Beyoncé veröffentlicht "Black Is King" Selbststilisierte Mama Afrika

Superstar Beyoncé hat ihren Musikfilm "Black Is King" veröffentlicht. Timing, Botschaft und Design sind beeindruckend. Aber ist das jetzt zeitgemäßer Afro-Futurismus oder eher Folklore?
Beyoncé in "Black Is King": Von der christlichen Madonna zur afrikanischen Yoruba-Göttin

Beyoncé in "Black Is King": Von der christlichen Madonna zur afrikanischen Yoruba-Göttin

Foto: ROBIN_HARPER/ Parkwood Entertainment

Beyoncé Knowles Carter wird von ihren Fans nicht umsonst ehrfürchtig "Queen Bey" genannt: Die 38-jährige Sängerin hatte zwar seit Jahren keinen Nummer-eins-Hit mehr, trotzdem ist sie die wohl dominanteste und wirkmächtigste Pop-Künstlerin zurzeit. Ihr Geheimnis ist gutes Timing: Am Freitag veröffentlichte Beyoncé ihren selbst gedrehten Musikfilm "Black Is King" beim Streamingdienst Disney+.

Viele Informationen darüber gab es vorher nicht; Knowles ist seit der Überraschungsveröffentlichung ihres Albums "Beyoncé" (2013) eine Meisterin darin geworden, neues Material ohne Ankündigungen und Erklärungen zu "droppen". Interviews gibt sie seit Jahren nicht mehr, als Aristokratin des modernen schwarzen Pop, deren Vermögen auf mehrere Hundert Millionen Dollar geschätzt wird, lässt sie ihre Kunst vornehm für sich selbst sprechen.

Empfohlener externer Inhalt
An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von Instagram, der den Artikel ergänzt und von der Redaktion empfohlen wird. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen und wieder ausblenden.
Externer Inhalt

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Insofern gab sich Beyoncé geradezu geschwätzig und volksnah, als sie das knapp 90 Minuten lange "visuelle Album" vor einem Monat auf Instagram als Herzensprojekt ankündigte, an dem sie ein Jahr lang Tag und Nacht gearbeitet habe. Gedacht war der Film, eine Aneinanderreihung von opulent ausgestatteten Szenen und Videoclips zu einzelnen Songs, als Begleitung zu dem Soundtrack-Album "The Gift", das Knowles im vergangenen Jahr zu Disneys Neuverfilmung von "Der König der Löwen"  produziert hatte. Die daran beteiligten Musiker und Stars, viele davon aus Afrika, treten nun auch im Film auf, darunter der Nigerianer Burna Boy, Rapper Tekno, Sängerin Jessie Reyez und Hip-Hop-Produzent Pharrell Williams, aber auch Topmodel Naomi Campbell und Oscarpreisträgerin Lupita Nyong'o und die ehemalige Destiny's-Child-Kollegin Kelly Rowland. Sogar Mutter Knowles hat einen Mini-Auftritt, Beyoncés Kinder sind omnipräsent. Es ist eine Familienfeier der Blackness.

"REALE Geschichte erzählen"

Der Film sollte "die Bandbreite und Schönheit der schwarzen Abstammung" zelebrieren, schrieb Beyoncé in ihrem langen Posting - und nahm die aktuelle politische Bedeutung ihrer Unternehmung gleich vorweg, falls sie jemandem nicht ins Auge springen sollte: "Die Ereignisse von 2020 haben die Vision und Botschaft des Films sogar noch relevanter gemacht", schrieb sie. Gemeint ist der nach dem gewaltsamen Tod des Afroamerikaners George Floyd aufgeflammte Protest gegen Rassismus in den USA, der zu einer globalen Solidarisierungswelle geführt hat.

Sie habe ein Bewusstsein für eine reichhaltige, in Afrika wurzelnde Geschichte entwickeln wollen, das afroamerikanischen Kids nicht in den Lehrbüchern der Weißen vermittelt wird. "Die Achse der Welt verschieben und unsere REALE Geschichte erzählen", drunter macht's eine Königin nicht. Hält "Black Is King" diesem Anspruch stand?

Empfohlener externer Inhalt
An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von YouTube, der den Artikel ergänzt und von der Redaktion empfohlen wird. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen und wieder ausblenden.
Externer Inhalt

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

An wirkmächtigen Bildern und Inszenierungen mangelt es nicht. Sie sind so suggestiv, dass man glatt vergessen könnte, dass alle Songs, die hier gespielt werden, bereits bekannt sind. Neu ist einzig die bereits vorab veröffentlichte Single "Black Parade".

