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25. Juni 2008, 14:30 Uhr

Begegnung mit Neil Young

"Wo ist denn heute der Protest?"

Aus Woodside berichtet

Wer Neil Young treffen will, muss aufs Land fahren. Dort begegnet man einem alten Mann im Holzfällerhemd, der daran verzweifelt, dass es keine Protestikonen mehr gibt. Heute will der Althippie gar nicht mehr die Welt retten - sondern nur die Energiekrise lösen.

Der Weg hinaus zu Neil Young führt, wenig verwunderlich, zunächst hinaus aus der Stadt, denn die Stadt - und noch viel schlimmer, ihr Anhängsel: die Vorstadt - hat dieser so uramerikanisch wirkende Kanadier, der Young ist, nie leiden können. In einem seiner berühmtesten Lieder sang er von den "Thrashers", den Mähdreschern, die "breiter als zwei Fahrspuren" seien, wie sie als Boten der Zivilisation hereinbrechen in dieses, sein ursprüngliches Amerika. Und Young, wenn er das sang, trug manchmal Federn im Haar und die Ponchos der amerikanischen Ureinwohner.

Musiker Young: Zehn Songs in einer Woche
DDP

Musiker Young: Zehn Songs in einer Woche

Es geht also hinaus aus der Stadt gen Süden über eine viele Kilometer lange Straße, die Skyline Boulevard heißt. Tatsächlich lässt sich im Rückspiegel die sogenannte, gar nicht so imposante Skyline von San Francisco ausmachen, während der Boulevard sich Hügel hinauf und wieder hinunter schlängelt, kleine Seen umkurvt, gesäumt von den Hunderte von Jahren alten, teils 30, 40 Meter in den Himmel wachsenden Redwood-Bäume, die ab und zu den Blick freigeben auf den Pazifik, der da unten liegt. Auf den Straßen fahren jetzt Pick-up-Trucks, keine SUVs wie in den Vorstädten, es gibt immer weniger Häuser, ein paar Wanderer.

Neil Young soll in dieser Gegend in einer Bar warten, die "The Mountain House" heißt, die einzige hier, wohl seine Stammkneipe, denn er wohnt nur ein bisschen weiter die Straße hinunter. Vor dem "Mountain House" parkt Neil Youngs hellblaues, 26 Jahre altes Mercedes-Coupé. Da müsste man jetzt mal einen Blick hineinwerfen und nachsehen, welche CDs Neil Young beim Autofahren hört! Doch bevor es dazu kommt, ertönt von der Eingangstür her eine Stimme.

"Fährt mit Biodiesel", sagt die Stimme, die längst nicht so hell ist, wie man sie von den Platten kennt. Sie ist sogar ziemlich tief. Kann das Neil Young sein? Der Mann, der im Türrahmen steht, trägt eine schwarze Rundum-Sonnenbrille, ein Holzfällerhemd, eine Allzweckhose und Wanderstiefel. Zur Begrüßung lässt er die Brille einen Tick auf der Nase herunterrutschen, blickt über ihren Rand und sagt: "Hi, I’m Neil." Es ist der einzige Moment, in dem man Neil Youngs Augen sieht.

"Anpinkeln gegen den Wind"

Dass dies eine der schönsten Landschaften der Welt sei, sagt man Young, der ja immer wieder über die Adler, die Canyons und Berge und die Menschen dazwischen gesungen hat, sein mystisches, altes Amerika, das er liebt.

Es fehlen hier am Skyline Boulevard für den Bauernhoffan Young bloß die Farmen, aber ansonsten ist dies die Neil-Young-Welt, wie man sie sich vorstellt: sein Setting, von dem er auf Amerika guckt. Dieser Blick ist in den letzten Jahren wieder zorniger geworden, politischer.

Das hatte viele überrascht, denn in den siebziger Jahren hatte Young sich in seinen Liedern vehement losgesagt von seiner in den späten Sechzigern zementierten Rolle als Protestikone. Er hatte seine alten Hippiefreunde vor den Kopf gestoßen, als er verkündete, der politische Protest sei doch nur ein "Anpinkeln gegen den Wind" gewesen. Youngs Texte wurden rätselhafter, sie beschworen Amerika als Mythos. In den Achtzigern wurde sein gesamtes Schaffen komplett unverständlich, und in den Neunzigern wurde er zu jenem wilden Rocker, als den die meisten ihn heute kennen, mit den maßlos verzerrten Gitarren und den breiten Koteletten, der zusammen mit den Grunge-Rockern von Pearl Jam auftrat.

Aber plötzlich, im Jahr 2006, hat er "innerhalb einer Woche", wie er jetzt sagt, zehn Songs geschrieben gegen den Irakkrieg, für die Gefallenen und Trauernden, gegen die Regierung, für Amerika. "Living with War" hieß die Platte, und man hatte sie von Neil Young nicht erwartet. Um diese Platte im Sommer 2006 auch auf die Bühne bringen und mit den Amerikanern unmittelbar sprechen zu können, hat er David Crosby, Stephen Stills und Graham Nash wieder angerufen, seine alten Kumpel, Mitmusiker aus den Sechzigern, mit denen er immer wieder mal aufgetreten ist, sich immer wieder von ihnen getrennt, zerstritten und wieder versöhnt hat. Damals, 1969, waren Crosby, Stills, Nash & Young einer der ersten sogenannten Supergroups - Crosby von den Byrds, Nash von den Hollies und Stills und Young von Buffalo Springfield -, und schnell galten sie als die Stimme der Hippie-Generation, die sie nie sein wollten, zumindest Young nicht.

