Beginner in Köln Vom Hip-Hop-Fieber genesen und wieder geeint

Texte von den Beginnern konnten Fans besser aufsagen als Thomas-Mann-Zitate aus dem Deutsch-LK. Vor zwei Jahrzehnten war die Band die Band. Auf dem Summerjam-Festival versuchte sie, an alte Erfolge anzuknüpfen.
Lisk (l.) und Delay bei einem Festivalauftritt im Jahr 2012

Lisk (l.) und Delay bei einem Festivalauftritt im Jahr 2012

Foto: Ennio Leanza/ picture alliance / dpa

Füchse sind keine Rudeltiere. Wer das bereits wusste, darf sich an dieser Stelle auf die Schulter klopfen, denn vermutlich heißt das, dass er in der Hip-Hop-Schule der Neunzigerjahre durchaus aufgepasst hat. Da stand im Jahr 1998 "Bambule" auf dem Lehrplan. Autoren: Eizi Eiz (Jan Philipp Eißfeldt alias Jan Delay), Denyo (Dennis Lisk) und DJ Mad (Guido Weiß) - zusammen die Beginner. Der Klappentext der Begleitlektüre lautete damals: Deutsch-Rap für Streber. Unter Umständen das beste deutsche Hip-Hop-Album aller Zeiten.

Am Samstag konnten sich die einstigen Musterschüler davon überzeugen, dass die Lektion hängengeblieben ist. Auf dem Kölner Reggae-Festival Summerjam riefen die Beginner zum Klassentreffen. Erkenntnis des Abends: Der Stoff sitzt auch nach 18 Jahren noch besser als sämtliche Thomas-Mann-Zitate aus dem Deutsch-LK. Doch es gibt noch mehr zu lernen. Zwölf Jahre nach ihrem letzten Album "Blast Action Heroes" (2003) legen die Beginner mit neuem Material nach.

Mambo-Rhythmen und schöne Brüche

Es sind die neuen Töne, mit denen die Beginner ihre Show in Köln eröffnen. Bereits Anfang Juni hatte die Gruppe das Video zu "Ahnma", der neuen Hamburg-Hymne mit den kellertiefen Beats ins Netz gestellt. Mehr als sechs Millionen Mal wurde es seitdem geklickt, dementsprechend sitzt die Hook von Feature-Guest Gzuz beim Summerjam-Publikum bereits. Auch ein Kölner ist auf dem Track vertreten: Reggae-Musiker Gentleman. Der kann seinen Part jedoch nicht live beisteuern. Er tritt parallel zu den Beginnern wenige Meter weiter auf der zweiten großen Festivalbühne auf.

"Ahnma" bleibt an diesem Abend das stärkste unter den neuen Stücken. "Wir sind im Haus/ Ihr seid daheim/ Wir gehen raus/ Ihr geht ein", rappen die Hamburger auf Mambo-Rhythmen. Der noch nicht veröffentlichte Song, der gefühlt nur aus Hook besteht, verspricht zwar, nach dem Sommer in sämtlichen Klubs rauf und runter zu laufen, kann sich aber weder an Beats noch an Texten der ersten Auskopplung messen.

Da liefert das Stück, das vermutlich "Schelle" heißt, deutlich mehr ab: schmerzhaft schöne Brüche zwischen seichtem Reggae und hartem Beat. Wenn Eißfeldt von Sinuswellen rappt, die er im Kluburlaub reitet, werden Erinnerungen an "Bambule" wach. "Bestnoten von Stiftung Warentest", beschwört der Rapper. Gut Möglich. Die hatte ja bereits auf eine ähnliche Zeile in "Ahnma" reagiert, und den Beginnern ganz offiziell die höchste Wertung verliehen.

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Damit es diese Wertung auch vom Publikum gibt, setzen die Beginner für den Großteil ihrer Show auf altbewährtes "Bambule"- und "Blast Action Heroes"-Material, darunter "Gustav Gans", "Liebes Lied", "Rock On", "Hammerhart" und "Fäule". Die Set-List liest sich wie ein Auszug aus der obligatorischen Leseliste der deutschen Rap-Geschichte. Dazwischen immer wieder Songs aus Eißfeldts Karriere als Jan Delay, wie "Klar" vom Album "Mercedes-Dance" (2006) und die musikalische Nike-Werbung "Air Max" (feat. D-Flame, 2010).

25 Jahre Bandgeschichte

Dabei ignorieren die Beginner nicht, dass zwischen einstigen Smash-Hits und neuen Reimen eine zwölf Jahre lange Lücke klafft. Die versuchen sie, mit neuen Tracks zu schließen. In vier Minuten fassen sie ihre 25 Jahre lange Bandgeschichte zusammen, von den ersten Aufnahmen ohne großes Studio über goldene Platten bis hin zum Bruch. In den Zeilen auch ein Erklärungsversuch: "Das Hip-Hop-Fieber fühlte sich auf einmal krank an."

Und weil die Beginner um die Jahrtausendwende nicht allein in der deutschen Musiklandschaft unterwegs waren, folgt gleich die Danksagung an einstige Wegbegleiter: Freundeskreis, Torch, Eins Zwo, Fünf Sterne Deluxe. Die Flaschenpost an die Neunzigerjahre kann verkorkt werden.

Bei so viel Nostalgie bleibt auch der Höhepunkt des Abends einem Klassiker vorbehalten. Während Denyo und Eißfeldt von tollenden Rudeln und ihrem Revier rappen, wartet man fast darauf, dass Samy Deluxe um die Ecke scharwenzelt und mit einstimmt in "Füchse", um die Erinnerung an Zeiten vor Farid Bang und Kollegah perfekt zu machen.

Nein, Gzuz ist kein Samy, und "Advanced Chemistry" wird, gemessen an den ersten Tönen, vermutlich kein zweites "Bambule". Doch vielleicht ist das auch gar nicht das Ziel der drei Hamburger. Ein Fuchs muss schließlich "tun, was ein Fuchs tun muss". Im Fall der Beginner heißt das wohl schlicht: weiter rappen.

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