Bob Dylan covert Sinatra Das Sandpapier singt

Bob Dylan singt Frank Sinatra? Kein Witz. Auf "Shadows in the Night" widmet sich der 73-jährige Folk-Knödler zehn Klassikern von Ol' Blue Eyes. Und das klingt besser, als man denkt.
Pop-Ikone Bob Dylan: Ein Klassiker, der sich nach den Klassikern streckt

Pop-Ikone Bob Dylan: Ein Klassiker, der sich nach den Klassikern streckt

Foto: David Vincent/ AP/dpa

Mit Coverversionen hat Bob Dylan noch nie Glück gehabt: Sein Debütalbum, eine Sammlung von Folk-Traditionals mit nur zwei originalen Dylan-Songs, war 1962 alles andere als ein Verkaufsrenner. Die Cover-Compilation "Self Portrait", Dylans 1970 veröffentlichte, erratische Reaktion auf Woodstock, Heldenverklärung und Hippie-Hysterie, wurde zwar beachtet, aber zumeist als Zumutung empfunden und verrissen. Es gilt bis heute als eines der miesesten Alben des Meisters. Und nun also "Shadows in the Night".

Schon vor Wochen begann ein sorgenvolles Raunen um Dylans 36. Studioalbum. Eine Platte mit Sinatra-Coverversionen, wirklich? Um die Vorliebe Dylans für die Klassiker des "Great American Songbook" im Allgemeinen und Sinatra im Speziellen wusste man, weil er begeistert die alten Klassiker in seiner Radiosendung gespielt hat. Und die Augenfarbe teilen Ol' Blue Eyes und Dylan immerhin auch. Aber muss er deswegen die Songs des Gesangstitans covern? Mit dieser Stimme, die David Bowie in seinem "Song for Bob Dylan" einmal als Sand und Leim bezeichnete, "like sand and glue"?

Tatsächlich enthält das Album "Shadows in the Night", das diesen Freitag erscheint, ausschließlich Coverversionen mehr oder weniger bekannter Songbook-Perlen, die Sinatra alle irgendwann einmal gesungen hat. Komponiert wurden sie von damals weitgehend unbekannten, heute hochverehrten Songwritern, unter ihnen Richard Rodgers und Oscar Hammerstein ("Some Enchanted Evening") oder Irving Berlin ("What'll I Do"). Sehnsüchtige Lieder, die neben Sinatra von Stars wie Nat King Cole, Nina Simone oder Billie Holiday gesungen wurden.

Ein "Uncover-Album"?

Die meisten Songs von "Shadows in the Night" stammen aus der zweiten Karrierephase Sinatras Mitte bis Ende der Fünfziger, als der ehemalige Teenie-Star erwachsene Herzschmerz-Alben wie "In the Wee Small Hours" und "Nobody Cares" veröffentlichte. Allein vier der insgesamt zehn Lieder des Dylan-Albums stammen von "Where Are You": "I'm a Fool to Want You", "The Night we Called it a Day", "Where Are You" sowie den Jazz-Standard "Autumn Leaves", ein französisches Chanson, das Johnny Mercer 1949 ins Englische übertragen hatte. All diese Lieder lebten von Sinatras exakter Diktion und den opulenten Orchester-Arrangements, die beispielsweise Gordon Jenkins für "Autumn Leaves" mit schwelgenden Streichern und Bläsern komponierte.

Das Erstaunliche an Dylans Coveralbum: Er dekonstruiert die allseits bekannten Melodien nicht, wie er es mit seinen eigenen Songs gerne auf der Bühne tut, er krächzt nicht mutwillig über sie hinweg, sondern er singt sie. Und er singt sie so schön, dass sich die anfängliche Irritation schnell verflüchtigt. Das "Sandpapier" (Joyce Carol Oates), das in den letzten Jahren altersbedingt sogar noch gröber geworden war, wird plötzlich anschmiegsam und sanft, sanfter sogar als Louis Armstrong, der sich einst weitaus ungelenker als Dylan durch "That Lucky Old Sun" knödelte.

Dylan selbst betrachtet seine liebevollen Coverversionen natürlich nicht als solche. In einem seiner seltenen Interviews , das der bald 74-Jährige standesgemäß der Zeitung des US-Rentnervereins AARP gab, betont er, dass all die Lieder ja über die Jahrzehnte schon genug gecovert worden seien, "tatsächlich wurden sie begraben. Was ich und meine Band im Grunde nun tun, ist, sie wieder auszugraben und zurück ans Licht zu bringen."

Ein "Uncover-Album" also, behutsam und reduziert mit einer fünfköpfigen Band live im Studio aufgenommen. Manchmal hört man sogar das Knarzen der Pedal Steel Guitar, die als Ersatz für die Streichinstrumente dient. "Shadows in the Night" ist eine intime, überraschend gefühlige und sehr ernsthafte Platte geworden. In der Mühe und Akribie, die Dylan aufwendet, um den Songs gerecht zu werden, spürt man die Liebe, die er für diese Musik empfindet. Ein Klassiker, der sich nach den Klassikern streckt.

Mit Sinatra will sich Dylan dabei aber nicht vergleichen: "Sie machen wohl Witze! Allein im selben Atemzug mit ihm genannt zu werden, ist eine hohe Form der Anerkennung", sagte er im Interview. Niemand reiche an ihn heran, "nicht ich, noch irgendjemand sonst".

Dylanologen könnten das kuriose, aber gelungene Werk als sentimentale Fingerübung verbuchen, eine Randnotiz im großen Kanon. Vielleicht fand Dylan, der zuletzt das titanische, zu vielfacher Exegese verführende "Tempest" veröffentlicht hatte und mit zunehmender Vehemenz für den Literaturnobelpreis vorgeschlagen wird, dass es an der Zeit sei, den eigenen Mythos ein wenig auf Normalmaß zu stutzen. So wie damals, nach dem ganzen Gerede von der Stimme seiner Generation, als die Hippiebewegung ihn zum Messias erkor und er stattdessen "Self Portrait" veröffentlichte.

Heute ist Dylan wohl eine noch größere Ikone als damals, wenn nicht längst sakrosankt. Also stellt er sich in den Schatten desjenigen, der auf einem noch höheren Sockel steht. Sinatra also, klar. Anders als Elvis Presley, der dritte im Bunde der großen Pop-Erneuerer, hat der nie einen Song von Dylan gecovert.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.