Bekenntnis einer Trauernden "Ich bin wie in Trance"

"Beat It" in der Pubertät, "Bad" beim Abitur - die Welt von Meike Werkmeister kreiste 18 Jahre lang um den "King Of Pop". Den Tag seines Todes hat sie gefürchtet wie wenig anderes. Heulen, Abschiedspartys und Kondolenz-SMS in Serie: das Protokoll einer Trauernden.


Als ich an diesem Morgen aufwachte, hatte ich über Nacht sieben SMS auf meinem Handy. Irgendwas stimmte da nicht.

Ich las die erste: "Am Samstag trinken wir auf Michael, Meike." Ich verstand erst wirklich, was über Nacht geschehen war, als ich die zweite las: "Sorry, Kleine, Michael ist tot."

Michael Jackson ist tot. Seit ich zwölf Jahre bin, fürchte ich mich vor dieser Zeile als erste Nachricht im Videotext. Jetzt stand sie da. Der Tag ist also gekommen.

Eigentlich sollte ich vorbereitet sein. Ich hatte immer befürchtet, dass mein Idol nicht alt wird. Jetzt gerade war ich wieder in großer Sorge, dass er die 50 Konzerte in London nicht durchstehen würde. Aber gleich sterben?

Zur Person
Meike Werkmeister, Jahrgang 1979, ist Redakteurin bei der Frauenzeitschrift "Maxi". Seit ihrem zwölften Lebensjahr ist sie Michael-Jackson-Fan. Ihre erste Kaufcassette war "Thriller".
Die nächste SMS kam von meiner Mutter: "Hallo Maus, bist du sehr traurig über Mikels Tod? Willst du telefonieren? Mama". Seitdem bin ich wie in Trance. Schaue die Übertragungen im Fernsehen, lese im Internet und die vielen Kondolenz-E-Mails, die ich minütlich bekomme. Meine Kollegin Lena konnte ich gerade noch davon abhalten, auf unserem Schreibtisch einen kleinen Altar zu errichten.

Das ist doch nur ein Popstar, niemand aus meiner Familie, sagen Sie? Stimmt. Aber Michael Jackson hat mich mein ganzes Leben begleitet.

Er hat mich mit "Bad" durch die Pubertät gebracht, mit "Keep The Faith" durch die Führerscheinprüfung, mit "Beat It" durchs Abitur. Er hat mich bei schlimmen Liebeskummer Anfang 20 mit "You Are Not Alone" getröstet und Selbstzweifel während des Studiums mit "Man In The Mirror" weggesungen.

Ich habe einen Großteil meiner Jugend entweder im Regen vor irgendwelchen Stadien in Osteuropa (während der "HIStory-Tour") oder vorm Videorecorder mit meiner besten Freundin Verena verbracht. Ich schätze, wir haben "Moonwalker" etwa hundertmal gesehen. Das ist keine Übertreibung. Michael Jackson war eben unser Held.

Wir hörten seine Songs wie Gebete, wir studierten seine Texte und Tanzschritte bis in kleinste Detail. Ich weiß, dass unsere Eltern sich damals wegen unserer Begeisterung besprachen, ob das alles noch vertretbar sei.

Ich denke heute: Ja, es hat uns doch glücklich gemacht. Und auch wenn ich irgendwann die Poster abnahm und wir aufhörten, Michael zum Geburtstag einen Kuchen zu backen, blieben wir Fans.

Ich habe über die Jahre viele Fans von Michael Jackson getroffen. Eine Sache, die sie eint: Sie bleiben auch als Erwachsene begeistert. Nicht wie andere, die sich später dafür schämen, wegen "Caught in the Act" mal ohnmächtig geworden zu sein. Michael-Jackson-Fan ist man fürs Leben.

Bisher konnte ich mich glücklicherweise im Büro zusammenreißen und bin noch nicht in Tränen ausgebrochen. Es könnte aber noch passieren. Und spätestens am Samstag, auf besagter Party, auf der man "auf Michael trinken" wolle, wird es soweit sein, wenn "Thriller" läuft.

Ich werde mich wohl erklären müssen. Aber ich bin vorbereitet, als Michael-Jackson-Fan ist man daran gewöhnt. Zeit meines Lebens habe ich mich dafür rechtfertigen müssen, dass ich ihn verehre. Die Musik, das geben die meisten noch zu, sei ja gut (aber nur die älteren Sachen!), aber dieser Typ? Wie kann ich so jemanden bewundern? Nun, die Antwort: Für uns Fans war Michael Jackson eine durch und durch authentische Person.

Das mag komisch klingen, denn ich weiß, dass er für alle anderen eine Kunstfigur war. Ich habe mich früh damit abgefunden, dass es zwei Michaels gibt: den seiner Fans und den, den der Rest der Öffentlichkeit in ihm sieht.

Für uns Fans war Michael Jackson nie ein Rätsel, wir haben auf alles eine Antwort. Warum er sich die Haut bleichte? Eine Krankheit, hat er doch gesagt. Die Schönheits-OPs? Teil seines künstlerischen Ausdrucks, soll er doch machen, wenn er meint. Der Prozess wegen Kindesmissbrauchs? Die Kampagne einer raffsüchtigen Familie, die in ihm ein einfaches Opfer sah, um an viel Geld zu kommen.

Wir Fans haben in Michael Jackson immer einen zutiefst guten, liebevollen Menschen gesehen. Jemanden, der den Menschen mit seiner wundervollen Musik etwas Gutes tun wollte. Ein Genie, das in seiner eigenen Welt lebte. Sicherlich jemand, der anders war als die anderen Kinder. Aber um Gottes willen kein Monster, wie er leider so oft betitelt wird.

Seien Sie also behutsam, falls ihnen heute ein aufgelöster Michael-Jackson-Fan begegnet. Wir sind wirklich ehrlich bestürzt.

Falls Sie irgendwie helfen wollen, wäre es schön, wenn Sie Michael Jackson als das in Erinnerung behalten würden, was er wirklich war: eine musikalische Legende.

Ich werde jetzt doch mal eben heulen gehen.

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