Bildband über "Joy Division" Das Nichts fixieren

Der traurigste Sänger der Welt: Joy Division und ihr Star Ian Curtis sind einer der großen New-Wave-Mythen. Ein kongenialer Bildband zeigt nun die besondere Aura der englischen Band - selbstverständlich in Schwarz-Weiß.

Kevin Cummins

Joy Division. Was für ein Name für ausgerechnet diese Band. In den Morgenstunden vor dem Flug zur ersten USA-Tour nahm sich Ian Curtis, der Sänger der Band, das Leben. Das war am 18. Mai 1980, und Curtis war 23 Jahre alt.

Heute ist es kaum noch vorstellbar, dass Joy Division in ihrer kurzen Karriere nur sehr begrenzt für Furore sorgten. Zu Lebzeiten von Ian Curtis veröffentlichten sie nur ein Album ("Unknown Pleasures"), das zwar wohlwollend wahrgenommen wurde, aber sonst keine großen Wellen schlug. 1980 schien ein gutes Jahr für die Band zu werden; ein zweites Album ("Closer") war eingespielt, die US-Tournee sollte den internationalen Durchbruch bringen. Doch mit dem Tod des von Depressionen, Krankheit und Liebesleid gequälten Curtis war es mit der Band vorbei. Den überregionalen Zeitungen in Großbritannien schien der Suizid kaum eine Zeile wert. Selbst in den "Manchester Evening News", dem großen Lokalblatt seiner Heimatstadt, waren nur zwei knappe Absätze zu finden.

Grübelnd im Übungsraum

Heute jedoch ist der schwermütige Sänger zum Mythos geworden, der in keiner Relation steht zum damaligen Erfolg der Band. Curtis fand seinen Platz in der Galerie zu früh abgetretener Rock-Ikonen irgendwo zwischen Jim Morrison, Jimi Hendrix und Brian Jones. Der Weg zu seinem Grab ist im Internet anklickbar. Passend dazu entstand eine Art Ian-Curtis/Joy-Division-Industrie, die Unmengen von Büchern, Platten, T-Shirts und sogar zwei Kinofilme ("Control", "24 Hour Party People") hervorbrachte.

Gut dreißig Jahre nach Curtis' Tod veröffentlicht der Fotograf Kevin Cummins einen Bildband mit dem schlichten Titel "Joy Division", der nun auch in Deutschland erschienen ist. Wohl keinem ist es vor Cummins gelungen, das Gefühl einer authentischen Annäherung an den immer noch mythenvernebelten Ian Curtis zu erzeugen, eine Idee davon zu vermitteln, wie er vielleicht gewesen sein könnte.

Kevin Cummins ist wie Curtis ein Sohn der grauen nordenglischen Industrie-Metropole Manchester. Er begann wie Joy Division seine Karriere Ende der siebziger Jahre, und es waren seine Bilder, die die besondere Aura der Band illustrierten. Deren Weltschmerz und kalte Verzweiflung fing er in statischen, ausschließlich schwarz-weißen Aufnahmen kongenial ein.

Schon aus materiellen Zwängen musste Cummins jedes Motiv genau abwägen. Er war meist pleite, Filme waren eigentlich zu teuer für ihn. Auf den Auslöser drückte er nur, wenn er sich seiner Sache sicher war. Weil er sich mit Ian Curtis und den anderen Jungs bestens verstand, wurde er so etwas wie ihr Hausfotograf.

Das Buch beginnt mit Ablichtungen von Seiten aus Curtis' Notizbüchern, von Instrumenten und Konzertplakaten. Aber vor allem seine schwarz-weißen Bandporträts strahlen eine fast meditative Ruhe aus. Mal stehen die vier jungen Melancholiker grau dreinblickend auf einer Autobahnbrücke im Schnee, mal hocken sie grübelnd im Übungsraum. Besonders die Konzertaufnahmen, auf denen Ian Curtis teils mit weit aufgerissenen Augen das Nichts fixierend über die Bühne zuckt, berühren und vermitteln eine Idee davon, welche Dämonen in ihm getobt haben mögen.

Ergänzt wird das spektakuläre Bilderbuch durch einen Essay des US-Schriftstellers Jay McInerney, eine Einleitung des Fotografen und ein Gespräch von Cummins mit Joy-Division/New-Order-Mann Bernhard Sumner.

"Ich wollte keine typischen Rock'n'Roll-Bilder!", sagt Cummins da. Das ist ihm gelungen.

