Rock-Erneuerer Black Midi Musik wie ein Knöchel-Sandwich

Black Midi sind die aufregendste neue Band aus Großbritannien. Als Retter des Rock taugen sie deshalb aber noch lange nicht. Die Alles-auf-einmal-Musik der jungen Briten lässt sich nicht kategorisieren.

ANTHROX STUDIO

Von Arno Raffeiner


Da ist er: der neue Prophet des Rock'n'Roll! Er kommt aus London, er trägt Knickerbocker, einen Mantel vom Trödler und einen Stetson aus Texas auf dem Kopf. Er ist so jung, dass er über den Brexit nicht mit abstimmen durfte, und drei Jahre später fühlt er sich nicht berufen, "irgendetwas Intelligentes dazu zu sagen". Das erklärt Geordie Greep in seinem Alpen-Cowboy-Outfit in einem Berliner Easyjetsetter-Hotel. Neben ihm auf dem Sofa sitzt sein Freund Matt Kwasniewski-Kelvin und wagt immerhin eine sehr britische Ein-Satz-Analyse: "Die Situation ist auf jeden Fall alles andere als ideal."

Diese Einschätzung mag für Großbritannien gelten - zumindest, wenn man nicht Boris Johnson oder Nigel Farage heißt -, nicht aber für die Band, die Greep und Kwasniewski-Kelvin als 14-Jährige gegründet haben. Black Midi sollen und werden die Rockmusik nicht einfach nur retten, sondern von Grund auf neu erfinden. Heißt es.

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Black Midi: Drama-Babys

Greep (viel Gitarre, viel Gesang) und Kwasniewski-Kelvin (viel Gitarre, kaum Gesang) sowie die weiteren Bandmitglieder Cameron Picton (viel Bass, wenig Gesang) und Morgan Simpson (sehr viel Schlagzeug) sind digital natives. Sie haben sich nach einem 37 Jahre alten Standard der Computermusik benannt und nach einem viralen Trend, der die Midi-Technologie mit Tausenden gleichzeitig gespielter Noten bis zur Vollauslastung der Prozessoren pervertiert. Aber sie wollen nur eins: Konzerte mit Schlagzeug, Bass, Gitarre spielen.

Rockmusik, die alles auf einmal will

Greep und Kwasniewski-Kelvin nennen ausgerechnet die Old-School-CD-Sammlungen ihrer Väter als wichtigsten Einfluss. Prog Rock, Jazz, Soul, Kraut, Drones - sie hörten im Prinzip alles. Und alles gleichzeitig. Was man jetzt auch der Musik von Black Midi anhört: einem überbordenden Synchron-Rock, der am liebsten alles auf einmal will, laut und leise sein, euphorisch und niederschmetternd, immer kohärent widersprüchlich. "Es geht um ein Drama-Ding", erklärt Greep, "etwas, das irgendwo anfängt und ganz woanders hinführt. Das ist etwas, das aktueller Musik oft fehlt."

Preisabfragezeitpunkt:
24.06.2019, 12:02 Uhr
Ohne Gewähr

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Schlagenheim

Label:
Rough Trade/Beggars Group / Indigo
Preis:
EUR 10,93

Für den Titel ihres Debütalbums erfanden Black Midi das deutsche Wort "Schlagenheim", es kommt so ungenießbar daher wie ein Knöchel-Sandwich. Diese Musik klingt kompliziert, aber nicht wie eine Differentialgleichung, eher wie ein Splitterbruch im Bein. Die Band selbst betont ihren Freigeist: Improvisation, Unberechenbarkeit, Drauflosspielen. Die Grundlagen der Songs entstehen in kollektiven Jams. Man hört die Ausbildung auf der Musikschule heraus, aber eben auch eine ungestüme Gewalt, die mit Klischees aufräumen will, indem sie Chaos schafft.

Über all dem hängt das Näsel-Vibrato von Greep, seltsam vermumpft und zugleich so voller Schärfe, als könnte er damit Fensterscheiben zersingen. Er wechselt in Sekundenbruchteilen von Sprechsingsang zu Kreischattacken oder Wolfsgeheul. Die Songtexte sind Ellipsen, hingeworfene Brocken aus einem Steinbruch, von dem niemand mehr weiß, wofür er überhaupt mal gut war. "New city/ Old buildings/ Council going/ Missing tonight", heißt es in "Speedway": die Behauptung einer neuen Stadt, vollgestellt mit alten Hütten, die Verantwortlichen haben sich aus dem Staub gemacht. Damit ist das Dilemma der Rockmusik heute ganz gut beschrieben.

Die Dauerkrise des Genres - Dinosaurisierung, Rückwärtsgewandtheit, Bedeutungsverlust - hat sich im Streaming-Zeitalter akut verschärft. Die Repräsentanz in Bestenlisten ist gering und geprägt von Leichenfledderei, etwa dem "Bohemian Rhapsody"-Soundtrack von Queen. Selbst Ed Sheeran macht mit Justin Bieber auf bunten Latin-Pop, die Schwergewichte in den britischen Charts heißen Skepta und Billie Eilish, die Themen setzen Grime-Acts wie Stormzy.

