Blues in Deutschland "Man hat ihn, oder man hat ihn nicht"

Wann und wie gelangte der Blues aus Amerika nach Deutschland? Wer hat die ursprünglich schwarze Musik gefördert? Wer hat sie bekämpft? Experten und Liebhaber schreiben in einem neuen Buch über eine zu Unrecht unterschätzte Musik.

Der Filmemacher und Musikkenner Wim Wenders sagt in seinem Beitrag das Wichtigste zum Blues: Ohne ihn wäre die populäre Musik des 20. Jahrhunderts undenkbar, "denn Jazz, Rock, Punk und Rap haben ihre Wurzeln in diesem großen Fund". Absolut richtig! Und genau so stimmt Wender' Statement über die menschliche Gefühlslage gegenüber dieser Musik: "Man hat den Blues, oder man hat ihn nicht."

In Deutschland haben ihn eine ganze Menge. Es gibt hierzulande schätzungsweise 500 Bluesbands; zu rund 70 Festivals strömen Jahr für Jahr Zehntausende von Fans, deren Prototyp in dem Buch so beschrieben wird: "Geschieden, Schnauzer, Jeans und Parka, bodenloser Durst". Den Brand bestätigt der Chef des legendären Berliner "Quasimodo"-Clubs: "Während sich der Jazzfreund ein schönes Plätzchen sucht und genießt, rammelt der Blueser erst mal zum Tresen. Bei Blueskonzerten machen wir bestimmt fünfzig Prozent mehr Getränkeumsatz." Gut fürs Geschäft, aber offenbar nicht unbedingt für die Musik. "Heute", warnt der Sänger und Harmonika-Spieler Udo Wolff, "läuft der Blues Gefahr, zum Amüsiernachfolger eines Micky-Mouse-Jazz in Richtung Sonntagsfrühschoppen zu verharmlosen."

Diese Zitate stehen für Humor und ironische Selbstkritik in "Ich hab' den Blues schon etwas länger", einem Buch mit Beiträgen zur Geschichte und Gegenwart eines Musik-Genres in Deutschland, das von den Medien eher stiefmütterlich behandelt wird. Die Herausgeber Michael Rauhut und Reinhard Lorenz haben illustre Autoren für ihr Projekt gewonnen, darunter Manfred Miller, Klaus Doldinger, den kürzlich verstorbenen Werner Burkhardt, Siegfried Schmidt-Joos, Konrad Heidkamp, Christoph Diekmann und Tom Schroeder. Experten und Liebhaber erzählen, wie der Blues in den zwanziger Jahren zusammen mit dem Jazz nach Deutschland kam, wie er sich nach dem Zweiten Weltkrieg von seinem Untergrund-Dasein emanzipierte und ab 1962 dank der Frankfurter Agentur Lippmann + Rau bei den Konzerten des American Folk Blues Festival vorübergehend ein Massenpublikum fand. Wir erfahren die Lebensgeschichten von Deutschlands Blues-Ladies Joy Fleming und Inga Rumpf. Zeitzeugen schildern Blues-Hochburgen wie Hamburg ("Wo der Mississippi in die Elbe fließt") und erzählen, wie der Blödel- und Bluesbarde Otto Waalkes 1979 plötzlich "im Unterholz des thüringischen Blues" auftauchte und in der Lutherstadt Eisenach mit DDR-Musikern jammte.

Blues in Ost und West, Anekdoten, Analysen, Mutmaßungen über die Zukunft dieser Musik. Und immer wieder Bekenntnisse. "Ich weiß nicht, was aus mir geworden wäre, wenn der Blues nicht im mein Leben getreten wäre", sinniert Wim Wenders, "und wenn man ihn einmal hat, kriegt man ihn nicht wieder los." So tickt der echte Blueser. Doch das mit 231 Fotos und acht Farbtafeln illustrierte Sammelwerk von Rauhut/Lorenz fasziniert auch Zeitgenossen, die sich nur am Rande für den Blues interessieren. Jazzer und Pop-Fans werden Spaß haben und viel lernen.


Buch Michael Rauhut, Reiner Lorenz (Hg.): "Ich hab den Blues schon etwas länger – Spuren einer Musik in Deutschland". Ch. Links Verlag, Berlin; 424 Seiten; 29,90 Euro.