Popstar der Stunde Um Billie Eilish kommen wir nicht mehr herum

Dass die Sängerin Billie Eilish gerade die Lieblingskünstlerin so ziemlich aller Teenager ist, ist kein Zufall. Sie hat alles, was diese Zeit ausmacht. Sie wird bleiben. Und sie wird groß werden.

Kenneth Cappello/ Universal Music

Billie Eilish ist das Jetzt, und es besteht aus Teilen der Vergangenheit. Vom Hip-Hop hat sie die genervt-gelangweilte Attitüde eines Rappers, trägt Mütze zum weiten Tupac-Shirt und Basketballhosen. Vom Grunge hat sie die blauen Haare, wie die von Kurt Cobain einst. Pop macht sie, mit turbinenartig dröhnenden Synthies. Aber Genres hasst sie.

"Das Genre ist zwar noch nicht tot, aber es soll sterben", sagt sie. Genres begrenzen. Grenzen verschwimmen. Alles soll jetzt nur mood sein. Eine Laune. Eilish zieht ein Gesicht, das so aggressiv desinteressiert aussieht, dass man vergisst: Ihre Mutter, die Singer-Songwriterin Maggie Baird, sitzt nur ein paar Meter weiter.

Sie muss da sitzen. Denn Billie ist erst 17. Billie Eilish ist ein Familienunternehmen. Ihr Vater ist mit auf Tour. Ihre Mutter dreht ihre Videos für Instagram, 15 Millionen Follower. Ihr Bruder Finneas O'Connell komponiert gemeinsam mit ihr die Musik, spielt Gitarre und Drumcomputer auf der Bühne. Beim Konzert, einen Abend zuvor in Berlin, haben Hunderte jeden ihrer Schritte gefilmt, wie sie singt, Ukulele spielt, Wasser trinkt. Sie stellt ihren Körper nicht aus, sie bewegt sich nicht unterwürfig, nicht aufreizend. Sie tanzt stark. Springt breitbeinig. Singt ihre Single "Bury A Friend", die klingt wie eine softe Version von Kanye Wests "Black Skinhead".

Der Beat ist identisch. Wo Kanye schreit, schreit bei ihr ein Synthesizer. Sie hauchsingt ihren depressiven Text, ihre Stimme hat ASMR-Qualität, ein Flüsterton, der einem - egal, was er sagt - unter die Haut geht. "I wanna end me", droht sie in das Publikum. Und Hunderte, absurd junge Menschen singen es ihr zurück, so fest, so dringlich: "I wanna end me."

Fotostrecke

7  Bilder
Billie Eilish: Baby Kanye

Angefangen hat sie mit "Ocean Eyes". Ihr Tanzlehrer brachte sie auf die Idee zu singen. Ihr Bruder hatte "Ocean Eyes" für seine Band geschrieben, sie nahmen es zusammen auf, luden den Song auf Soundcloud hoch, damit der Tanzlehrer ihn hören konnte. Der Song wurde schnell beliebt - so beliebt, dass sich bald ihr Manager bei ihr melden sollte. Damals war sie 13.

Eineinhalb Jahre später hat sie einen Plattenvertrag mit Universal, heute lässt sie sich nichts vorschreiben. Weil das Label dich mehr braucht, als du das Label? "So ist es." Sie erreicht Millionen über das Internet. Ein Interview, Text - das braucht sie eigentlich auch nicht. "Ich lese keine Interviews. Wenn ich die Möglichkeit habe, ein Video zu schauen, schau ich das Video. Ich lese auch keine Bücher. Ich hasse Lesen."

Sie hat noch nie eine CD gekauft. "Niemand in meiner Generation kauft CDs." Warum nimmt sie ein Album auf? Platten, sagt sie, kaufe ihre Generation schon. Manchmal. Nicht um sie auf einem Plattenspieler abzuspielen, sondern um sie zu besitzen. "Es ist schön, dieses große Ding von deinem Lieblingsalbum in deinem Zimmer zu haben."

Ihr Konzept: Angst

Sie ist in Los Angeles aufgewachsen. Songs sind für sie Filme. In "Wish You Were Gay" gibt es Lachen aus der Konserve wie bei einer Sitcom. In "Listen Before I Go" singt sie zum Piano über Sirenen, Regen und Gewitter. Sie liebt Vocoder. Dröhnen. Wechsel von hart zu zart.

Ihr Song mit den meisten Streams, "When The Party's Over", erinnert an Imogen Heaps "Hide and Seek". Sie sagt: "Wenn man zehn Menschen in einem Raum hat, wird jedem mindestens ein Song von dem Album gefallen." Ist das ihr Anspruch? Sie will sich einfach nicht wiederholen. Ihre Texte? Rollenprosa. Sie mag Konzeptalben. Ihr Konzept ist alt und aktuell. Es ist: Angst.

