Zum Tod von Bill Withers 19 Sekunden für die Ewigkeit

Seine Karriere währte nur knapp anderthalb Jahrzehnte, vor 35 Jahren kehrte er der Musik für immer den Rücken - und doch strahlen Bill Withers Songs bis heute, sogar in der Coronakrise.
Bill Withers im Jahr 1972

Bill Withers im Jahr 1972

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Georg Göbel/ dpa

Bill Withers' wohl größter Moment währte endlose 19 Sekunden. Es sind die 19 Sekunden, auf die er in seinem Hit "Lovely Day" (1977) das Wort "daaaaaay" dehnt. 19 Sekunden für die Ewigkeit.

Aufgewachsen ist Withers in einem Arbeiterkaff mit Bergwerk, Kohle, West Virginia. Heute leben in Slab Fork nur noch 202 Menschen. Damals waren es wesentlich mehr, Weiße wie Schwarze. Rassentrennung gab es, wenn auch nicht so heftig wie andernorts im Süden.

"Wenn sie aus dem Bergwerk kommen", sagte Withers später, "sind alle Menschen schwarz". Manche Straßenseiten seien für ihn "verboten" gewesen, aber die Musik von der anderen Seite hörte er trotzdem gerne. Folk und Country saugte er ebenso auf wie Blues und Soul.

Mit 17 Jahren verpflichtete er sich bei der Navy, wo er Mechaniker lernte – und erstmals richtig mit Rassismus konfrontiert wurde: "Manchen Leuten war ich nicht gut genug, das Öl aus einem Flugzeugmotor abzulassen".

"Einen Scheißdreck weiß ich"

Bill Withers über sein musikalisches Talent

Nach neun Jahren im Dienst ging er nach Los Angeles, mit nur 250 Dollar in der Tasche. Seinem gelernten Beruf blieb er treu. Für einen Zulieferer stattete er die Bordtoiletten von Passagiermaschinen aus, zuletzt bei der Boeing 747. Später, als er erfolgreich war, schenkte ihm die Firma eine goldene Klobrille.

Von einer großen Karriere war zunächst nicht zu träumen. "Einen Scheißdreck weiß ich", sagte Withers über seine musikalischen Fähigkeiten: "Aber es reicht, meine Poesie in Songs zu packen". Tatsächlich war er mehr Geschichtenerzähler als Virtuose – der trat erst mit dem Produzenten Booker T. Jones in sein Leben.

Jones, soeben vom legendären Stax-Label zu Sussex Records gewechselt, produzierte das 1971 erschienene Debüt "Just As I Am". Withers hatte alle Songs selbst geschrieben, das Cover zeigte ihn in seinem Job als Mechaniker, die Brotdose noch in der Hand. Seinen Job gab er auch dann noch nicht auf, als die erste Single veröffentlicht wurde. Er hielt die Musikindustrie für zu "launisch", damals schon.

Und sollte recht behalten. "Harlem" verkaufte sich passabel. Es war allerdings der Song auf der B-Seite, den DJs bald noch häufiger spielten – und der zum größten Hit von Bill Withers, zu einem absoluten Klassiker nicht nur der Siebzigerjahre werden sollte: "Ain't No Sunshine", eine schlichte Klage über die Abwesenheit der Liebsten.

Der Song ist mehr schlenkernder Folk als R’n’B, und der Erzähler grübelt darin über die Aussichtslosigkeit seiner Gefühle in a-Moll. Er weiß es besser, beschwörende 26 Mal (!) in Folge wiederholt er die Wendung "I know", weil er es weiß. Aber da ist kein Sonnenschein mehr, wenn sie weg ist. So einfach und so wahr, dass "Ain’t No Sunshine" unzählige Male gecovert wurde (u.a. von Michael Jackson oder Ed Sheeran) und bis heute auf Beerdigungen gespielt wird.

