Zum Tode Bobby Womacks Titan in der zweiten Reihe

Er bescherte den Rolling Stones ihren ersten Nummer-eins-Hit und begleitete Elvis Presley auf der Gitarre. Trotzdem blieb Soul-Legende Bobby Womack immer ein Außenseiter - ein Nachruf.
Zum Tode Bobby Womacks: Titan in der zweiten Reihe

Zum Tode Bobby Womacks: Titan in der zweiten Reihe

Foto: Stephen Lovekin/ AFP

Aufzuhören wäre Bobby Womack nie in den Sinn gekommen. Auf seiner Homepage sind noch acht Konzerte für den Juli angekündigt. Dass sein Gesundheitszustand seit einiger Zeit besorgniserregend war, beeindruckte ihn nicht. Im Lauf seiner spektakulären Karriere war der Soul-Titan, den seine Kollegen wegen seiner autoritären, tiefen Stimme "The Preacher" nannten, oft am Boden. Jedes Mal stand er wieder auf, er schien jede Niederlage als Herausforderung zu nehmen.

Interviews für sein finales Album "The Bravest Man In The Universe" absolvierte er vor zwei Jahren noch vom Krankenhausbett aus. Da lag er widerwillig und mürrisch mit Verdacht auf Krebs und stritt mit den behandelnden Ärzten: "Wenn ich hier rausgehe und sterbe, ist das ganz allein meine Angelegenheit, denn es ist mein Leben!", berichtete später ein Reporter des "Guardian".

Bobby Womack war auch im Überleben ein Talent, das musste er früh unter Beweis stellen. Das Viertel, in dem er in Cleveland aufwuchs, war so runtergewirtschaftet, dass es dort nicht einmal Ratten gab, wie er mal zu Protokoll gab. Sein Vater war Stahlarbeiter und predigte in der Freizeit für Baptisten, seine Mutter spielte Orgel in der Kirchengemeinde. Mit gottesfürchtigen Gospel-Songs im Programm trat Bobby Womack bereits als Kind auf, mit seinen vier Brüdern an der Seite und unter der Regie des Vaters.

Empörung über eigene Nummer bei den Rolling Stones

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Bobby Womack: Vom Gospelsänger zur Soullegende

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Bobby war sieben, als Sam Cooke die Womacks bei einem Auftritt hörte und ihnen einen Plattenvertrag anbot. Ihr Vater hatte ihnen eingebläut, dass Pop-Songs das Werk des Teufels seien. Nach anfänglichem Zögern nahmen die Brüder doch an, Bobby Womack entwickelte sich zum ambitionierten Gitarristen und Songschreiber. Als 20-Jähriger schrieb er für die Brüder-Band den Song "It's All Over Now", der sich zum dezenten R&B-Hit entwickelte. Als Sam Cooke ihm mitteilte, dass eine junge britische Band namens The Rolling Stones seine Nummer so toll fände, dass sie eine eigene Version eingespielt hätten, war er empört.

"It's All Over Now" wurde der erste Nummer-eins-Hit für Mick Jagger und seine Gang in England und punktete auch in Hitparaden rund um die Welt. "Für mich fühlte es sich damals an, als ob jemand mein Lied gestohlen hätte", erinnerte sich Womack. Die ersten Tantiemen-Schecks linderten den Schmerz des Autoren gewaltig. "Das änderte alles", räumte er später ein. Kein Wunder, denn allein dieser Song unterstütze ihn finanziell sein Leben lang.

Trotzdem blieb er über weite Strecken seiner Karriere ein Star der zweiten Reihe. Er galt Kollegen und Spezialisten zwar als Titan, kam aber nie wirklich im Rampenlicht an. Dabei raubt einem die Liste der Musiker, mit denen er arbeitete, und der Platten, an denen er beteiligt war, den Atem. Womack trat mit James Brown, Ray Charles, Aretha Franklin, den Rolling Stones und dem jungen Jimi Hendrix auf. Er spielte Gitarre auf Hits von Elvis Presley ("Suspicious Minds"), The Box Tops ("The Letter") und Dusty Springfield ("Son Of A Preacherman"). Er schrieb Songs für Marvin Gaye, Janis Joplin und Wilson Pickett. Auch als Sly Stone sein Meisterwerk "There's A Riot Going On" einspielte, war Bobby Womack dabei.

Ehrfurchtgebietende Stimme, voller Schmerz und Kampfeslust

In den Siebzigerjahren feierte Bobby Womack eine Weile als Solokünstler Erfolge. Seine Alben "Communication" und "Understanding" gelten als Klassiker des Soul. Mit der Musik für den eher obskuren Blaxploitation-Film "Across The 110th Street" landete Bobby Womack seinen größten Treffer. Die Titelmelodie nutzte später noch Quentin Tarantino für "Jackie Brown". Neben seinem Talent als Songschreiber und Gitarrist besaß Bobby Womack auch eine ehrfurchtgebietende Stimme, in der Schmerz und Kampfeslust verschmolzen und die zum Teil den Verdacht nahelegte, er habe gerade einen Sack Glassplitter verschluckt.

Dass Bobby Womack trotz seiner großen Leistungen ein Außenseiter blieb, hatte private Gründe. 1964, nachdem sein Entdecker Sam Cooke erschossen worden war, ließ er nur drei Monate verstreichen, bis er dessen Witwe ehelichte. Der Schritt hatte eine Art Ächtung in der Branche zur Folge. Dabei setzte Womack der Tod seines Mentors so zu, dass er selbst in Depressionen verfiel und in Drogenabstürzen Trost suchte. Eine Sucht, die ihn Jahrzehnte begleiten sollte. Die Beziehung zu Cookes Witwe endete übrigens, nachdem sie Womack mit seiner 18-jährigen Stieftochter im Bett erwischt hatte. Es waren auch solche Aktionen, die seinen Status als unberechenbarer "Bad Boy" zementierten.

Mit seinem "The Poet"-Album gelangen Bobby Womack in den Achtzigerjahren zwar noch Achtungserfolge, danach aber geriet er zunehmend in Vergessenheit. Die Auferstehung in diesem Jahrtausend hatte er seinem Verehrer Damon Albarn zu verdanken. Der Britpop-Tausendsassa lud ihn ein, auf einem Album seiner Band Gorillaz mitzumachen und betreute anschließend Womack's Comeback-Album "The Bravest Man In The Universe", das von Kritikern mit Applaus bedacht wurde und ihn einer jungen Generation nahebrachte.

Nach 45 Jahren als Ausgestoßener der Musikwelt habe Damon Albarn ihn wieder rehabilitiert, verkündete Bobby Womack damals gerührt. Trotz nach den Jahrzehnten des Drogenmissbrauchs lädierter Gesundheit blieb Bobby Womacks Kampfeslust bis zuletzt intakt. Dem "Guardian"-Reporter, der ihn im Krankenhaus besuchte, rief er halbscherzend zum Abschied nach, dass er ihm eine Abreibung verpassen würde, wenn der Text nicht lang genug ausfiele.

Am Freitag ist Bobby Womack im Alter von 70 Jahren gestorben.

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