Boom-Geschäft Popkonzerte "Viele Bands spielen immer noch fast für umsonst"

2. Teil: "In 30 Jahren werden wir uns fragen: Warum waren wir so blöd?"


SPIEGEL ONLINE: Bei jungen, relativ erfolgreichen Bands wie The XX oder Friendly Fires hat man aber den Eindruck: Denen fehlt jede Liveerfahrung. Ihre Labels scheinen sie nach der Aufnahme ihrer Alben sofort auf Tour zu schicken, damit sie das bisschen Geld, was man mit ihnen machen kann, noch einspielen.

Frith: Das sind die Ausläufer des alten Modells - so haben sich Plattenlabels bisher finanziert. In Zukunft werden Bands aber viel häufiger und länger touren müssen, um überhaupt Geld für die Aufnahme eines Albums sammeln zu können. Von zehn Bands verdient wahrscheinlich nur noch eine einzige an den Plattenverkäufen.

SPIEGEL ONLINE: Müssen Künstler künftig spektakulärere Shows bieten, um ein größeres Publikum anzuziehen?

Frith: Nein, Konzerte müssen nicht unbedingt spektakulärer werden. Die Künstler müssen vor allem über Charisma verfügen und Persönlichkeit herüberbringen können, so dass die Leute sie immer und immer wieder sehen wollen, ihren Freunden von den Auftritten erzählen und die Acts durch Mundpropaganda berühmt werden.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben in Ihren Texten oft beschrieben, wie wichtig der Aspekt der Gruppenerfahrung bei Popmusik ist.

Frith: Das ist auch der große Vorteil, den Konzerte gegenüber digitalen Produkten haben und auch nie verlieren werden.

SPIEGEL ONLINE: Wird die Gruppenerfahrung künftig noch wichtiger? Im Internet - in Fanforen oder auf Blogs - finden sich ja Fans aus aller Welt im engsten Austausch zusammen, ohne dass sie persönlichen Kontakt hätten.

Frith: Blogs funktionieren global und Konzerte lokal. Aber das war gewissermaßen schon immer der Fall. Die Beatles zum Beispiel hatten eine globale Fangemeinde, gleichzeitig aber auch spezielle spanische oder italienische Fangruppen. Das war insgesamt eine sehr ausdifferenzierte Bewegung. Allerdings: Wenn man sich Bands wie die Artic Monkeys anschaut, fällt einem auf, dass deren Fans ihnen durch die ganze Welt hinterherreisen. Die schicken ihren Freunden, die nicht mitkommen konnten, Handy-Videos vom Konzert. So verbreitet sich die Live-Aufnahme übers Internet.

SPIEGEL ONLINE: Kann die Live-Erfahrung also doch digital reproduziert werden?

Frith: Nein, nicht vollständig, aber sie kann geteilt werden. Das ist ein bisschen so wie bei den Leuten, die vor der Wembley-Arena stehen und keine Tickets für Take That haben, aber doch etwas von der Musik drinnen mitbekommen. Eine Annäherung an das Konzert - aber eben nicht dasselbe.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben in einem Artikel angemerkt, dass Konzerte stärker reguliert werden als zuvor. Woran machen Sie das fest?

Frith: Vorschriften für Konzerte gab es aus Sicherheits- und Gesundheitsgründen schon immer, der Staat hat sich von jeher stärker in das Aufführen von Musik als in ihre Aufnahme eingemischt. In den nächsten Jahren werden Lärm und Lautstärke aber immer wichtigere Themen werden. Das habe ich in Gesprächen mit Musikern und Veranstaltern festgestellt. Konzerthallen müssen künftig für besseren Schallschutz sorgen - was ein Problem für kleine, finanzschwache Veranstaltungsorte werden wird. Zudem müssen sie für den Schutz ihrer Angestellten vor gesundheitsschädigender Lautstärke sorgen.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben in einem Interview mit der "Sunday Times" zuletzt bestätigt, dass Sie schwerhörig geworden sind.

Frith: Ja, eindeutig die Folge davon, auf zu vielen Konzerten gewesen zu sein.

SPIEGEL ONLINE: Empfehlen Sie Leuten trotzdem, weiter auf Konzerte zu gehen?

Frith: Ich persönlich würde es genauso wieder tun. Letztlich wirft uns das aber auf die Fragen nach Klangqualität und Lautstärke zurück. Die Entwicklung von hochwertigen Ohrstöpseln ist da ein wichtiges Thema. In den nächsten 20 Jahren werden die Leute aus gesundheitlichen Gründen zunehmend darauf bestehen.

