewirkt haben. Beethoven wird allerdings als Komponist dargestellt, dem das Genie abhandengekommen ist, aber trotzdem sehr modern sein möchte.

Man fragt sich beim Hören: Das soll Beethoven sein? Die Antwort ist simpel. Man muss nur das Fragezeichen weglassen: Ja, das soll Beethoven sein. Man kann sich damit trösten: Wie schön, dass klassische Musik ein bisschen Medienaufmerksamkeit bekommt. Und dass wir nun alle wissen, erstens: Künstlich ist nicht künstlerisch. Zweitens: Der Mensch muss nicht alles Unvollendete vollenden.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.