Pop-Hype Black Country, New Road Die Band, die ihren Namen per Zufallsgenerator fand

Ein Sound, der Haken schlägt – und ein Übermaß an aberwitzigen Ideen: Das siebenköpfige Kollektiv Black Country, New Road gilt als englischer Pop-Hype der Stunde.
Band Black Country, New Road: Schwindelig gespielt

Band Black Country, New Road: Schwindelig gespielt

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Burak Cingi / Redferns / Getty Images

Ganz einfach »For the First Time« nennen die Mitglieder der Band Black Country, New Road ihr erstes Album, und darauf versammeln sie die sechs Nummern, die sie in ihrer kurzen Karriere bislang im Studio eingespielt haben. Das sind nicht viele, sie bringen es auf eine Spielzeit von einer knappen Dreiviertelstunde, aber der immer wieder Haken schlagende Sound lässt schnell ahnen, warum die Label Schlange standen, um die sieben Musiker zu verpflichten.

Ihren leicht sperrigen Namen fand die Band im Netz, der Bandleader Isaac Wood hatte den Zufallsgenerator von Wikipedia angeworfen, und der spuckte den Namen einer Straße aus, die sich in den englischen West Midlands befindet: Black Country New Road – die Musiker fügten lediglich noch das Komma hinzu. Wood war schnell zufrieden mit dem Fund; der stehe für einen guten Weg, der von einem schlechten Ort fortführe, sagt der 22-Jährige.

Die gemeinsame Reise begann für einige der sieben Mitglieder schon zu Schulzeiten, an der Universität wurde sie dann fortgesetzt. Aber als die Musiker erfuhren, dass ihrem Sänger sexuelle Übergriffe vorgeworfen worden waren, trennten sie sich von ihm und verlegten ihr Hauptquartier nach London.

Im Stadtteil Brixton klopften sie bei The Windmill an, einem Klub, aus dem in den vergangenen Jahren immer wieder Bands drängten, die Großbritanniens Musikszene mit frischen Impulsen versorgten.

Mittlerweile hatte Wood auch die Rolle des Sängers übernommen, von ihm stammt meist die erste Idee für einen Song; die Kollegen steuern dann bei, was ihnen einfällt, mit Gitarre, Bass und Schlagzeug, mit Keyboard, Saxofon und Geige. Überraschend und unberechenbar wird das Ergebnis immer wieder dadurch, dass drei Mitglieder eine klassische Ausbildung haben, der Rest der Band seine Instrumente selbst erlernt hat.

Fantasien eines jungen Mannes in einer reizüberfluteten Welt

Auf dem ersten Track des Debütalbums »Instrumental« spielt die Band sich nach einem kurzen Schlagzeugsolo zügig mit Klezmer schwindelig, zunächst angeführt von der Geigerin Georgia Ellery, bald unterstützt von Lewis Evans am Saxofon. Der Rock? Der kommt auch noch dazu, aber er bleibt nicht lange, er bleibt nie lange bei Black Country, New Road.

Melodische Gitarrenakkorde, gestoppt von einer Free-Jazz-Wand, überschwängliche Folklore, die von Lärm zermahlen wird – die Band hat viele Ideen, nur eine davon würde mancher Band für einen ganzen Song reichen. Black Country, New Road aber packen in einen Track, was ihnen einfällt, und wenn er dann fast zehn Minuten dauert: muss eben alles mit. Für die nächste Nummer wird es schon genug neue Ideen geben.

Seine Textideen tippt Wood ins Smartphone. Soll ein Song daraus werden, setzt er sich hin und bearbeitet sie, mit einer Art Cut-up-Technik erzählt er so aus dem Leben, von den Eindrücken und Fantasien eines jungen Mannes in einer reizüberfluteten Welt. Mangels einer klassisch schönen Stimme wählt er mal den Sprechgesang, mal den dramatischen Vortrag. Die Texte sind voller Bezüge zur Popkultur, mal zitiert er die erst im vergangenen Jahr steil aufgestiegene Songwriterin Phoebe Bridgers, mal verteidigt er Kanye West; den schätzt Wood, weil er so viele sonderbare Hochs und Tiefs habe.

Etwas überraschend bekannten die experimentierfreudigen Musiker unlängst ihre Liebe zum Pop, zu Charlie XCX und Ariana Grande, auch seine Band sei Pop, sagt Wood, denn sie bringe Dinge auf den Punkt. Gewiss, es gebe diese langen Nummern, doch in Zukunft wollten sie daran arbeiten, sich kürzer zu fassen.

Schade um die wahnwitzigen Klanglandschaften zwischen Post-Punk und Free Jazz wäre es.

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