Begegnung mit Neil Young "Wo ist denn heute der Protest?"

Aus Woodside berichtet

2. Teil: Das letzte Gefecht der Hippie-Generation


Jetzt ist Young wieder diese Stimme, und er will es, ein bisschen zumindest. Es geht ja nicht anders, sagt er. Kein Musiker hat bisher so ausdrücklich Stellung bezogen gegen den Irak-Krieg und jene, die für ihn verantwortlich sind. "Let’s Impeach the President", zum Beispiel, heißt ein Song auf "Living with War": Lasst uns den Präsidenten absetzen.

Natürlich ist es auffällig, dass es ausgerechnet diese Althippies sind, die sich nun an die Spitze des Protests stellen: also jene Generation, die schon vor 40 Jahren gegen einen amerikanischen Krieg angerannt ist, der das Land gespalten hat. Young und seine Kollegen haben sich entschieden, noch einmal in das wohl letzte Gefecht der Hippie-Generation zu ziehen, sich aufzulehnen, wie sie es von damals kennen, während ihre europäischen Halbgeschwister, die Achtundsechziger, besonders die deutschen, zum größten Teil längst nichts mehr zu tun haben wollen mit ihren Kämpfen von damals. Young hat sich nun im "Mountain House" an einen Tisch gesetzt, und so ungern er eigentlich Interviews gibt, darüber will er jetzt reden: "Ich habe lange gewartet, bevor ich 'Living with War' aufgenommen habe", sagt er.

"Ich haben die ganze Zeit gedacht, es muss einen jungen Superhelden geben, der aus der Popwelt kommt, der die Sicht aller jungen Leute in sich vereint und sie erleuchtet zu einem Protest." Aber es kam keiner. Also ist Young mit Crosby, Stills, Nash & Young auf eine Anti-Irakkriegs-Tour gegangen, Männer über 60, mit teilweise weißen, teilweise langen, teilweise ausfallenden Haaren, mindestens einer von ihnen gezeichnet von jahrelangen Drogenkonsum.

Man kann sich das alles ansehen, denn Young - weil er seinen Protest gewissermaßen auf allen Kanälen versenden will - hat die Tournee filmen lassen und daraus eine Dokumentation gemacht, die Anfang Juli in die Kinos kommt. Die Verbindung zu den alten Hippietagen und den Vietnamprotesten legt schon der Titel des Films nahe, "Déjà vu" heißt er, wie das erste Album von Crosby, Stills, Nash & Young. Was der Film vor allem zeigt, ist dieser erstaunliche Hass, der den "vier Hippie-Millionären mit Haarsausfall", wie es an einer Stelle in dem Film heißt, bei den Konzerten aus dem Publikum entgegen schlägt.

"Ich werde Neil Young alle Zähne raustreten", sagt ein Konzertbesucher, ein anderer rät, Young solle Musik machen, das könne er, aber bitte nicht über Politik reden.

Straßenkreuzer mit Hybridmotor

"Ich habe all die Kritiker bewusst mit in den Film genommen", sagt Young. "Auch sie sind Amerika. Es ist auch ihr Land." Mehr als eine Debatte könne er doch ohnehin nicht erwarten, denn er glaube nicht mehr an die Macht des Protestsongs, wie er sie früher einmal hatte. Solche Lieder müssten eingebettet sein in eine gewaltige Jugendbewegung. So wie es in den späten sechziger Jahren war.

"Wo ist denn heute der Protest?", ruft Young hinein in das Vogelgezwitscher, das aus den Redwood-Bäumen durch das geöffnete Fenster hereindringt. "Der einzige Protest geht von einem Haufen alter Leute aus, die sich noch einmal erinnern, worum es früher mal ging. Die immer noch gegen die Wehrpflicht von vor 40 Jahren demonstrieren." Es ist diese Wehrpflicht, die Young als den ausschlaggebenden Unterschied zu den Protesten gegen den Vietnam-Krieg ausgemacht hat. Bush und Cheney seien schlau genug gewesen, sie nicht wieder einzuführen.

Young sagt: "Die Studenten damals hatten nur eine Sorge: Muss ich nach Vietnam oder nicht? Heute fragen sich die Studenten, ob sie einen guten Job bei Google oder so bekommen. Deswegen gibt es heute keine Antikriegsbewegung." Dann läutet Youngs Handy. "Yeah?", sagt er. "Sekunde mal." Er hält mit der Hand den Hörer zu und sagt, er müsse jetzt aufhören, er sei ja eh schon wieder ganz woanders. Viel wichtiger als Protestsongs zu schreiben, sei ihm inzwischen die Lösung der weltweiten Energiekrise. Er hat acht oder neun Wissenschaftler angeheuert - einer von ihnen war sogar früher bei der Nasa! -, die seinen 1959er Lincoln Continental, einen Straßenkreuzer von zweieinhalb Tonnen, mit einem gigantischen Elektro-Hybridmotor ausstatten sollen. Heute finden die ersten Testfahrten statt.

"Aber wie lange hält der Akku? Das ist heute die Frage", sagt Young. Der Testfahrer habe schon 45 Meilen geschafft. Man zittere. Wenn er 60 schafft, ist Young zufrieden.

Man steigt also vor dem "Mountain House" wieder in seinen Mietwagen, einen normalen Chevrolet mit Benzinmotor. Neil Young schüttelt den Kopf. "Mit so etwas können Sie nicht mehr lange herumfahren", sagt er. Und dann winkt er.


"Ich bin doch nicht CNN": Lesen Sie in der aktuellen Ausgabe des SPIEGEL ein ausführliches Gespräch mit Neil Young über seine Songs gegen den Irak-Krieg, seine Probleme in der Nacht von Woodstock und die Frage, warum es heute keine echte Protestkultur mehr gibt.



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