Das letzte Gefecht der Hippie-Generation

Jetzt ist Young wieder diese Stimme, und er will es, ein bisschen zumindest. Es geht ja nicht anders, sagt er. Kein Musiker hat bisher so ausdrücklich Stellung bezogen gegen den Irak-Krieg und jene, die für ihn verantwortlich sind. "Let’s Impeach the President", zum Beispiel, heißt ein Song auf "Living with War": Lasst uns den Präsidenten absetzen.

Natürlich ist es auffällig, dass es ausgerechnet diese Althippies sind, die sich nun an die Spitze des Protests stellen: also jene Generation, die schon vor 40 Jahren gegen einen amerikanischen Krieg angerannt ist, der das Land gespalten hat. Young und seine Kollegen haben sich entschieden, noch einmal in das wohl letzte Gefecht der Hippie-Generation zu ziehen, sich aufzulehnen, wie sie es von damals kennen, während ihre europäischen Halbgeschwister, die Achtundsechziger, besonders die deutschen, zum größten Teil längst nichts mehr zu tun haben wollen mit ihren Kämpfen von damals. Young hat sich nun im "Mountain House" an einen Tisch gesetzt, und so ungern er eigentlich Interviews gibt, darüber will er jetzt reden: "Ich habe lange gewartet, bevor ich 'Living with War' aufgenommen habe", sagt er.

"Ich haben die ganze Zeit gedacht, es muss einen jungen Superhelden geben, der aus der Popwelt kommt, der die Sicht aller jungen Leute in sich vereint und sie erleuchtet zu einem Protest." Aber es kam keiner. Also ist Young mit Crosby, Stills, Nash & Young auf eine Anti-Irakkriegs-Tour gegangen, Männer über 60, mit teilweise weißen, teilweise langen, teilweise ausfallenden Haaren, mindestens einer von ihnen gezeichnet von jahrelangen Drogenkonsum.

Man kann sich das alles ansehen, denn Young - weil er seinen Protest gewissermaßen auf allen Kanälen versenden will - hat die Tournee filmen lassen und daraus eine Dokumentation gemacht, die Anfang Juli in die Kinos kommt. Die Verbindung zu den alten Hippietagen und den Vietnamprotesten legt schon der Titel des Films nahe, "Déjà vu" heißt er, wie das erste Album von Crosby, Stills, Nash & Young. Was der Film vor allem zeigt, ist dieser erstaunliche Hass, der den "vier Hippie-Millionären mit Haarsausfall", wie es an einer Stelle in dem Film heißt, bei den Konzerten aus dem Publikum entgegen schlägt.

"Ich werde Neil Young alle Zähne raustreten", sagt ein Konzertbesucher, ein anderer rät, Young solle Musik machen, das könne er, aber bitte nicht über Politik reden.

Straßenkreuzer mit Hybridmotor

"Ich habe all die Kritiker bewusst mit in den Film genommen", sagt Young. "Auch sie sind Amerika. Es ist auch ihr Land." Mehr als eine Debatte könne er doch ohnehin nicht erwarten, denn er glaube nicht mehr an die Macht des Protestsongs, wie er sie früher einmal hatte. Solche Lieder müssten eingebettet sein in eine gewaltige Jugendbewegung. So wie es in den späten sechziger Jahren war.

"Wo ist denn heute der Protest?", ruft Young hinein in das Vogelgezwitscher, das aus den Redwood-Bäumen durch das geöffnete Fenster hereindringt. "Der einzige Protest geht von einem Haufen alter Leute aus, die sich noch einmal erinnern, worum es früher mal ging. Die immer noch gegen die Wehrpflicht von vor 40 Jahren demonstrieren." Es ist diese Wehrpflicht, die Young als den ausschlaggebenden Unterschied zu den Protesten gegen den Vietnam-Krieg ausgemacht hat. Bush und Cheney seien schlau genug gewesen, sie nicht wieder einzuführen.

Young sagt: "Die Studenten damals hatten nur eine Sorge: Muss ich nach Vietnam oder nicht? Heute fragen sich die Studenten, ob sie einen guten Job bei Google oder so bekommen. Deswegen gibt es heute keine Antikriegsbewegung." Dann läutet Youngs Handy. "Yeah?", sagt er. "Sekunde mal." Er hält mit der Hand den Hörer zu und sagt, er müsse jetzt aufhören, er sei ja eh schon wieder ganz woanders. Viel wichtiger als Protestsongs zu schreiben, sei ihm inzwischen die Lösung der weltweiten Energiekrise. Er hat acht oder neun Wissenschaftler angeheuert - einer von ihnen war sogar früher bei der Nasa! -, die seinen 1959er Lincoln Continental, einen Straßenkreuzer von zweieinhalb Tonnen, mit einem gigantischen Elektro-Hybridmotor ausstatten sollen. Heute finden die ersten Testfahrten statt.

"Aber wie lange hält der Akku? Das ist heute die Frage", sagt Young. Der Testfahrer habe schon 45 Meilen geschafft. Man zittere. Wenn er 60 schafft, ist Young zufrieden.

Man steigt also vor dem "Mountain House" wieder in seinen Mietwagen, einen normalen Chevrolet mit Benzinmotor. Neil Young schüttelt den Kopf. "Mit so etwas können Sie nicht mehr lange herumfahren", sagt er. Und dann winkt er.


"Ich bin doch nicht CNN": Lesen Sie in der aktuellen Ausgabe des SPIEGEL ein ausführliches Gespräch mit Neil Young über seine Songs gegen den Irak-Krieg, seine Probleme in der Nacht von Woodstock und die Frage, warum es heute keine echte Protestkultur mehr gibt.

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