Black Music Weiße Weihnacht, schwarze Beats

Auch dieses Weihnachten sorgen Soul- und R&B-Stars für den guten Ton unterm Tannebaum. Die eigens zum Fest produzierten Christmas-Alben haben eine lange Tradition und garantieren seit jeher bestes Entertainment - mal milde religiös, mal streitbar und kritisch.

Von Daniel Haas


Weihnachten mit James Brown: Einpacken statt Auspacken

Weihnachten mit James Brown: Einpacken statt Auspacken

Nie wieder Mord: Pünktlich zur Weihnacht änderten Murder Inc. Records ihren Namen. Das umstrittene Label, das in den letzten Monaten durch die Fehde zweier Rapper das Interesse von Medien und Fahndern auf sich zog, strich das "Murder" aus dem Logo und firmiert ab jetzt nur noch als Inc. Records. Statt Koketterie mit der Tradition amerikanischen Gangstertums - Murder Inc. nannten sich die New Yorker Mobster der zwanziger und dreißiger Jahre um Meyer Lansky und Bugsy Seagal - eine neue Bescheidenheit? Oder lediglich ein termingerechter Marketing-Kniff, um das neue Album des hauseigenen R&B-Prinzesschens Ashanti nicht zu gefährden?

Die hat nämlich ganz wie die Großen ihres Fachs ein eigenes Weihnachtsalbum vorgelegt: "Ashanti's Christmas" heißt die Scheibe und ist eine Sammlung klassischer Weihnachtslieder von "This Christmas" bis "Silent Night". Auf dem Cover posiert die erfolgreiche Sängerin nicht wie sonst mit aufreizender Laszivität, sondern herzig lächelnd vorm weihnachtlich geschmückten Kamin.

R&B-Newcomerin Ashanti: Herziges Lächeln vor dem Kamin

R&B-Newcomerin Ashanti: Herziges Lächeln vor dem Kamin

Auch Popsoul-Diva Whitney Houston präsentiert eine CD zum Fest: "One Wish. The Holiday Album" heißt das schlicht aufgemachte Werk, das einem die Feiertage mit klassischem Liedgut veredeln soll. Weil Houstons Ruf mindestens so gut ist wie der des Christkinds, konnte auf Weihnachtsdeko verzichtet werden. Man sieht die stimmgewaltige Schöne einfach entspannt hingegossen auf dem cremefarbenen Kanapee. Aus einem Guss sind sowohl Ashantis als auch Houstons Album, perfekt arrangiert und von jener gefälligen Beschwingtheit, die so nur amerikanisches Entertainment bieten kann.

"Christmas On Death Row": Heiße Themen, eiskaltes Business

"Christmas On Death Row": Heiße Themen, eiskaltes Business

Weiße Weihnacht', schwarze Beats: Ashanti und Houston sind nicht die Ersten, die das Fest der Liebe mit sattem Sound aufpeppen. Von Otis Redding über Diana Ross und die Supremes bis zu Destiny's Child und Mariah Carey reicht die Reihe der so genannten Holiday-Alben. Kein Wunder, schließlich hat so manche R&B-Queen im heimischen Gospelchor angefangen; die klassische Soulkarriere beginnt oft in der Kirche. Darüber hinaus ist die feste Verankerung in der christlichen Glaubenswelt Gang und Gäbe bei den Black-Music-Stars: Kein HipHop-Held, der auf seinem Album nicht erst einmal seiner Mutter und dem heiligen Vater dankte.

Wenig überraschend also, dass selbst das umstrittene Label Death Row Records 1997 mit einem Weihnachtssampler aufwartete: Neben einem ungewohnt friedfertigen Bekenntnis zur Familieneintracht vom enfant terrible des Westcoast-Rap Snoop Dogg sagt sich die Gangstercombo Tha Dogg Pound darauf gleich ganz vom Hustler-Leben los: "Wenn ich heute sterbe, dann fahre ich zur Hölle, und das ist die falsche Richtung", ist da zu hören. Und: "Ich habe einige Probleme und weiß, Du, Herr, bist derjenige, der mir helfen kann."

Soulsängerin Houston: Gefällige Beschwingtheit

Soulsängerin Houston: Gefällige Beschwingtheit

Tatsächlich war 1997 ein buchstäblich schwarzes Jahr für den Gangster-Rap. HipHop-Megastar Tupac Shakur wurde ermordet, Labelchef Suge Knight geriet ins Visier der Ermittler und Produzentenlegende Dr. Dre verließ die Firma. Aber der Kurswechsel in Richtung Nächstenliebe war nicht allein dem kommerziellem Kalkül geschuldet. Das Bekenntnis zum christlichen Erbe ist auch eine Geste kultureller Selbstvergewisserung. In Zeiten des Turbokapitalismus, der den Akteuren auf beiden Seiten des Gesetzes höchste Flexibilität abverlangt, vermittelt ein traditioneller Wertekanon Konstanz und Orientierung.

Und die politische Stoßkraft der Soulmusik, jene Verve, mit der sich afroamerikanische Künstler in einer rassistischen Gesellschaft eine Stimme gaben? Schnee von gestern? Tatsächlich scheint die Kritik am Weihnachtsfest Radaurockern wie The Sonics vorbehalten zu sein, die mit Titeln wie "Don't Believe In Santa" den weißen Mittelstand provozieren. Dass man sich Weihnachten unter Umständen schenken kann, wussten aber auch Lonnie Hill und James Brown. Hills "Cold Winter In The Ghetto" (1986) erzählt von den ganz unchristlichen Verhältnissen in den Armenvierteln der Großstadt und Browns "Santa Claus Goes Straight to the Ghetto" (1968) schickt den Weihnachtsmann zu jenen Kids, die nicht aus-, sondern einpacken können, weil ihnen niemand eine Chance gibt.

Für heiße Themen hat man sich bei The Inc. an Weihnachten nicht erwärmt, dafür taut Ashanti mit ihrer selbst komponierten Ballade "Time Year" richtig auf und spricht vom Wert der Familie, von den Verstorbenen, die sie beschützen und davon, dass sie alles gibt, nur um bei andern ein Lächeln des Glücks zu sehen. Und dagegen ist - eiskalt geplantes Business hin oder her - nun wirklich nichts zu sagen.


Ashanti: "Ashanti's Christmas" Def Jam/IslandMercury/Universal 2003
Whitney Houston: "One Wish. The Holiday Album" Arista/BMG 2003
"Christmas on Death Row" Death Row Records 1997
Lonnie Hill: "Galveston Bay/A Cold Winter in The Ghetto"
u.a auf: "Dinner Jazz: the Album" Vital (Zomba) 2003
James Brown: "20th Century Masters: The Christmas Collection"
Universal Chronicles/Universal 2003



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