Abgehört 2019 Das ist die beste Musik des Jahres

Eine 17-Jährige, die alles verändern wird, eine einsame deutsche Indie-Queen, britischer Punk-Rap, titanische Klimawandelgefühle und Solanges "Lemonade"-Flavor: Die besten Pop-Alben des Jahres, Teil 1.

Billie Eilish - "When We All Fall Asleep, Where Do We Go?"
(Darkroom/Interscope/Universal, erschienen im März)

Und dann war da plötzlich dieses Mädchen mit den blauen Haaren und dem gelben Jogginganzug, das durch den Videoclip zu ihrem Über-Hit "Bad Guy" so unverschämt affig tanzte, als hätte es nicht mehr alle Tassen im Schrank: Billie Eilish. Und genau um dieses Gefühl des allmählichen Durchschmorens, der Welt im Allgemeinen und der eigenen Psyche im Speziellen, geht es auf "When We All Fall Asleep, Where Do We Go", dem unbestritten besten und wichtigsten Pop-Album des Jahres 2019.

Als "Game Changer" wurde der Teenager, der dieser Tage seinen 18. Geburtstag feiert, bezeichnet, also als Phänomen, das die Musikindustrie über Jahre hinweg prägen könnte. Das liegt zum einen daran, dass Eilish ihr Debüt zusammen mit ihrem älteren Bruder Finneas in dessen Schlafzimmerstudio schrieb und produzierte. Es klingt so originär, schüchtern, verflüstert und intim, wie ein Insiderwitz zwischen Geschwistern, der jederzeit in prustendes Gelächter und anarchisches Herumtoben durchs ganze Haus explodieren kann. Wie immer man diese Genre-Sprengung nennt, DIY-Elektropop, Slackergoth oder Bedroom-Core, sie grenzt sich souverän vom leistungsorientierten und aufreizend extrovertierten Modell Britney ab, das die letzten zwei Jahrzehnte Mädchen-Pop dominierte - und setzt einen neuen, zeitgemäß komplexeren Standard.

Mit Prinzessinnen und Prom-Queen-Schwärmereien hat Eilishs aufgeklärter Sarkasmus nichts mehr zu tun. "I'm not your Baby, if you think I'm pretty" lautet ihre Absage an jede paternalistische Vereinnahmung und Cuteness-Zuschreibungen in "You Should See Me In A Crown". Das ist fast so umwerfend und entwaffnend wie ihr jetzt schon legendärer Millennials-Ausruf im Interview: "Mom, did I ever buy a CD?". Punk lebt, ihr Name ist Billie.

Lesen Sie hier unser im März veröffentlichtes Porträt von Billie Eilish.

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Interscope (Universal Music)

WHEN WE ALL FALL ASLEEP, WHERE DO WE GO?

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Slowthai - "Nothing Great About Britain"
(Universal, erschienen im Mai)

Apropos Punk: Wie viel von seiner Attitüde Tyron Kaymone Frampton alias Slowthai den Sleaford Mods zu verdanken hat, hört man in der furios schlecht gelaunten Postpunk-Rap-Fusion seines Tracks "Doorman". Es geht nicht nur darin um Zugänge zur britischen Gesellschaft des 21. Jahrhunderts auf seinem Debüt-Album, das wie kein anderes die Chaos- und Katerstimmung nach endlosen Brexit-Debatten im Unterhaus ventilierte. Bei der Verleihung des Mercury Prize im September provozierte der 24-Jährige aus Northampton, indem er triumphierend den abgeschnittenen Kopf von Premier Boris Johnson in die Höhe hielt, diabolisch grinsend. "Fuck you, Boris, fuck everything", rief er ins schockierte Branchenpublikum. Großer Spaß.

Das gilt auch für die im rhetorisch rasanten Eminem-Stil gerappten Stücke seines Albums. Exemplarisch ist dafür das Titelstück, das ein tristes Panorama des Albion-Königreichs entwirft - voller brutaler Cops, wütender EDL-Nazis und perspektivlosen Jugendlichen wie Frampton, die ihr Heil in Drogen und Alkohol zu finden versuchen. Und die britische Oberklasse? Zählt Geld, pflegt elitäre Privilegien, träumt vom Empire und trinkt Tee: "Sip a cup of tea whilst we're spittin'/ There's nothing great about Britain". Der Anarcho-Arthur des britischen Rap.

Lesen Sie hier unsere Original-Kritik.

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Universal UK (Universal Music Switzerland)

Nothing Great About Britain

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Die Heiterkeit - "Was passiert ist"
(Buback Tonträger, erschienen im März)

"Was passiert ist, weiß ich auch nicht/ Und ich guck' mir dabei zu", sang Stella Sommer im eröffnenden Titelstück ihres vierten Albums mit der Heiterkeit. Auch wir guckten seit 2012 gebannt dabei zu, wie sich dieses in Hamburg gegründete Projekt zu immer größerer Eminenz entwickelte. Was passiert ist? Nichts weniger als die künstlerische Selbstermächtigung der Musikerin Sommer, die so gut wie alle Bandmitglieder gehen ließ und zusammen mit Produzent Moses Schneider alles allein geschrieben und gespielt hat. Die letzten Sound-Spinnweben aus Gitarrenfuzz und Waberwänden wichen auf diesem Album einer bestechenden Klarheit und zuweilen euphorischen Selbstgewissheit.

