Berliner Philharmoniker Streicherschmelz und harte Gitarren

Vielen Klassik-Traditionalisten hatte das Expo-Projekt der Berliner Philharmoniker und der Scorpions schon im Vorfeld den Magen umgedreht. Nun ist die CD mit dem offiziellen Titelsong der Weltausstellung im Kasten.


Berlin - So mancher Musiker wird am Freitag erleichtert aufgeatmet haben, als die traditionsreichen Philharmoniker nach sechs Sitzungen im Berliner Studio des früheren DDR-Rundfunks die Aufnahmen für ihr CD-Projekt mit den Altrockern abschlossen. Das Produkt der umstrittenen Zusammenarbeit, das Album "Moment of Glory", soll am 19. Juni veröffentlicht werden. Nun laufen die Vorbereitungen für das erste und einzige gemeinsame Konzert bei der Weltausstellung Expo in Hannover.

"Schrecklicher Geschmack": Die Scorpions posieren vor den Berliner Philharmonikern
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"Schrecklicher Geschmack": Die Scorpions posieren vor den Berliner Philharmonikern

"Natürlich gibt es im Orchester Gegner einer solchen Zusammenarbeit", sagte Philharmoniker-Geschäftsführer Peter Brem anlässlich der abschließenden Einspielung. "Aber Auseinandersetzungen kann es auch über eine Bruckner-Aufnahme geben." Insgesamt sei die Kooperation von "extrem positiver Atmosphäre und Arbeitsdisziplin" seitens der 84 klassischen Musiker geprägt gewesen.

Soviel Harmonie verwundert, schließlich löste das Klassik-Rock-Projekt vor wenigen Monaten noch heftige Streitereien im Klangkörper aus. So hatte sich Orchesterintendant Elmar Weingarten im Sommer vehement gegen den Crossover-Auftritt der 1882 gegründeten Philharmoniker zur Wehr gesetzt. Doch im September musste der 57-Jährige auf Weisung des Berliner Kultursenats bei der Umsetzung der Expo-Pläne einlenken. Weingarten gab daraufhin bekannt, er werde seinen 2001 auslaufenden Vertrag wegen Differenzen mit dem Orchester nicht verlängern.

Auch Chefdirigent Claudio Abbado äußerte sich abfällig über die Orchester-Rock-Melange. "Man sollte alle Dinge mit gutem Geschmack machen. Aber ich finde, die Scorpions machen Dinge mit schrecklichem Geschmack", sagte er zum geplanten Expo-Konzert. Folgerichtig stand Abbado bei den CD-Aufnahmen nicht am Pult, sondern überließ dem Österreicher Christian Kolonovits die Leitung. Die Scorpions waren damit offenbar zufrieden: "Mit ihm haben wir einen Arrangeur gefunden, der in beiden Welten zu Hause ist", schwärmte Sänger Klaus Meine.

Im Gegensatz zu Weingarten und Abbado hatten andere Klassik-Größen mit dem Konzert keine grundsätzlichen Probleme. "Die Rockmusik mit ihrer rhythmischen Kraft und ihrer musikalischen Energie kann äußerst belebend wirken", meinte etwa der französische Dirigent und Komponist Pierre Boulez. Auch der designierte Chefdirigent der Berliner Philharmoniker und Abbado-Nachfolger ab 2002, Simon Rattle, zeigte sich offen für Experimente in Richtung Pop und Jazz. Allerdings mit Einschränkungen: Das renommierte Orchester werde, so Rattle, "natürlich nie eine Background-Gruppe" für die Rocker werden.

Diesen Eindruck will auch der Gitarrist der Hannoveraner Rockgruppe vermeiden: "Hier haben zwei gleichwertig in Szene gesetzte Klangkörper miteinander musiziert", sagte Rudolf Schenker nach den CD-Aufnahmen. Nachdem Terminprobleme überwunden und erste Einspielungen mangels Qualität "auf den Müll gewandert" waren, habe man nun das richtige Verhältnis zueinander gefunden. Von Berührungsängsten will Schenker nichts bemerkt haben: "Das Orchester ist wahnsinnig motiviert an die Sache heran gegangen", sagte er, "ich denke, beiden Seiten hat es Spaß gemacht."



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