Blas-Erotik Lizenz zum Flöten

Emmanuel Pahud verpasst der Flöte, dem elegantesten Aphrodisiakum der Klassik, einen herrlich männlichen Relaunch.

Von Kai Luehrs-Kaiser


Wie viel Wirbel wurden in vergangenen Jahrhunderten um die liebessteigernde Wirkung von Austern, Moschus und spanischen Fliegen gemacht?! Heute, wo man höchstens noch von Viagra redet, sind an die Stelle phantasievoller Aphrodisiaka (deren Einnahme aufwendig inszeniert wurde) schnöde Potenz-Chemikalien getreten. Wird alles entzaubert? Durchaus nicht. Bei der Flöte, einem der sinnlich zweideutigsten Instrumente der Klassik, kann man das Gegenteil beobachten.

Flötist Pahud: "Gewusst wie"
EMI Classics

Flötist Pahud: "Gewusst wie"

Wer eine Geschichte der berühmten Flötisten des 20. Jahrhunderts schreiben wollte, hätte eine Typologie des europäischen Liebhabers vor sich. Merkmal: scheinbare Harmlosigkeit.

Es folgt eine kurze Ahnengalerie. Der große Jean-Pierre Rampal (in den fünfziger und sechziger Jahren) besaß noch die gelassene Erotik eines alten Tanzmeisters. Bei ihm konnte man davon ausgehen, dass er dem Mädchen, mit dem er ausgeht, höchstens Manieren beibringt. Mehr nicht. Frans Brüggen (von der Blockflöten-Fraktion) brachte den Strickpullover ins Geschäft ein – und blieb gleichfalls ungefährlich. James Galway schließlich, der irische Gentleman, symbolisiert bis heute eine zu Wohlstand und Bausparvertrag gekommene Welt der siebziger bis neunziger Jahre. Von all den honorigen Herren war – anders als von benachbarten Schwerenötern wie Arthur Rubinstein oder Leonard Bernstein – kaum Anzügliches zu erwarten. Gerade deswegen hatten sie Erfolg.

Nun hat sich einiges geändert. Seit Emmanuel Pahud 1996 von der EMI einen Plattenvertrag bekam, wird er offensiv als eine Art Klassik-Erotikon vermarktet. In aufdringlich phallischer Parallelstellung zum Körper hält er das Instrument auf fast jedem seiner zahlreichen CD-Cover. Pahud posiert barfuß oder im Liegen. Weiche Gesichtszüge unter den retouchierten Geheimratsecken verbinden den Fortschritt der Mannesjahre mit einem unverbraucht anheimelnden "Gewusst wie". Man muss gesehen haben, mit welch verschwiegenem Augenniederschlag Pahud auf einer seiner CDs (mit Werken Carl Nielsens) sein Instrument der Klarinettistin Sabine Meyer präsentiert. Wer das nicht obszön findet, sollte noch einmal hinschauen.

Tatsächlich vermögen Pahuds musikalische Qualitäten sowohl Frauen wie Männern wohlige Schauer des Kunstgenusses über den Rücken zu jagen. In seinem vibrierenden Ton mischt sich brillanter Flitter mit der Verständnisinnigkeit eines passionierten Zuhörers. Der 1970 in Genf geborene Musiker behauptet, er suche für jedes Stück so sehr einen eigenen Ton, dass er keinen persönlichen, wiedererkennbaren Stil entwickelt habe. Er sucht sich jedem Stück interpretierend anzuschmiegen. Das, so könnte man sagen, entspricht ganz der sauberen, virtuellen Erotik des 21. Jahrhunderts. Berührung findet nicht statt. Merkwürdig nur: Pahud lohnt das Hinhören unbedingt.

Schon seine Mozart-Konzerte 1997 (unter Claudio Abbado) waren Offenbarungen flexibler Flöten-Kunst. Die Einspielungen von Konzerten Vivaldis, Telemanns und Iberts sind Katalog-Klassiker erster Güte. Jetzt hat Pahud gemeinsam mit dem Cembalisten Trevor Pinnock einen Gipfel des Repertoires erklommen: Bachs Flöten-Sonaten (einschließlich der drei Flöten-Trios und der Sonate für zwei Flöten, Cello und Cembalo). Die im Konzert eher seltenen Werke stellen eine wundervolle Balance zwischen historischer Informiertheit und Opulenz, zwischen Charme und Charakter her.

Der sinnliche Mehrwert mag auch daran liegen, dass Pahud als langjähriger Solo-Flötist der Berliner Philharmoniker immer noch treu Orchesterdienste schiebt. In seinen Solo-Auftritten genießt er den Kitzel des musikalischen Seitensprungs. Er ist der beinahe einzige Weltklasse-Flötist, der das erotische Intermezzo als gleichsam verbrieftes Recht für sich beanspruchen kann. Um es dennoch nur musikalisch auszuleben.


CD Johann Sebastian Bach: "Sämtliche Flöten-Sonaten"; Emmanuel Pahud, Flöte; Trevor Pinnock, Cembalo u.a. (2 CDs, EMI 2 17443 2).



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christian simons 22.10.2008
1. Bewerbung
Emmanuel Pahud - Blas-Erotik: Lizenz zum Flöten? Welchem Redaktionsluder haben wir denn diese besinnliche Schlagzeile zu verdanken? Wie auch immer, ich bewerbe mich hiermit mit folgenden Themen beim SPIEGEL-Kulturressort: - Karl Heinz Stock-Hausen: ein Heim für Erektionen im Konzertsaal - Was Documenta-Girls wirklich anmacht: Joseph Boys - John Up-dick: A cunning linguist and a master debator? - Peter Schlotterdick: die Angst vor der eigenen Potenz.
rio_riester 22.10.2008
2. Schmunzel
Zitat von christian simonsEmmanuel Pahud - Blas-Erotik: Lizenz zum Flöten? Welchem Redaktionsluder haben wir denn diese besinnliche Schlagzeile zu verdanken? Wie auch immer, ich bewerbe mich hiermit mit folgenden Themen beim SPIEGEL-Kulturressort: - Karl Heinz Stock-Hausen: ein Heim für Erektionen im Konzertsaal - Was Documenta-Girls wirklich anmacht: Joseph Boys - John Up-dick: A cunning linguist and a master debator? - Peter Schlotterdick: die Angst vor der eigenen Potenz.
Sehr witzige Replik ;-) Den Artikel finde ich trotzdem nicht schlecht: so ein richtiges Flötensolo im Blaskonzert, gelle?
Pizzini 22.10.2008
3. Leere Hülsen über (Schallplatten-) Hüllen
Dem Autor gelingt es genau dort fortzufahren wo einst Enzensberger in seinem klasischen Essay die Sprache (und den Inhalt) des Spiegel kritisierte: Statt über die Sache geht es um eine Geschichte, in diesem Fall eher um ein Geschichtchen. Den hochintellegenten Musiker Frans Brüggen auf "Strickpullover" zu reduzieren sagt eigentlich schon alles über die Qualifikation des Autors dieser Kritik. Darüberhinaus reicht es nur zu platten sexistischen Bemerkungen über Schallplattenhüllen. Inwiefern Pahud sich auf seinen Bach-Aufnahemn "historisch informiert" zeige bleibt Geheimnis von Luehrs-Kaiser. Eben nur Hülle - aber nichts über die Musik.
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