Songwriterin Diane Warren entschuldigt sich Warum 24 Menschen daran beteiligt sind, ein Beyoncé-Lied zu schreiben

Sie schrieb Welthits für Céline Dion oder Aerosmith – allein am Keyboard. Also wunderte sich Diane Warren darüber, dass bei Beyoncés Album so viele Mitarbeitende aufgelistet sind. Es brachte ihr wütende Kommentare ein.
Sängerin Beyoncé: 24 Songwriter für »Alien Superstar«?

Sängerin Beyoncé: 24 Songwriter für »Alien Superstar«?

Foto: Eduardo Munoz / REUTERS

Wenn man die Frage so stellt, klingt sie ein bisschen nach dem Anfang eines Ostfriesenwitzes: Warum braucht Beyoncé 24 Leute, um ein Lied zu schreiben? Doch die Antwort ist zu komplex für eine einzelne Pointe – und ist emotional durchaus aufgeladen, wie die US-Songwriterin Diane Warren an der Reaktion auf einen Tweet bemerken musste.

Songwriterin Warren: »Bloß neugierig«

Songwriterin Warren: »Bloß neugierig«

Foto: Daniele Venturelli / Getty Images

Diane Warren ist unbestritten eine Größe in ihrem Fach. Sie hat neun Songs geschrieben, die es auf Platz eins der US-Singlecharts schafften – darunter Evergreens wie »I Don't Want to Miss a Thing« von Aerosmith, »Un-Break My Heart« von Toni Braxton oder »Nothing's Gonna Stop us Now« von Starship. Bisher schien die Balladenspezialistin sich vor allem darüber zu ärgern, dass sie trotz 13 Nominierungen kein einziges Mal den Oscar für den besten Filmsong bekommen hat. (2022 gab es zum Trost einen Ehren-Oscar.)

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Doch am Montag twitterte Warren: »How can there be 24 writers on a song?« – Wie kann es 24 Leute geben, die an einem Song schreiben? – und versah den Tweet mit einem Augenroll-Emoji. Ein paar Tage zuvor hatte Beyoncé ihr neues Album »Renaissance«  veröffentlicht, das die Diskussionen in der US-Musikszene seither bestimmt. Bei allen Songs sind im Kleingedruckten mehrere Komponistinnen und Autoren genannt; für den Titel »Alien Superstar« stehen tatsächlich 24 Namen in den Albumcredits.

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Nach einer Viertelstunde fügte Diane Warren noch eilig die Bemerkung hinzu, ihr Tweet sei nicht als Kritik gemeint, sie sei bloß neugierig. Doch es war zu spät, zahlreiche Beyoncé-Fans antworteten schon zu deren Unterstützung, unter anderem mit persönlichen Angriffen gegen die 65-jährige Songwriterin, spitzen Bemerkungen zu den Oscar-Enttäuschungen und Vorwürfen, Warren habe selbst Textzeilen geklaut.

Warren räumte nach mehreren Hinweisen ein, dass einige der Namen genannt würden, weil sie für einen in Beyoncés Song gesampleten Titel verantwortlich sind. Dies betrifft drei ganz konkrete Aufnahmen: den House-Song »Unique« vom Projekt Danube Dance des österreichischen Produzenten Peter Rauhofer mit der Sängerin Kim Cooper, eine Sprechstelle aus dem Deep-House-Klassiker »Moonraker« von Foremost Poets, und einen Ausschnitt aus einem Interview mit der Gründerin des National Black Theatre in Harlem, Barbara Ann Teer.

»Zusammenarbeit ist eine Fähigkeit, die viele nicht meistern«

Auf die Frage eines Twitter-Nutzers, warum jemand wie sie, die seit rund 40 Jahren im Musikgeschäft sei, nicht wisse, wie die Sachen mit den Samples funktioniere, antwortete Diane Warren: »Weil ich keine benutze«. Zudem hat Warren die meisten ihrer Songs allein komponiert – nur bei wenigen Titeln hat sie mit anderen Songwritern wie Albert Hammond oder Desmond Child zusammengearbeitet. »Wenn ich mit anderen schreibe, ist es eine andere Sache«, sagte sie einmal in einem Interview, »man muss Kompromisse eingehen, womit ich Probleme habe«. Warren lässt nach eigener Aussage praktisch nie jemanden in ihren Arbeitsraum in Hollywood; auf Reisen habe sie stets ein Keyboard dabei.

