Superproduzent Don Was Was tun, wenn Keith Richards ausflippt?

Als Produzent betreute Don Was die Rolling Stones und Bob Dylan, jetzt führt er das legendäre, gerade 80 gewordene Jazz-Label Blue Note in die Zukunft. Ein Gespräch über Herausforderungen im Pop und im Studio.

Gabi Porter

SPIEGEL ONLINE: Mr. Was, Sie waren als Musiker erfolgreich und haben als Produzent die Rolling Stones, Bob Dylan, Johnny Cash und viele andere betreut. Seit 2012 sind Sie Präsident der legendären Jazz-Plattenfirma Blue Note. Sie haben keine Angst vor großen Aufgaben, oder?

Don Was: Über Angst denke ich schon öfter mal nach. Letztes Jahr rief mich überraschend der ehemalige Grateful-Dead-Gitarrist Bob Weir an. Der Bassist, mit dem er auf Tournee gehen wollte, war gestorben und hatte zuvor mich als seinen Ersatz empfohlen. Nun ja. Ich war nicht sicher, ob ich mir das zutraute: Ich kenne bei Weitem nicht alle Grateful-Dead-Songs, und Bob improvisiert furchterregend. Ich habe dennoch zugesagt, rund 120 Songs gelernt - und dann waren wir fünf Wochen auf Tour. Warum? Weil ich meine Angst überwinden wollte. Es hat sich gelohnt.

Zur Person
    Don Was, 1952 in Detroit geboren, ist Bassist, Musikproduzent und seit 2012 Präsident des Jazz-Labels Blue Note. 1980 gründete er mit einem Schulfreund die Funkrock-Band Was (Not Was), erfolgreicher war er jedoch im Studio. Was arbeitete mit den größten Rock- und Popstars, darunter Iggy Pop, Bonnie Raitt, Elton John, Roy Orbison, Bob Dylan und immer wieder die Rolling Stones. Zuletzt produzierte er deren Album "Blue And Lonesome" (2016), das einen Grammy gewann. Was selbst gewann in seiner Karriere bereits vier.

SPIEGEL ONLINE: Müssen Sie bei Ihrem Mutterkonzern Universal eigentlich um Erlaubnis fragen, wenn Sie sich als Blue-Note-Chef für fünf Wochen auf Rock'n'Roll-Tournee verabschieden?

Was: Nein, weil ich genau weiß, dass sich in der Firma sogar alle darüber freuen. Viele sind sogar zu den Shows gekommen. Ich erkläre ihnen gerne, warum: Es geht um das Ideal, dass jemand, der eine Plattenfirma leitet, kein Bürohengst ist, sondern aktiver Musiker. Das gilt insbesondere für Blue Note. Es gibt sogar ein Manifest dazu, das die beiden Label-Gründer Alfred Lion und Francis Wolff einmal verfasst haben. Es besagt, dass Künstlern totale künstlerische Freiheit zu gewähren sei. Ohne Einschränkung. Denn nur so könne authentische Musik entstehen. Das ist als Desktop-Hintergrund auf meinem Computerscreen im Büro zu sehen, so dass ich jeden Tag darauf schauen kann und es verinnerliche.

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80 Jahre Blue Note: Don Was und das Jazz-Vermächtnis

SPIEGEL ONLINE: Wir treffen uns in Berlin. Bedeutet es Ihnen etwas, dass Lion und Wolff hier aufgewachsen sind?

Was: Ja, natürlich! Ich bin vorhin zur Gotenstraße 7 gefahren, zum Geburtshaus von Alfred Lion. (Was zieht sein Smartphone aus der Tasche, öffnet eine App) Sehen Sie den Hauseingang auf dem Foto? Da hat Lion gewohnt. Die Tür könnte er noch berührt haben, die ist steinalt. Marlene Dietrich hatte schräg gegenüber eine Wohnung. Irre!

SPIEGEL ONLINE: Sie begehen in diesem Jahr das 80-jährige Jubiläum von Blue Note. Wird zu viel Wirbel um die glorreiche Vergangenheit des Labels gemacht?

Was: Wir haben viele der besten Jazzplatten aller Zeiten im Repertoire, Thelonius Monk, Herbie Hancock, Art Blakey, Eric Dolphy, Cecil Taylor und so weiter. Die haben den Jazz damals weiterentwickelt, jetzt muss es wiederum weitergehen. Ich will deshalb nicht, dass unsere aktuellen Künstler Jazz spielen, der so auch in den Fünfzigern oder Sechzigern hätte veröffentlicht werden können. Junge Musiker sollten wissen, wie die Sechziger klangen, aber sie keinesfalls kopieren wollen. Ich bin mir sicher, die Blue-Note-Gründer würden das ähnlich sehen. Mir ist wichtig, dass Musik, die jetzt entsteht, die Gegenwart abbildet. Ich wünsche mir einen Sound, in dem alles zusammenfließt: Jazz, Hip-Hop, R&B, was auch immer. Das, was Kendrick Lamarr, Kamasi Washington oder Robert Glasper machen, entzieht sich eigentlich jeder Kategorisierung. Klar ist nur, dass es die Musik als solches nach vorne bringt.

