Blowfly-Konzert in Berlin Superheld der Obszönitäten

"Rapp Dirty", "My Bitch", "Shake Your Ass": Seit dem Blaxploitation-Zeitalter schreit Rap-Legende Blowfly derbe Fäkalsongs in die Nacht hinaus. Gestern rappte der Mann, der eine Maske trug, bevor Sido geboren war, im Berliner Untergrundclub Cassiopeia.

Von Markus Schneider


Es ist kurz nach eins im kleinen Berliner Club Cassiopeia im Studentenbezirk Friedrichshain. Auf der Bühne schiebt eine Band knackigen, schweren Funk vor sich her; davor steht der Rapper Clarence Reid, alias Blowfly, 62. Im schlackernden Superheldenkostüm mit Maske wippt er über die Bühne und fuchtelt mit dem Arm in Richtung der Zuschauerinnen.

Rapper Blowfly (um 1960): Selbsternannter Erfinder des dreckigen Raps
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Rapper Blowfly (um 1960): Selbsternannter Erfinder des dreckigen Raps

"Euch ist doch wohl klar, was euch hier erwartet, oder?" Er zeigt auf eine Frau in weißem T-Shirt: "Mit dir hier vorne fangen wir gleich an", krächzt er und widmet der Auserwählten seinen ersten Reim: "To the girl in white, I can tell your pussy's real tight."

Der Titel heißt "Shake Your Ass" und entwickelt in der Folge eine beeindruckende Fülle schmuddliger Komplimente, denen wenig später zwei Titel mit Gedanken zu den sexuellen Vor- und Nachteilen dicker Frauen folgen. Das Publikum kreischt vor Freude, als würde es seine Jugend unter dem Grauschleier einer politisch korrekten Diktatur verbringen, statt in einem halbimprovisierten Club im Dampf zahlloser Joints zu tanzen.

HipHop im Punk-Gewand

Begleitet wird der Rapper von ein paar Altpunks, die durchweg zu brachial daherkommen und den Originalsound der Blowfly-Stücke nicht besonders gut treffen. Dafür gibt es einige Punk-Klassiker zu hören. Schließlich steht Blowfly seit 2005 beim Label von Jello Biafra, ehemals Kopf der Dead Kennedys, unter Vertrag.

Nostalgisch ist der Auftritt allemal. Denn Blowfly, selbsternannter Erfinder des dreckigen Raps, veröffentlichte seine ersten derben Sex- und Fäkalnummern bereits 1971. Da war er unter seinem bürgerlichen Namen Clarence Reid schon ein recht erfolgreicher Soul-Komponist, der sich in der Freizeit den Spaß gönnte, bekannte Soulstücke zu profanieren.

Aus "My Girl" der Temptations wurde "My Bitch", in "Rainy Night in Georgia" ersetzte er "Rainy" durch "Spermy" und aus Otis Reddings Klassiker wurde "Shitting on the Dock of the Bay". Seine Oma verpasste ihm dafür den Spitznamen Blowfly, "Schmeißfliege".

62 - und kein bisschen leise

Seither hat er eine Unzahl von Alben veröffentlicht, mit selbstkomponiertem oder nachempfundenem Material, deren Tracks er zum Teil immer wieder neu einspielt oder zu neuen Sammlungen ordnet. So wie "Rapp Dirty", einer seiner bekanntesten Hits. Den hat er, wie er im Konzert stolz verkündet, schon 1965 aufgenommen, doch erschien er wegen seines furchtsamen Labels erst 1980.

Während Blowfly früher selbst die Urheberschaft für den Sprechgesang in die dreißiger Jahre zurückdatierte, bezeichnet er "Rapp Dirty" heute als den ersten Rapsong aller Zeiten. Sein Einfluss aufs heutige HipHop-Geschäft ist sicherlich nicht zu bestreiten, wie zahlreiche Samples in den Aufnahmen von Rap-Ikonen wie Method Man, DMX oder Wu-Tang-Clan belegen.

Nicht zuletzt erkennt man sein Gewicht jedoch auch an den Inhalten, am indexwürdigen Zotentum. Sein Album "Porno-Freak" war 1978 das erste, das wegen seiner unflätigen Sprache verboten wurde, lange bevor die 2 Live Crew 1992 nach einer gerichtsnotorischen Debatte um ihre Sex-Texte für die Einführung der Elternwarnung auf HipHop-Alben sorgte.

Alles vergeblich, wie eine junge Dame namens Backy beweist, die fröhlich neben Blowfly auf die Bühne kommt, um sich von diesem allerlei Explizites anzuhören.

Groteske Zuspitzung rassistischer Klischees

Historisch betrachtet ist Blowflys Schweinigelei eine solide Seitenlinie der "Oral Tradition", der mündlichen Überlieferung Afroamerikas. Die entwickelte sich seit den Zeiten der Sklaverei, als es verschleppten Afrikanern bei grausamen Strafen verboten war, in ihren Muttersprachen zu sprechen.

So mussten sie Wege finden, eine geheime Spur ins Zwangsenglisch zu legen. Geblieben ist davon eine Alltags- und Straßenkultur der spielerischen Wettkämpfe um originelle Formulierungen, in denen die Form nicht nur oft wichtiger ist als der Inhalt, sondern diesen ganz bestimmt.

So gesehen ist Blowfly die groteske Zuspitzung der rassistischen Klischees über schwarze Sexualität. Der Dirty Talk war seit den sechziger Jahren Markenzeichen von populären Komödianten wie Redd Foxx oder Rudy Ray Moore.

Letzterer schuf mit "Dolemite" eine Figur, die sogar zum Filmhelden wurde, als in den frühen Siebzigern Afroamerikaner als superpotente Detektive, Dealer oder Zuhälter die sogenannten Blaxploitation-Filme ("Shaft") unsicher machten. Musikalisch untermalt wurde diese Zeit von Soul-Stars wie Isaac Hayes, Curtis Mayfield - oder eben Blowfly.

Superheld der Obszönitäten

Der hat natürlich auch einige Stücke der legendären Soundtracks in seinem Repertoire - und die werden von den Leuten im Cassiopeia nicht zuletzt deshalb wie alte Bekannte bejubelt, weil sie, wie viele alte Soul-Nummern, durch die Samples des HipHop selbst wieder in Umlauf kamen. Blowflys Komik entsteht durch die Fallhöhe zwischen surrealem Sex-Wahn und tiefem Soul-Gefühl.

Während er den Soul-Kanon besudelt, amüsiert er sich zugleich über den dauernden Verdacht, afroamerikanische Musik sei grundsätzlich sozialer Kommentar und Erinnerung der schwarzen Erfahrungen in den USA. Als Kind, erklärt Blowfly oft in Interviews, habe er auf den Baumwollfeldern Floridas die weißen Landbesitzer lukrativ mit seinen Parodien unterhalten.

Auch im Cassiopeia amüsieren sich die wenigen hundert Leute prächtig, auch wenn sie nicht jeden Scherz verstehen, den er in die Nacht schreit. Ganz zum Schluss, die Maske hat er schon abgenommen, ist der alte Mann erschöpft, aber sichtbar glücklich. Gebeugt geht er unter Schulterklopfen durch die Menge ab - ein Superheld der Obszönitäten, Flüche und Sexismen.



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