Die Sprödigkeit und Depression, die Sommer in ihren Texten immer wieder thematisiert, umarmt sie hier als gegeben und zieht daraus eine neue, ganz und gar hinreißende Stärke: "Das Wort dafür ist einsam", jubiliert sie in "Das Wort": "Komm zu mir, ich stehe ganz am Rand". Tatsächlich polarisiert ihr mit Knefscher Lakonie vorgetragene Pathos des Ennuis (noch) zu sehr für den Pop-Mainstream - und auch die ersten Konzerte mit der noch nicht eingespielten Live-Band ließen die Magie dieses eminenten Albums vermissen. Aber wenn Stella Sommer ihre solitäre Rolle als zurzeit führende Songwriterin des deutschen Indie-Pops auch auf der Bühne übernimmt, dann wird noch viel passieren. Wir geben ja nicht umsonst das einzige Mal in diesem Jahr 10 von 10 Punkten.

Lesen Sie hier unsere Original-Kritik.

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Buback (Indigo)

Was Passiert Ist

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Solange - "When I Get Home"
(Columbia/Sony, erschienen im April)

Ein Kollege bemerkte neulich völlig zu Recht, dass es keinen einzigen Song von "When I Get Home" gebe, der sich aus dem Album herauslösen ließe, etwa zwecks Integration in eine Playlist. Und es stimmt: Einzelne Monumente wie "Don't Touch My Hair" oder "Cranes In The Sky", wie sie sich noch auf Solanges bahnbrechendem Debüt "A Seat At The Table" fanden, gibt es hier nicht. Stattdessen schuf die künstlerisch intellektuellere Schwester von Superstar Beyoncé Knowles eine konsequente Erweiterung ihres Klang- und Wirkungsspektrums. Als Rahmen dient, quasi analog zu Beyoncés "Lemonade", ein Homecoming-Trip in ihre Heimatstadt Houston, es geht also erneut um afroamerikanische Legacy, diesmal weniger ausgreifend auf die "black experience" gemünzt, sondern intim, idiosynkratisch verspielt und persönlich.

Es ist die Geschichte einer Befreiung, die Solange hier, weitgehend losgelöst von Songstrukturen, Genre- und Kommerz-Zwängen, erzählt. Elemente aus Hip-Hop, R&B, Fusion, afrofuturistischem und spirituellem Jazz umspielen in losester Form süße und melancholische Erinnerungsvignetten, in denen faktische Erinnerung und rückwärtige Verklärung zu einem irritierend fragmentierten Storytelling verschmelzen. Der suggestive Flow und die lässige Eleganz dieses Albums erschließen sich tatsächlich nur, wenn man es komplett durchhört. Soulmusik als hypermodernes Kunstwerk.

Lesen Sie hier unsere Original-Kritik.

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Saint Records/Columbia

When I Get Home [Explicit]

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Weyes Blood - "Titanic Rising"
(SubPop/Cargo, erschienen im April)

Die britische Popkritikerin Kitty Empire fand im Frühjahr eine treffende Charakterisierung für Natalie Mering: Mit ihren langen, glatten Haaren, ihrem musikalischen Allroundtalent und ihrem Gespür für radiotaugliche, ins Ohr schmelzende Melodien wirke sie wie eine vergessene Haim-Schwester. Wie das Pop-Trio lebt auch Mehring in L.A. und speist dieses spezielle, sonnengereizte Westküstengefühl in ihre Musik ein - allerdings mit einem düsteren, apokalyptischen Twist.

"Titanic Rising", Mehrings viertes und bestes Album als Weyes Blood, umhüllt die morbide Stimmung der beginnenden Klimawandel-Ära in opulente, schwelgende und sentimentale Siebzigerjahre-Sounds. Damit tritt sie, auch im Gesang, das dem Zeitgeist angepasste Erbe von Carole King und Karen Carpenter an. Passend zum nostalgisch-cineastischen Überthema ihres Albums ("Titanic Rising", "Movies") kann man sich in diese reichhaltig flirrende und flimmernde Musik fallen lassen wie in einen Sitzsack aus Plüsch. Zu bequem sollten wir es uns aber nicht machen, davon zeugen nicht nur wiederkehrende musikalische Schrägen wie das elektronisch eiernde Synthie-Intro von "Andromeda", sondern auch Mehrings sanfte Ermahnungen: "You're gonna be just fine/ But, babe/ A lot's gonna change In your lifetime". So sieht's mal aus.

Lesen Sie hier unsere Original-Kritik.

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Sub Pop / Cargo

Titanic Rising

ca. 9,99 €
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Was, nur fünf!? Keineswegs: Teil 2 der Abgehört-Jahresausgabe folgt am Donnerstag.

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