Inszenierung als christliche Madonnen-Figur

Gleich zu Beginn, zu den Balladenklängen von "Bigger", ist Beyoncé im wallenden weißen Kleid mit wallender Mähne an einem Strand zu sehen, wie sie einem kleinen Jungen die "Keys to the Kingdom" übergibt, die Weisheit nämlich, dass er Teil einer größeren Erzählung schwarzer Kultur ist: "Bigger than the picture they framed us to see. Pick up a pen and rewrite it".

Das Umschreiben und Aneignen der Geschichte erledigt die selbststilisierte Mama Afrika dann aber schon selbst. In ihren Film hineingeritten war sie hoch zu Ross, gekleidet in ein Gewand aus Zebu-Hörnern und Tierfellen, eine ikonische Reminiszenz an den Film "Touki Bouki" des senegalesischen Regisseurs Djibril Diop Mambéty von 1973.

Beyoncé, Tänzerinnen in "Black Is King": Beeindruckende Feier schwarzer Schönheit und Erhabenheit

Beyoncé, Tänzerinnen in "Black Is King": Beeindruckende Feier schwarzer Schönheit und Erhabenheit

Foto: Andrew White/ Andrew White/ Parkwood Entertainment

Später wird sie sich als christliche Madonnen-Figur inszenieren, die ein schwarzes Baby im biblischen Bastkorb im Nil aussetzt. Als superfruchtbare Yoruba-Göttin Oshun gekleidet und geschmückt holt sie es dann am anderen Ufer selbst wieder heraus. Es markiert den Übergang zwischen der mit dem Album "Lemonade" (2016) absolvierten Station ihrer Herkunftsforschung im Süden der USA und dem nächsten Schritt - ins Reich der Orisha, der alten afrikanischen Götter.

Analog zur "König der Löwen"-Story (es gibt Simba- und Mufasa-Zitate aus dem Film) begibt sich Beyoncé also auf eine Safari durch bunte afrikanische Gewänder. Es ist eine durchaus eindrucksvolle Feier schwarzer Schönheit und Erhabenheit.

Regie führte Beyoncé dabei dem Abspann zufolge allein, allerdings unterstützt von bis zu zehn Co-RegisseurInnen, die meisten aus Afrika. Die wahren Stars aber sind die Kostümdesigner, Make-up- und Frisurenartisten, die Knowles in zahllosen Outfits, die teilweise minütlich wechseln, als demonstrativ kurvenreiche Beauty-Queen inszenieren, die im Reichtum ihrer afrikanischen Legacy Empowerment und Glamour findet.

Empfohlener externer Inhalt
An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von YouTube, der den Artikel ergänzt und von der Redaktion empfohlen wird. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen und wieder ausblenden.
Externer Inhalt

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

"Wakandafizierung"

Bereits der Trailer zum Film rief Kritik hervor: Beyoncé beschränke sich darauf, tribale Kultur zu reproduzieren und homogenisiere unterschiedlichste afrikanische Kulturen, um sie für ihren "Black Capitalism" zu instrumentalisieren und auszubeuten, schrieb die schwarze Feministin Jade Bentil auf Twitter. Die Free-Jazz-Künstler der Fünfziger- und Sechzigerjahre hätten die volkstümlichen Wurzeln Afrikas zudem bereits hinreichend erforscht, schrieb die französische Journalistin Sophie Rosemont, die gerade ein Buch über die Geschichte von "Black Power" herausbringt, auf Instagram. Es sei schade, dass Beyoncé nicht zu einem neuen Ansatz finde und sich darüber hinaus so wenig für das gegenwärtige Afrika interessiere.

"Wakandafizierung" ist ein Schlagwort, das in sozialen Medien die Runde macht, wenn es um "Black Is King" geht, also die Idealisierung afrikanischer Herkunfts- und Stammesmotive im Stil des Superheldenblockbusters "Black Panther", der im Fantasiereich Wakanda spielt, übrigens ebenfalls ein Disney-Produkt. Zu viel kommerzialisierte Afro-Folklore und kulturelle Aneignung also, statt zeitgemäßer, sozialrealistischer Afro-Futurismus?

"Queen Bey" wird derlei Kontroverse wahrscheinlich nicht weiter irritieren, im Zweifel hat sie es darauf angelegt, den identitätspolitischen Diskurs mit der Demonstration ihrer inszenatorischen und medialen Macht anzuheizen, wie sie es bereits mit gezielt provokanten Auftritten beim Super Bowl und beim Coachella getan hat. Gespür für den Zeitgeist und das richtige Timing hat sie allemal erneut bewiesen. Und selbst wenn sie sich diesmal vielleicht nicht an die Spitze der politischen Debatte setzt, so wird sie mit ihrem kunstsinnigen Designerfilm zumindest die Fashionblogs über Wochen hinweg zum Glühen bringen.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.