Dass ein Songwritingprozess auch ganz anders vonstattengehen könne, fernab von jeglichem Einzelgeniekult, erklärte unter anderem die Aktivistin und Autorin Raquel Willis in den Antworten auf Warrens Tweet. Samples, Zitate, Bezüge und Einflüsse seien in allen künstlerischen Aspekten bedeutsam. »Zusammenarbeit ist eine Fähigkeit, die viele nicht meistern«, schrieb Willis weiter und wies darauf hin, dass es »eine weiße, kapitalistische, patriarchale Vorstellung« sei, dass Brillianz nur in Isolation entstehen könne.

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Etwas musikhistorischen Kontext fügte Terius Nash hinzu, der unter dem Künstlernamen The-Dream seit Jahren einer der wichtigsten Musikproduktionspartner von Beyoncé ist – und auch bei »Alien Superstar« als Co-Produzent aufgeführt ist. The-Dream weist darauf hin, dass in der (schwarzen) Hip-Hop-Kultur Sampling ursprünglich entwickelt worden sei, weil man sich bestimmte Dinge (Studiomusiker oder -zeit zum Beispiel) nicht habe leisten können. Daraus habe sich eine Kunstform entwickelt. Warren bedankte sich für die Aufklärung, sie habe davon nichts gewusst.

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Die Rolle der Clubkultur und der Dancemusik für die afroamerikanischen Gemeinschaften ist eines der Themen, die sich durch Beyoncés Album »Renaissance« hindurchziehen. Doch die Vielzahl der Nennungen in den Credits hat wohl auch mit einer gewissen Vorsicht zu tun, die im Musikgeschäft nach Urheberrechtsurteilen wie dem gegen Pharrell Williams und Robin Thicke vorherrscht. Da gibt man vorsichtshalber von Vornherein einen kleinen Anteil der Einnahmen ab. So werden die Musiker von Right Said Fred als Miturheber von »Alien Superstar« genannt, weil Beyoncé das »I'm too sexy for my shirt« aus dem Partyhit der Briten in ihrem Song in »I'm too classy for this world« umdichtet.

Wie der Prozess zur Entstehung eines Beyoncé-Songs nun ganz genau abläuft, ist natürlich nicht zu rekonstruieren. Doch an der Auswahl der Kollaborationspartnerinnen und -partner lässt sich womöglich ablesen, nach welchen Sounds, nach welchen Stilen die Künstlerin suchte. Unter den 24 Beteiligten von »Alien Superstar« finden sich britische Elektronikmusiker wie Luke Solomon oder Labrinth ebenso wie die Alternative-Rapperin 070 Shake oder der Soulsänger Leven Kali. Eine wichtige Rolle spielte offenbar Honey Dijon, eine schwarze Transfrau aus Chicago, die in New York und Berlin als House-DJ reüssiert.

»Sorry für die Missverständnisse«

Dass aus einer solchen Zusammenarbeit, aus dem Zugriff auf Einflüsse und externe Inspiration trotzdem eine singuläre kreative Leistung entsteht, das hat Anfang des Jahres auch Taylor Swift betont, die sich gegen eine Interviewaussage von Blur-Sänger Damon Albarn wehrte, wonach sie ihre Songs nicht selbst schreibe. So wie sich seinerzeit Albarn entschuldigte, so bedauerte schließlich auch Diane Warren »die Missverständnisse« um ihre Aussage. In einem separaten Tweet sagte Warren, sie habe nicht respektlos gegenüber Beyoncé sein wollen, die sie bewundere und mit der sie gearbeitet habe.

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Dass auch in einem kollaborativen Arbeitsprozess letztlich alles auf die Künstlerin zurückfällt, deren Namen vorne und groß auf dem Album steht, bekam Beyoncé ebenfalls am Montag zu spüren: Aktivisten für die Rechte von Menschen mit Behinderungen prangerten die Verwendung eines Wortes mit diskriminierendem Beiklang im Text eines anderen »Renaissance«-Songs an.

Beyoncé reagierte – wie zuvor in einem ähnlichen Fall auch ihre Kollegin Lizzo  – und entschloss sich dazu, die entsprechende Textstelle zu ändern. Wer von den zehn Leuten (unter ihnen auch Drake), die in den Credits von »Heated« genannt sind, für die anstößige Wortwahl verantwortlich war, ist für Außenstehende natürlich nicht zu erkennen.

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