SPIEGEL ONLINE: Während Musik-Streaming zum neuen Standard wird, verwenden Sie viel Mühe auf kostspielige audiophile Projekte wie die "Blue Note Review"-Boxen, Luxus-Vinylausgaben, denen Seidentücher, Reinigungsbürsten und Büchlein beigepackt werden. Sind solche exklusiven Spielereien nicht von der Zeit überholt?

Was: Ich betrachte das nicht als elitär. Es werden immer mehr Menschen Musik streamen, aber es werden auch immer genug übrigbleiben, die ihre Freude an herausragend klingenden, edel aufgemachten Tonträgern haben, an Kunstwerken. Die erste "Review"-Box ist lange ausverkauft. Die zweite beinahe. Ich mache mir keine Sorgen.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie einen Plan B?

Was: Ich habe eine kleine Ewigkeit gebraucht, damit überhaupt erstmal Plan A aufging. Ich bin ein klassischer Spätentwickler und war ja bereits Ende Dreißig, als es mit meinem eigenen Musik-Projekt Was (Not Was) langsam losging. Damals legte ich mir das Pseudonym Don Was zu, das mir übrigens bis heute Probleme an Flughäfen bereitet, denn in meinem Pass steht Don Fagenson. Als ich nach Nashville zur Beerdigung von Johnny Cash fliegen wollte, wäre ich fast in L.A. hängengeblieben, weil auf dem Flugticket Don Was stand. Was glauben Sie, wie froh ich bin, dass man meinen Namen googeln kann! Die Sicherheitsleute und ich schauten uns gemeinsam Bilder mit meinem Porträt und dem Namen Don Was an. Dann durfte ich fliegen.

SPIEGEL ONLINE: Sie arbeiten auch als Produzent mit den Größten der Branche. Wie schwierig ist es, Leuten wie Van Morrison oder den Rolling Stones zu sagen, wenn etwas nicht gut genug ist?

Was: Falsche Frage. Es geht nie darum, ob das schwierig sein könnte, es geht nur darum, dass ich ehrlich bin, denn dafür werde ich bezahlt. Natürlich sind wir im Studio nicht ständig alle einer Meinung, ganz im Gegenteil. Aber das gehört zum kreativen Prozess. Ich arbeite allerdings nicht für Künstler, bei denen ich vermute, dass sie mich im Studio immer überstimmen werden. Denn was soll das bringen? Das ist eine Frage von gegenseitigem Respekt. Den erweise ich jedem Musiker und erwarte ihn mir gegenüber ebenfalls.

SPIEGEL ONLINE: Und das funktioniert in der Praxis?

Was: Ich hatte mal richtig Streit mit Keith Richards. Ist egal, worum es genau ging, er flippte jedenfalls völlig aus. Ich entgegnete, dass ich ihm doch nur Vorschläge unterbreite. Es hilft, wenn man taktvoll vorgeht. Ich war mal mit Bob Dylan im Studio, was aufregend genug war, aber dann schneite George Harrison rein, den Bob eingeladen hatte, ein Gitarrensolo zu spielen. Bob quälte George ein bisschen, ließ ihn nicht den ganzen Song hören, sondern sagte: "Spiel halt irgendwas!" George spielte dann tatsächlich drauflos. Bob lauschte - und verkündete dann: "Großartig! Oder was meinst Du, Don?" Ich saß da und war komplett eingeschüchtert. Ich sah George an, dass er sein eigenes Solo furchtbar fand. Und Bob lächelte verschmitzt. Er wollte George ein bisschen verarschen. Aber weil ich für Ehrlichkeit bezahlt werde, sagte ich: "Ja, das war gut, aber ich glaube, es geht noch besser". George sagte erleichtert: "Danke!" Und Bob lachte.