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insgesamt 25 Beiträge
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Seite 1
README.TXT 20.05.2011
1. Lieblingsband von Leuten mit eingebildeter Depression
die in dunklen Kneipen rumhingen, einen auf individuell machten mit ihren schwarzen Klamotten und doch angepasste Spiesser waren, weil jeder Docs und Schwarz trug und die gleichen wenigen Schrammelbands hörte. ---Zitat--- ne Art Ian-Curtis/Joy-Division-Industrie, die Unmengen von Büchern, Platten, T-Shirts und sogar zwei Kinofilme ("Control", "24 Hour Party People") hervorbrachte. ---Zitatende--- Auch mit "der Szene" lässt sich Geld verdienen, nur haben das die Szenedeppen meistens nicht kapiert, während sie immer und überall kundtun mussten, wie sehr sie gegen den Mainstream und den Kommerz und alle so kleine Möchtegernindividualisten waren. Einer der das grandios ausgenutzt hatte ist der Frontman von The Cure, der hat mit dieser Masche die 'Individualisten' jahrzehntelang finanziell gemolken.
sonobox 20.05.2011
2. Szene?
Zitat von README.TXTdie in dunklen Kneipen rumhingen, einen auf individuell machten mit ihren schwarzen Klamotten und doch angepasste Spiesser waren, weil jeder Docs und Schwarz trug und die gleichen wenigen Schrammelbands hörte. Auch mit "der Szene" lässt sich Geld verdienen, nur haben das die Szenedeppen meistens nicht kapiert, während sie immer und überall kundtun mussten, wie sehr sie gegen den Mainstream und den Kommerz und alle so kleine Möchtegernindividualisten waren. Einer der das grandios ausgenutzt hatte ist der Frontman von The Cure, der hat mit dieser Masche die 'Individualisten' jahrzehntelang finanziell gemolken.
Es ist einfach nur gute Musik gewesen. Meines Erachtens darf man mit einem guten Produkt auch Geld verdienen, und ob ich das nun irgendeiner Szene zurechne, es als Independent oder wie auch immer bezeichne ändert an der Qualität des Produkts nichts. Oder um es mit den Worten von Dan Le Sac vs. Scroobius Pip sagen "Thou shalt not stop liking a band just because they have become popular"
der_humanist 20.05.2011
3. Muß man immer mit einem Superlativ anfangen?
Zitat von sysopDer traurigste Sänger der Welt: Joy Division und ihr*Star Ian Curtis sind einer der großen New-Wave-Mythen.*Ein kongenialer Bildband zeigt nun die besondere Aura der englischen Band - selbstverständlich in Schwarz-Weiß. http://www.spiegel.de/kultur/musik/0,1518,763644,00.html
Außerdem ist das durch nichts zu belegen. Curtis war zwar depressiv, aber lag keineswegs permanent in der Ecke. Das schreibt zumindest seine Exfrau. Sehr gut zu sehen im angesprochenen Film "Control" des Fotografen Anton Corbijn - der die Band sehr gut kannte. "24 Hour Party People" handelt von der Musikszene aus Manchester, weniger von Joy Divison und schon gar nicht von Curtis. Übrigens kommt der Artikel einen Tag zu spät - Curtis Todestag war GESTERN.
Trendgenerator 20.05.2011
4. Geld verdienen
Zitat von sonoboxEs ist einfach nur gute Musik gewesen. Meines Erachtens darf man mit einem guten Produkt auch Geld verdienen, und ob ich das nun irgendeiner Szene zurechne, es als Independent oder wie auch immer bezeichne ändert an der Qualität des Produkts nichts. Oder um es mit den Worten von Dan Le Sac vs. Scroobius Pip sagen "Thou shalt not stop liking a band just because they have become popular"
Man darf (und sollte) mit jedem Blödsinn Geld verdienen, wenn die Leute kaufen, + wenn es nicht verboten ist!
sample-d 20.05.2011
5.
Zitat von README.TXTdie in dunklen Kneipen rumhingen, einen auf individuell machten mit ihren schwarzen Klamotten und doch angepasste Spiesser waren, weil jeder Docs und Schwarz trug und die gleichen wenigen Schrammelbands hörte. Auch mit "der Szene" lässt sich Geld verdienen, nur haben das die Szenedeppen meistens nicht kapiert, während sie immer und überall kundtun mussten, wie sehr sie gegen den Mainstream und den Kommerz und alle so kleine Möchtegernindividualisten waren. Einer der das grandios ausgenutzt hatte ist der Frontman von The Cure, der hat mit dieser Masche die 'Individualisten' jahrzehntelang finanziell gemolken.
ist da jemand ein wenig verbittert, weil er in seiner besten Zeit êher Simply Red hörte, in Grossraumdiscos herumhing und die Mädels die schwarzen Jungs irgendwie interessanter fanden ^^ ?!? http://www.youtube.com/watch?v=7pYOZTiW3UY
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