Dass Black Midi nun als neue Hoffnung einer alten Tradition gefeiert werden, ist nur verständlich. Im Kampf gegen die Bedeutungslosigkeit von Rock und gegen die sogenannte BRD (Brexit Related Depression) soll die Band einen zentralen Schauplatz besetzen: die Bühne, auf der vier Jungs mit Gitarren Krach machen - das letzte hart umkämpfte Symbol der Popnation samt ihrer Kastrationsangst.

Plattenfirma und Presse erzählen was anderes

Ob ihnen diese Rolle gefällt, den Rock'n'Roll zu retten? Auch darauf gibt es britische Ein-Satz-Antworten. Kwasniewski-Kelvin: "Es ist aufregend." Greep: "Ein Ansporn." Muss Rock denn gerettet werden? Greep: "Weiß nicht." Kwasniewski-Kelvin: "Nicht unbedingt." Neu erfunden? Schon eher. Aber Black Midi wollen sich nicht auf das R-Wort versteifen, sie könnten auch etwas ganz anderes machen. "Es wird immer Nachfrage nach irgendeiner Form von Livemusik geben", sagt Greep. "Ich sehe uns nicht unbedingt als Retter des Rock. Wir versuchen einfach, neue, aufregende Musik zu machen, voller Drama und Spannung. Und das tun wir eben live, mit Gitarren."

Die Sache ist die: Black Midi haben mit "Schlagenheim" ein grandioses Album aufgenommen. Es will nur nicht zur Erzählung passen, die Plattenfirma und britische Presse inzwischen drumherum gestrickt haben. Ihre Songs sind alles andere als Mitgröhl- und Stadion-kompatibel. Im Zweifelsfall stehen sie eher auf der Seite von Anti-Rockisten: "Hands off your dick!", fordert Greep im Finale des Albums, der siebenminütigen Rockoper-Persiflage "Ducter" - "Pfoten weg da unten". Das lässt sich als Mahnung an sich selbst verstehen: Nicht zu viel Rumgewichse! Das höchste Energielevel kann man schließlich auch ohne Cock-Rock-Klischees und Würstchenparade erreichen.



insgesamt 12 Beiträge
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Seite 1
patsche2712 27.06.2019
1. Puh...
...wenn solche Bands den Rock retten sollen, dann war's das... Langweilig und prätentiös, mal sehen wie lanfe die das next bug thing bleiben. Die britische Musikmesse wird da schon bald eine neue Combo größerschreiben als sie je werden wird....
sekundo 27.06.2019
2. Haben Sie tatsächlich
Zitat von patsche2712...wenn solche Bands den Rock retten sollen, dann war's das... Langweilig und prätentiös, mal sehen wie lanfe die das next bug thing bleiben. Die britische Musikmesse wird da schon bald eine neue Combo größerschreiben als sie je werden wird....
den Messias für den Rock erwartet? Die Angebote, die hier gemacht werden, stammen doch bekanntlich ausnahmslos aus dem Mucken-Karussell, das sich bekanntlich sehr behäbig im Kreis dreht. Ich bin schon sehr gespannt auf die substanzvollen Beiträge der üblich verdächtigen Nostalgiker aus dem Rock-Museum, die dem Ganzen dann das saure Sahnehäubchen aufsetzen werden!
nolle.woida 27.06.2019
3. Hiernein Nostalgiker
Zitat von sekundoden Messias für den Rock erwartet? Die Angebote, die hier gemacht werden, stammen doch bekanntlich ausnahmslos aus dem Mucken-Karussell, das sich bekanntlich sehr behäbig im Kreis dreht. Ich bin schon sehr gespannt auf die substanzvollen Beiträge der üblich verdächtigen Nostalgiker aus dem Rock-Museum, die dem Ganzen dann das saure Sahnehäubchen aufsetzen werden!
Den Rock kann man genauso wenig neu erfinden, wie man das Rad neu erfinden könnte. Die Musik gefällt mir aber. Zwar ähnlich schon gehört, aber nicht bemüht um Eingängigkeit. Und das von jungen Leuten, die vielleicht noch sehr viel erfinden werden. Erfrischend.
nolle.woida 27.06.2019
4. Ich muss mich korrigieren,
nachdem ich m ir mehr Sonne angehört habe, finde ich die Band richtig toll. Ich werde mich, wenn die einst in Köln spielen, als 61jähriger mitten unter die Teens mischen und mir den sound in die Ohren dröhnen lassen.
lutschbommler 27.06.2019
5. Also...
... ich würde sagen: Typische Musik von Kids, die halt alles griffbereit per Internet haben, und sich in der Welt der spannenderen Rock/Pop/Elektro-Klänge bedienen. Ziemlicher Gemischtwarenladen, aber das scheint ja Konzept zu sein. Noch was Geschmäcklerisches hinterher: Ich ertrage den Sänger nicht. Von daher bin ich mit dieser Band direkt auch wieder durch. Und überhaupt... Rockmusik muss nicht gerettet werden. Es gibt ziemlich viel frisches, intelligentes, spannendes Zeug!
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