SPIEGEL ONLINE: Schwer vorstellbar, dass man etwa bei Konzerten der Metalband Slipknot Ohrstöpsel ausgehändigt bekommt.

Frith: So denken wir jetzt noch. In 30 Jahren werden wir uns aber höchstwahrscheinlich fragen: Warum waren wir damals nur so blöd und haben unser Gehör nicht besser geschützt?

Das Interview führte Hannah Pilarczyk.


Simon Frith wird am Freitag im Rahmen des Symposiums "Life is Live - Musik, Diskurs, Performance" im Berliner HAU einen Vortrag zum Thema "The Value of Live-Music" halten. Karten unter (030) 259004 27.



insgesamt 56 Beiträge
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Seite 1
Hercules Rockefeller, 15.01.2010
1. Wieso noch keine Klage?
Wieso hat eigentlich noch keiner eine Band verklagt, weil er schwerhörig geworden ist, oder eben einen Walkmenhersteller. Muss doch gehen, in Amiland hats ja mit heissem Kaffee auch geklappt. Denn ehrlich gesagt, beim Kaffee weiß man, dass man sich verbrühen wird. Bei Konzerten weiß man das vorher nicht, es kommt auf die Technik und Akkustik an. Auf der anderen Seite, ein Konzert in Zimmerlautstärke ist keines, mit Ohrstöpseln schonmal garnicht. Die werden nicht kommen, dann kann man auch gleich zu Hause am Laptop die Ohrhöhrer reinklemmen.
niklaw 15.01.2010
2. 100 € für CDs im Monat?
Ich wüsste nicht, wann ich mal 100 € oder DM im Monat für Platten oder CDs ausgegeben hätte. Wann soll ich die 5-7 Alben auch hören, wenn ich andauernd neue kaufe? Ich denke 1-2 Alben waren normal. Meiner Meinung nach hat die Musikindustrie gemerkt, dass sie mit Konzerten in kurzer Zeit sehr viel mehr Geld verdienen können als mit CDs. U2 gibt´s nun mal nur einmal, somit können die fast verlangen, was sie wollen. Allerdings finde ich es unverschämt Ticketpreise von 90 € aufwärts zu verlangen, wenn man sowieso schon so reich ist, das man gar nicht mehr weiß wohin mit dem Geld. Und der tolle Bono mit seinem Gutmenschentum, braucht 400 LKW für den Transport der aus den hohen Preisen finanzierten Bühnendekoration. U2 haben mit der letzten Tour mehr als 400 Millionen Dollar umgesetzt. Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen.
Patriot75 15.01.2010
3. Annahmen der These
Zitat von sysopMusik wollen wir am liebsten umsonst, aber für Konzerte ist uns fast jeder Preis recht. Warum eigentlich? Im SPIEGEL-ONLINE-Interview erklärt der britische Musikprofessor und Rock-Kritiker Simon Frith, was hinter dieser Verschiebung steckt - und was sie für die Künstler bedeutet. http://www.spiegel.de/kultur/musik/0,1518,671591,00.html
Interessante These - nur wer hat ein Musikbudget von 100€/Monat ^^.
Ecki Stieg, 15.01.2010
4. Boykottiert Live-Konzerte
Zitat von sysopMusik wollen wir am liebsten umsonst, aber für Konzerte ist uns fast jeder Preis recht. Warum eigentlich? Im SPIEGEL-ONLINE-Interview erklärt der britische Musikprofessor und Rock-Kritiker Simon Frith, was hinter dieser Verschiebung steckt - und was sie für die Künstler bedeutet. http://www.spiegel.de/kultur/musik/0,1518,671591,00.html
Nützlicher Link zum Thema: http://www.grenzwellen.com/gw_redaktion/modules/news/article.php?storyid=305
frubi 15.01.2010
5. .
Zitat von sysopMusik wollen wir am liebsten umsonst, aber für Konzerte ist uns fast jeder Preis recht. Warum eigentlich? Im SPIEGEL-ONLINE-Interview erklärt der britische Musikprofessor und Rock-Kritiker Simon Frith, was hinter dieser Verschiebung steckt - und was sie für die Künstler bedeutet. http://www.spiegel.de/kultur/musik/0,1518,671591,00.html
Im Rap sprach man früher immer so schön von "Studiogangstern". Damit waren Künstler gemeint die nur davon leben ab und an in die Aufnahmekabine zu gehen, dort 10-15 Songs aufzunehmen und damit dann Geld zu verdienen. Das funktioniert einfach nicht mehr.
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