Neues Dylan-Album Bob der Schlaumeister

Von Homer bis Presley: Die zehn Songs auf Bob Dylans neuem Album "Rough and Rowdy Ways" bieten keine Offenbarung, aber einen hochinteressanten Bekenntnisschatz für alle Bewunderer.
Bob Dylan

Bob Dylan

Foto: CBS Photo Archive/ Getty Images

Drei grandiose Songs, vier annehmbare - und drei ziemlich furchtbare, auf denen man einem Genie beim erbarmungswürdigen Verröcheln zuhört. Das ist nicht schlecht für einen Mann, der am 24. Mai 79 Jahre alt geworden ist. Für einen Künstler, der seine berühmtesten Songs in einem Jahrzehnt herausgebracht hat, das vor sechzig Jahren begann.

"I have outlived my life by far", das eigene Leben sei mehr als gründlich ausgekostet, verkündet ein singendes Ich in einem der Songs des Albums "Rough and Rowdy Ways", das der große Sänger Bob Dylan nun herausbringt. Der von Fans im Netz schon gierig herbeigesehnter Veröffentlichungstag ist auf den 19. Juni, den kommenden Freitag, festgesetzt.

Es gibt tatsächlich künstlerischen Schrott zu hören auf diesem neuen Werk, dem ersten Album mit Dylan'schem Originalmaterial seit acht Jahren. Der Song "Black Rider" zum Beispiel ist eine Art Stoßgebet des Künstlers Dylan zu zart gezupfter Gitarre, in dem sich seine Stimme nicht im mindesten zwischen Krächzen und Jauchzen entscheiden mag. Der titelgebende Reitersmann wird auf so gruselig windschiefe Weise angekumpelt, dass selbst ehrfürchtigen Bewunderern die Ohren schmerzen.

Es gibt auf dem Album aber auch gut gelauntes Bluesgenudel wie den schon vorab veröffentlichten Song "False Prophet". Und es gibt einen herzzerreißenden Tanzflächenschieber, in dem ein paar männliche Engel im Chor "Huhu" ächzen und ein nahezu heiliger Bimbam erklingt, das Lied "I’ve Made Up My Mind To Give Myself To You". Der Sänger selbst bezeichnet seine Brunftbemühungen hier als "Gospel of Love".

Natürlich ist das eigentliche, tolle Ereignis, dass der inzwischen bei seinen Auftritten manchmal etwas wackelig wirkende Dylan offenbar unbekümmert immer weiterbänkelsängert. Seine sogenannte "Never Ending Tour" musste der Barde wegen der Corona-Pandemie nun doch für einige Zeit unterbrechen. Seine Äußerungen außerhalb von Konzertbühnen und Musikstudios hat er auf ein Minimum reduziert. Zuletzt gab er ein längeres Statement ab, als Little Richard starb. Er würdigte den Musiker sehr süß als "das Licht, das mich führte, als ich noch ein kleiner Junge war" und rühmte den verstorbenen Kollegen, er sei "Dynamit als Performer" gewesen.

Bob, die freundlich flackernde Streichholzfunzel

Was seine eigene Arbeit auf dem neuen Album angeht, darf man Bob Dylan vielleicht eher eine freundlich flackernde Streichholzfunzel als Performer nennen. Dafür zeichnet das Werk sich durch den Reichtum an Poesie und schlauen Verweisen aus, der allen Deutungssüchtigen unter den Jüngern Dylans noch viel Freude machen wird.

Bob Dylan bei einem Auftritt in den Sechzigerjahren

Bob Dylan bei einem Auftritt in den Sechzigerjahren

Foto: Gai Terrell/ Redferns/ Getty Images

Der Titel des Albums ist dafür ein schönes Beispiel. "Rough and Rowdy Ways" ist einerseits die nur unwesentliche Verkürzung des Liednamens von "My Rough and Rowdy Ways", einem Gesangs- und Jodelstück, mit dem Jimmie Rodgers im Jahr 1929 Furore machte. Es gibt aber auch eine ebenso betitelte wunderbare Sampler-LP mit, so der Untertitel, "Early American Rural Music" und "Hellraising Songs", auf deren Cover zwei offensichtlich leichtlebige junge Frauen sich mit entblößten Knien und biertrinkend an einem Saloontisch gegenübersitzen.

Der gewitzte Musikarchäologe

So betätigt sich Dylan schon mit der Benennung seines neuen Albums wieder mal als Präparator einer gelehrigen Schnitzeljagd und gewitzter Musikarchäologe. Selbst in seiner 2017 gehaltenen Dankesrede für den Literaturnobelpreis hat er ja von allerhand apokryphen Schätzen aus dem Repertoire des amerikanischen Songbooks berichtet, von denen er viele auch in seiner 100-teiligen Radiosendung "Bob Dylan’s Theme Time Radio Hour" vorgestellt hatte.

Die zehn Songs von "Rough and Rowdy Ways" betreiben, was den Spaß für willige Interpreten noch größer macht, allerdings auch viel Tiefenforschung in eigener Sache. Es findet auf diesem Album ein Namedropping und eifriges Danksagen für frühe Einflüsse satt, in dem manche womöglich die Abschiedsgrüße und goldenen Erinnerungen eines nicht mehr jungen Künstlers erkennen. Martin Luther King wird ebenso gewürdigt wie die Rolling Stones. Der Ermordung John F. Kennedys widmet sich Dylan in der schon vor Wochen vorab veröffentlichten, leider übel leiernden Sprechgesangsnummer "Murder Most Foul". Dem Bluessänger Jimmy Reed wird derart verwegen ein "Goodbye Jimmy Reed" hinterhergeraunzt, als wolle Dylan dem Verblichenen im Himmel beim Donnern helfen. Und auch Elvis Presley, Jack Kerouac und Allen Ginsberg dürfen in elegant vernuschelten Songzeilen herumgeistern.

Der Meister ruft die Musen an

Für mich ist der schönste und überraschendste Song des neuen Albums die Hymne "Mother of Muses". Aus räudiger Kehle und tiefem Herzen betätigt sich der Sänger hier als Meister der klassischen Musenanrufung. Während sich ein mittlerer Dichter wie Peter Handke umständlich damit brüsten muss, dass er "von Homer her" komme, gelingt es dem viel gewanderten Sänger Dylan ganz mühelos, für sich in der Manier der Alten den Beistand der Musen einzufordern. "Put me upright, make me walk straight", bittet der manchmal heute etwas krummbucklige Barde in seinem Gesang an die Schutzgöttinnen der Künste. Unter denen hat es ihm natürlich deren Anführerin Kalliope, die Muse der epischen Dichtung, am meisten angetan.

Fünfeinhalb Jahrzehnte ist es her, dass Bob Dylan in Großbritannien mit einer überdimensionalen Glühbirne in der Hand aus einem Flugzeug stieg und gegenüber einem britischen Reporter behauptete, seine Botschaft an die Welt sei ganz einfach und laute: "Keep your head up and always carry a light bulb", es gelte immer ein Leuchtmittel zur Hand zu haben.

Vor ein paar Tagen hat Dylan einem seiner Höflinge, der ihn für die Zeitung "New York Times" zu seinem neuen Album befragte, verraten, was er der Welt heute mitzuteilen hat: Wir lebten in Zeiten, in denen wir von Finsternis bedroht seien, von "dark news that depresses and horrifies you". Das Album "Rough and Rowdy Ways" bringt nun nicht bloß ein bisschen, sondern eine ganze Menge tröstliches Licht ins Dunkel.