"Blue Note Review 2" (bluenotereview.com)



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Seite 1
cucaracho_enojado 22.05.2019
1. Das Problem ist halt ...
Blues-Musiker 'wachsen' zum Jazz (gesprochen: jats), weil sie hoffen das 'erweiterte Tonspektrum' gäbe 'mehr' 'Ausdrucks-Spektrum'. Die wirklich Guten kehren - dank Altersweißheit? - zurück (5 Noten plus 'ne halbe sind MEHR ALS genug), die anderen unterliegen bis zum Ende der 'Gehirnpolizei' = Mathe+Physik('Tonerzeugung') = istgleichirgendwie... , ... ja, WAS!?
bluesouldiver 22.05.2019
2. @ cucaracho_enojado
Interessanter Anriss! Aber so ganz schlau werde ich nicht aus Ihren Zeilen. Mein 5 cents dazu: Der Blues ist in seinen musikalischen Formen technisch stark limitiert. Hier zählt fast allein die emotionale Darbietung. Der Jazz unterliegt per se gar keinen Limits in jedweder Form, außer dem hörbaren Frequenzspektrum vielleicht. Hier geht (bzw. ging) es um die Überwindung von musikalischen Grenzen. Und ja, es ist richtig, dabei ist die 'Gehirnpolizei' der Gegner, wenn es um das Mitfühlmoment des Gespielten beim Zuhörer geht. Letzten Endes ist das aber komplett "Wurst". (Bzw. "Käse" für Vegetarier, oder "Tofu" für Veganer ;o) Sport am Instrument und wirre Skalenabarbeitungen sind vielleicht im ersten Moment beeindruckend. Aber am Ende zählt vor allem der individuelle Ton der Protagonisten, deren Fähigkeit dem Zuhörer ein tief empfundenes Gefühl herüber zu bringen. Etwas, das auf der Rezipientenseite unwillkürlich Erinnerung und Zustimmung zugleich erzeugt. Wofür manchmal schon eine einzige Note reicht ... Haben Sie das gemeint? In dem Fall hätte ich Sie verstanden :o)!
sekundo 25.05.2019
3. Können Sie diese
Zitat von bluesouldiverInteressanter Anriss! Aber so ganz schlau werde ich nicht aus Ihren Zeilen. Mein 5 cents dazu: Der Blues ist in seinen musikalischen Formen technisch stark limitiert. Hier zählt fast allein die emotionale Darbietung. Der Jazz unterliegt per se gar keinen Limits in jedweder Form, außer dem hörbaren Frequenzspektrum vielleicht. Hier geht (bzw. ging) es um die Überwindung von musikalischen Grenzen. Und ja, es ist richtig, dabei ist die 'Gehirnpolizei' der Gegner, wenn es um das Mitfühlmoment des Gespielten beim Zuhörer geht. Letzten Endes ist das aber komplett "Wurst". (Bzw. "Käse" für Vegetarier, oder "Tofu" für Veganer ;o) Sport am Instrument und wirre Skalenabarbeitungen sind vielleicht im ersten Moment beeindruckend. Aber am Ende zählt vor allem der individuelle Ton der Protagonisten, deren Fähigkeit dem Zuhörer ein tief empfundenes Gefühl herüber zu bringen. Etwas, das auf der Rezipientenseite unwillkürlich Erinnerung und Zustimmung zugleich erzeugt. Wofür manchmal schon eine einzige Note reicht ... Haben Sie das gemeint? In dem Fall hätte ich Sie verstanden :o)!
kühne These präzisieren und konkretisieren?!? Bin gespannt wie ein Flitzebogen, was Sie zum "hörbaren Frequenzspektrum" sagen. Aus meiner langen Erfahrung als Studiomusiker haben sich darum in erster Linie nur die Tonmeister gekümmert!
sekundo 25.05.2019
4. Mit diesem Kommentar
Zitat von cucaracho_enojadoBlues-Musiker 'wachsen' zum Jazz (gesprochen: jats), weil sie hoffen das 'erweiterte Tonspektrum' gäbe 'mehr' 'Ausdrucks-Spektrum'. Die wirklich Guten kehren - dank Altersweißheit? - zurück (5 Noten plus 'ne halbe sind MEHR ALS genug), die anderen unterliegen bis zum Ende der 'Gehirnpolizei' = Mathe+Physik('Tonerzeugung') = istgleichirgendwie... , ... ja, WAS!?
haben Sie sich selbst eine schlecht getarnte Fälle gestellt, in die Sie prompt hineingestolpert sind! Schwurbelei at it´s best!
P.Delalande 25.05.2019
5.
Zitat von sekundokühne These präzisieren und konkretisieren?!? Bin gespannt wie ein Flitzebogen, was Sie zum "hörbaren Frequenzspektrum" sagen. Aus meiner langen Erfahrung als Studiomusiker haben sich darum in erster Linie nur die Tonmeister gekümmert!
Um das hörbare Frequenzspektrum "kümmert" sich das menschliche Gehör, die Toningenieure kümmern sich vor allem um die technische Machbarkeit des Frequenzspektrum und natürlich um den Klang der Aufnahmen.
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