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Bigband-Jazz im 21. Jahrhundert: In den Schäfchenwolkenhimmel

Foto: José Madani

Bigband-Jazz Klotzen statt Klimpern

"There is no money in Jazz", heißt es in der Musikbranche. Schon gar nicht, wenn man mit großen Besetzungen arbeitet. Dennoch erscheinen immer wieder Aufnahmen von Orchestern. Ein Blick auf fünf Neuproduktionen.

Ob zu Hause in Amerika oder bei monatelangen Europa-Aufenthalten: Fast immer trat der begnadete Trompeter Chet Baker nur mit einer kleinen Begleitcombo auf. Bigband-Konzerte und -Produktionen waren zu teuer - nicht nur für ihn, sondern für viele berühmte Jazz-Musiker. Zusätzlich machte Bakers Rauschgiftsucht die Zusammenarbeit mit ihm äußerst schwer. 1988 starb er in Amsterdam bei einem rätselhaften Fenstersturz. Wie James Dean in der Filmgeschichte, lebt Chet Baker als tragische Legende des Jazz weiter.

Bakers europäischer Stammbassist war der aus Italien stammende Franzose Riccardo del Fra. Der heute 58-Jährige leitet die Jazzabteilung am Pariser Nationalkonservatorium. "Chet hat mich durch sein intuitives Musikgefühl tief geprägt", sagt del Fra. Mit einem Album wollte del Fra deshalb an seinen Helden erinnern. Er arrangierte Baker-Erfolgsnummern wie "Love For Sale" und "But Not For Me" und eigene Kompositionen für sein "My Chet My Song"-Projekt. Doch dafür wollte del Fra mehr als eine Combo-Besetzung. Deshalb engagierte er zu seinem Quintett das 55-köpfige Filmorchester Babelsberg. Mit der aufwendigen Aktion wird der Musiker kein Geld machen. Doch die Hommage "an meinen Freund Chet Baker" ist del Fra ein Herzensanliegen - und ein Hörgenuß für Fans, die sanfte Klänge mögen.

Chris Walden aus Los Angeles verdient seinen Lebensunterhalt "hauptsächlich mit Arrangements für Künstler, die mit Jazz gar nichts oder nur wenig zu tun haben". Darunter sind Weltstars wie Barbra Streisand, Neil Young und Stevie Wonder. Walden, 49, wurde in Hamburg geboren und spielte einst Trompete in Peter Herbolzheimers Bundes-Jugendjazzorchester. In Amerika reüssierte er als Arrangeur und Filmkomponist. Das ermöglicht dem Jazz-Fan, alle paar Jahre "als kreatives Ventil" eine Bigband zusammenzustellen und ein Album mit Standards und eigenen Stücken einzuspielen. Seine neueste Bigband-Platte, mit dem Trompeter Arturo Sandoval als Solisten, nannte Walden "Full-On" - volle Pulle.

Bigbands spielten die Tanzmusik ihrer Zeit

Großen Erfolg hatten Bigbands mit solchen Sounds in der Swing-Ära, denn sie spielten damals die Tanzmusik der Zeit. Nicht massentauglich, dafür aber höchst innovativ waren Ende der Sechzigerjahre Aufnahmen des Trompeters und Komponisten Michael Mantler. Der aus Wien stammende Avantgardist bildete mit dem Pianisten Cecil Taylor, dem Trompeter Don Cherry und anderen in New York "The Jazz Composer's Orchestra". Ein bahnbrechendes Album von damals hat der inzwischen 71-Jährige jetzt neu eingespielt - live im Wiener Jazzclub "Porgy & Bess". Mantler erweiterte für das Update die Besetzung der Band unter anderem durch die Streicher des Wiener Radio-String-Quartets. Verblüffend, wie frisch das inzwischen 55 Jahre alte Werk klingt!

Mantlers Großformation hat sich längst wieder aufgelöst. Permanent bestehende Profi-Bigbands sind heute weltweit eine Seltenheit. In Deutschland gibt es vier - dank des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. WDR, NDR, HR und SWR halten sich Orchester in der klassischen Besetzung mit Trompeten-, Posaunen- und Saxofon-Satz, dazu eine Rhythmusgruppe, die aus Gitarre, Piano, Bass und Schlagzeug besteht. Während gelegentlich gegen die teuren Traditionskapellen gemotzt wird, sind die perfekt eingespielten deutschen Bigbands höchst beliebt bei US-Stars. John Scofield, Bobby McFerrin und Maceo Parker kommen gerne zu Gastspielen mit den Orchestern, die neben ihrer Rundfunkarbeit auch regelmäßig CDs auf den Markt bringen.

So hat die Frankfurter hr-Bigband unter ihrem Lead-Trompeter Axel Schlosser gerade eine Platte mit dem Titel "Into the Mackerel Sky" ("Ab in den Schäfchenwolkenhimmel") produziert. Und die WDR-Bigband nahm zusammen mit dem WDR-Funkhausorchester Köln "Europhonia" auf, ein Potpourri aus Melodien über Paris, Stockholm und die schöne, blaue Donau. Konzerte der beiden Großbesetzungen waren ein voller Erfolg - wie die meisten Live-Auftritte der vier deutschen Profi-Bigbands. Offenbar mögen viele Menschen gerade im Zeitalter elektronisch geprägter Pop-Sounds die akustische Klangkraft solcher Orchester.


CD-Angaben:
Riccardo del Fra: My Chet My Song. Cristal Records; 15,99 Euro.
Chris Walden Big Band: Full-On. Edel Contend; 17,99 Euro.
Michael Mantler: The Jazz Composer's Orchestra Update. ECM; 17,99 Euro.
Axel Schlosser & hr-Bigband: Into The Mackerel Sky. Double Moon; 16,99 Euro. Erscheint am 30.1.
WDR Big Band & WDR Funkhausorchester Köln: Europhonia. CMO; 21,99 Euro.

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