Es folgte auf späteren Alben eine ganze Perlenkette an Songs mit ähnlichen Qualitäten, verwendet in einer endlosen Liste von Filmen oder als unverkennbare Samples im Hip-Hop. Nicht nur schöne, sondern bedeutsame Lieder waren das, über Liebe ("Just The Two Of Us"), Eifersucht ("Who Is He (And What Is He For You") oder Freundschaft: "Lean On Me" ist, wie man hört, bei der derzeitigen Corona-Epidemie in den USA so etwas wie eine inoffizielle Hymne der Pflegekräfte.

Diese Songs waren es, die Bill Withers schnell zu einem Superstar machten. Als im Rahmenprogramm des Kampfes zwischen Muhammad Ali und George Foreman 1974 für drei Tage das bis dahin größte Musikfestival des Kontinents über die Bühne in Kinshasa ging, war neben afrikanischen Größen, B.B. King oder James Brown auch Bill Withers mit dabei. Dass das Album zu "Zaïre 74" wegen Rechtsstreitigkeiten damals nicht erscheinen konnte, wird Withers' Skepsis gegenüber der Industrie nur vertieft haben.

Paul McCartney würdigte neben seinem Songwriting auch die poetischen Qualitäten von Bill Withers, der Produzent Questlove nannte ihn "für Schwarze das, was einem Bruce Springsteen am nächsten kommt", den letzten "afroamerikanischen Jedermann". Er selbst erklärte sich diesen Status damit, dass ihn der Erfolg erst verhältnismäßig spät ereilt hatte, mit 32 Jahren: "Ich bin als normaler Typ aufgewachsen", und dieser normale Typ sei er auch geblieben.

Möglich, dass er sein Pulver früh verschossen hatte. Schon "‘Bout Love" von 1978 erntete nur mittelmäßige Kritiken. Der Nachfolger erschien nach endlosem Gezänk mit seiner neuen Plattenfirma erst sieben Jahre später – und erstickte unter einer Glasur aus Synthetik der Achtzigerjahre. Größe zeigte Withers damit, dass er es dabei beließ. Und fortan schwieg.

Legenden und Freunde: Stevie Wonder begrüßt Bill Withers 2015 in der "Rock and Roll Hall Of Fame"

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Foto: Aaron Josefczyk/ REUTERS

Er zog sich zurück in die Hügel über Los Angeles, traf sich mit Freunden wie Stevie Wonder, genehmigte hier ein Sample, da eine Verwendung in Filmen – und konnte in den folgenden Jahrzehnten seinem Erbe dabei zuschauen, wie es ins Unermessliche wuchs. Als er 2015 für sein Lebenswerk mit pompöser Zeremonie in die "Rock and Roll Hall Of Fame" aufgenommen wurde, soll er zu seiner Tochter gesagt haben: "Es geht offenbar ans Sterben".

Er sei "kein Virtuose", erklärte er damals dem US-"Rolling Stone", aber er habe es immerhin geschafft, "Songs zu schreiben, mit denen die Menschen sich identifizieren konnten". Er selbst war zu diesem Zeitpunkt schon so zufrieden in der Versenkung verschwunden, dass er auf der Straße nicht erkannt wurde. Nicht einmal von Paparazzi.

Die Bescheidenheit mit Hang zur Untertreibung behielt er bis ins hohe Alter bei – wie auch seinen Schaffensdrang. Zwar arbeitete er unermüdlich in seinem Heimstudio an neuer Musik, spürte aber keinen Drang zur Veröffentlichung: "Die Leute wollen vermutlich keine Lieder über Darmspiegelungen hören."

Angesprochen auf seine Erfahrungen als Schwarzer in den USA zitierte er gern Joni Mitchell: "Ich habe die Wolken von beiden Seiten gesehen". Möglich, dass er sich deshalb in den Wolken am wohlsten fühlte.

Am Montag ist Bill Withers im Alter von 81 Jahren in Los Angeles an den Folgen einer Herzkrankheit gestorben.