Auf ihrer Bühne steht eine überdimensionale Spinne. In dem Video zu "You Should See Me In A Crown" lässt sie sich von Spinnen bekrabbeln, steckt sich eine Spinne in den Mund. "Menschen haben Angst, etwas ins Auge zu bekommen. Aus meinen Augen fließt schwarze Farbe", sagt sie über ihr Video zu "When The Party's Over". "Menschen hassen es, wenn ihre Gesichter angefasst werden, wenn sie Spritzen bekommen." All das passiert in ihrem Video zu "To Bury A Friend".

"Ruhm ist toll - zur Hälfte"

"Ich möchte aber nicht die 'creepy Billie' sein", sagt sie. "Im Moment verwandele ich Ängste in Kunst. Was auch immer danach kommt, wird anders sein." Sie designt gerade eine eigene Modelinie. Sie will ein Auto designen. Sie will wie Tyler, the Creator sein. Ein eigenes Festival. All das. "Ich stehe gerade im Spotlight", sagt sie. "Warum sollte ich es verschwenden?"

Billie leidet an Nachtangst, Schlafparalyse und wiederkehrenden Albträumen. "When We Fall Asleep, Where Do We Go?" heißt ihr Album deswegen. "Warum wird man verrückt, wenn man nicht schläft?" Das fragt sie sich.

Die unangenehmste Frage zum Schluss: Hat sie Angst, wie andere, die schon als Teenager berühmt wurden, eines Tages verrückt zu werden? Sie überlegt. Sie sagt: "Sieh es mal so: Ich habe meine Teenagerjahre schon verloren. Ich kann also nicht sagen, dass ich sie eines Tages vermissen werde, denn ich hatte sie nie. All das hat begonnen, als ich 13 war. Ich kann nirgendwo hingehen, ohne von Leuten belagert zu werden. Es ist krass, das auszuhalten. Es ist scheiße, dass ich nicht in der Lage bin, normale Dinge zu tun. Aber ich wollte eigentlich auch nie normale Dinge tun. Ich wollte crazy Sachen machen und gesehen werden. Und nun mache ich crazy Sachen und werde gesehen. Also kann ich mich nicht beschweren. Ruhm ist toll - zur Hälfte."

Andere Generationen hatten bauchfreie Tops, Songs über das Verliebtsein und Tanzen wie zur Anbahnung von Geschlechtsverkehr. Diese Generation hat Billie. Das ist toll - nicht nur zur Hälfte.



insgesamt 22 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
caneslunarum 31.03.2019
1. Musik naja
schon ein paar mal ähnliches gehört, aber die Videos sind verstörend schön. Je nachdem wie viel davon auf die Künstlerin zurückgeht würde ich auch sagen, die kann groß werden und bleiben, aber der Markt den sie bespielt ist kleiner als der von Lady Gaga und deren Erfolg ist mir bis heute unerklärlich!
peter-k 31.03.2019
2. Richtig ist:
Sie singt "I wanna end me", ein Vorhang erscheint, und das Publikum kajolt "aahhhhhhhhhhh". Die beste Szene aus ihrem Konzert, die, die alles erklärt. Das Publikum so hohl wie das was dort geschieht.
01099 31.03.2019
3.
Ich bin das beste Beispiel dafür, dass man sehr wohl um sie herum kommt, denn ich kann mich nicht jede Woche aufs Neue mit Leuten beschäftigen, die mir als "Zukunft" des Pop, Rock etc. vorgesetzt werden. Die Götter können sie bei aller Anstrengung nicht vom Thron stoßen.
brux 31.03.2019
4. Hinweis
Wenn Teenager auf etwas abfahren, ist das schon die Garantie eines ephemeren Erfolgs. Denn Teenager sind unreif und folgen ohne viel Nachdenken dem, was andere Teenager gut finden. Das wird durch das internet extrem beschleunigt, weil man nur klicken muss. Gangnam style hatte über eine Milliarde clicks und ich kann mich nicht einmal menr an den Namen des Interpreten erinnern. Mit solchen Beiträgen macht sich SPON nur lächerlich, zumal man die verzweifelte Suche nach neuer Leserschaft regelrecht riechen kann. Vergesst es: die derzeitige junge Generation ist auf schnelle Reizüberflutung ohne Tiefgang gepolt.
yippieh 31.03.2019
5. Die hats drauf
Verfolg sie nebenbei. Wie kann man sie kritisieren? Kreativ. Stimme. Und weiss Gen YT sehen und hören will. Oder eine unter Millionen mit Talent. Im Glück der Netzreichweite. Und dann erst die Videos. Versteh den "Hype" der Jungen. Bin viel älter und hör sie auch gern. Laut. Auch die leise Stimme. Allein...da ist schon soviel drin. Wie gehts weiter?
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.