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15. Januar 2010, 11:59 Uhr

Boom-Geschäft Popkonzerte

"Viele Bands spielen immer noch fast für umsonst"

Musik wollen wir am liebsten umsonst, aber für Konzerte ist uns fast jeder Preis recht. Warum eigentlich? Im SPIEGEL-ONLINE-Interview erklärt der britische Musikprofessor und Rockkritiker Simon Frith, was hinter dieser Verschiebung steckt - und was sie für die Künstler bedeutet.

SPIEGEL ONLINE: Konzerttickets sind so teuer wie noch nie: Die derzeit günstigsten Karten für die kommende Deutschlandtour der Rockband U2 kosten zum Beispiel über 90 Euro. Warum sind wir bereit, immer mehr Geld für Konzerte auszugeben?

Frith: Das liegt vor allem daran, dass wir mehr Geld für Konzerte zur Verfügung haben, weil wir kaum noch etwas für CDs oder Schallplatten ausgeben. Von einem gleichbleibenden Musikbudget von hundert Euro im Monat haben Sie sich vor einigen Jahren wahrscheinlich noch hauptsächlich Alben gekauft. Heute geben Sie vielleicht noch zehn Euro für ausgewählte Downloads aus und können so problemlos 90 Euro für ein Konzert ausgeben. Das heißt aber nicht, dass die Leute Konzerte heute als inhärent wertvoller einschätzen. Live-Auftritte haben im Vergleich zu Tonträgern ökonomisch einen anderen Stellenwert erhalten, einfach weil CDs so abgewertet wurden.

SPIEGEL ONLINE: Jenseits der wirtschaftlichen Aufwertung hat sich das Konzert als Live-Erfahrung also nicht verändert?

Frith: Die Live-Erfahrung ist schon immer zentraler Bestandteil des musikalischen Erlebens und des Fantums gewesen. Wer würde schon sagen: "Tolle Band, aber live würde ich die nie sehen wollen"? Man muss den Trend zu unglaublich hohen Ticketpreisen aber auch einordnen: Das betrifft nämlich nur das obere Ende von Künstlern - also U2 oder die Rolling Stones. Viele Bands spielen immer noch fast für umsonst und müssen um jeden Auftritt kämpfen.

SPIEGEL ONLINE: Wann fing es mit den steigenden Ticketpreisen an?

Frith: Das ging schätzungsweise Mitte der neunziger Jahre in den USA los. Damals fingen die CD-Preise an zu sinken. Den Bands brachen daraufhin die Einnahmen weg, und der finanzielle Druck stieg, sich eine neue Geldquelle zu suchen. Später, durch die Digitalisierung, hat sich dieser Trend natürlich drastisch verstärkt. Wobei die Musikindustrie auch von der Digitalisierung profitiert hat: Seitdem man Tickets online bestellen kann, kommt man viel leichter an sie heran. Große Touren können so zentral organisiert werden, was sie viel effizienter macht. Konzertagenturen wie Livenation können insgesamt globaler agieren - was ihren Einfluss enorm gesteigert hat.

SPIEGEL ONLINE: Was bedeutet es für die Künstler, wenn ihre Auftritte und damit ihr persönliches Erscheinen wichtiger werden? Gewinnen sie an Macht?

Frith: Die Künstler, die bereits Macht haben, werden dadurch noch mächtiger. Sie erhalten einen viel größeren Anteil an Einnahmen aus Konzerten als aus Plattenverkäufen - an Verkäufen haben vor allem die Plattenlabels verdient. Ganz neu ist diese Entwicklung aber nicht. Die Rolling Stones verdienen seit wahrscheinlich 20 Jahren mehr an ihren Touren als an ihrem jeweils aktuellen Album. Wenn die touren, kaufen sich die Leute danach höchstens noch den Back-Katalog. Studien haben übrigens ergeben, dass es da eine gewisse Regelmäßigkeit gibt: Nach zehn bis zwölf erfolgreichen Jahren im Geschäft werden Konzerte für die meisten Bands zur wichtigsten Einnahmequelle.

SPIEGEL ONLINE: Profitieren große Acts nur wirtschaftlich - oder verleihen ihnen die Einnahmen auch mehr künstlerische Freiheit?

Frith: Das hängt von der Band ab. U2 verdienen an ihren Touren eindeutig so viel, dass sie es in die Shows reinvestieren und echte Spektakel bieten können - wie auch Madonna oder Britney Spears. Radiohead sind mit dem kommerziellen Erfolg auch experimentierfreudiger geworden.

SPIEGEL ONLINE: Was sind die Folgen für kleinere Bands?

Frith: Sie profitieren von dieser Verschiebung noch nicht. Ihnen fehlt das entsprechende Publikum - sowohl die reine Masse an Menschen als auch der Ruf, das hohe Eintrittsgeld wert zu sein. Neue Bands müssen ihre ersten Touren mittlerweile selbst subventionieren, bis sie sich eine signifikante Fangemeinde erspielt haben. Sie leiden deutlich stärker darunter, dass Plattenfirmen nicht mehr bereit sind, diese Anfangsinvestitionen zu tätigen.

"In 30 Jahren werden wir uns fragen: Warum waren wir so blöd?"

SPIEGEL ONLINE: Bei jungen, relativ erfolgreichen Bands wie The XX oder Friendly Fires hat man aber den Eindruck: Denen fehlt jede Liveerfahrung. Ihre Labels scheinen sie nach der Aufnahme ihrer Alben sofort auf Tour zu schicken, damit sie das bisschen Geld, was man mit ihnen machen kann, noch einspielen.

Frith: Das sind die Ausläufer des alten Modells - so haben sich Plattenlabels bisher finanziert. In Zukunft werden Bands aber viel häufiger und länger touren müssen, um überhaupt Geld für die Aufnahme eines Albums sammeln zu können. Von zehn Bands verdient wahrscheinlich nur noch eine einzige an den Plattenverkäufen.

SPIEGEL ONLINE: Müssen Künstler künftig spektakulärere Shows bieten, um ein größeres Publikum anzuziehen?

Frith: Nein, Konzerte müssen nicht unbedingt spektakulärer werden. Die Künstler müssen vor allem über Charisma verfügen und Persönlichkeit herüberbringen können, so dass die Leute sie immer und immer wieder sehen wollen, ihren Freunden von den Auftritten erzählen und die Acts durch Mundpropaganda berühmt werden.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben in Ihren Texten oft beschrieben, wie wichtig der Aspekt der Gruppenerfahrung bei Popmusik ist.

Frith: Das ist auch der große Vorteil, den Konzerte gegenüber digitalen Produkten haben und auch nie verlieren werden.

SPIEGEL ONLINE: Wird die Gruppenerfahrung künftig noch wichtiger? Im Internet - in Fanforen oder auf Blogs - finden sich ja Fans aus aller Welt im engsten Austausch zusammen, ohne dass sie persönlichen Kontakt hätten.

Frith: Blogs funktionieren global und Konzerte lokal. Aber das war gewissermaßen schon immer der Fall. Die Beatles zum Beispiel hatten eine globale Fangemeinde, gleichzeitig aber auch spezielle spanische oder italienische Fangruppen. Das war insgesamt eine sehr ausdifferenzierte Bewegung. Allerdings: Wenn man sich Bands wie die Artic Monkeys anschaut, fällt einem auf, dass deren Fans ihnen durch die ganze Welt hinterherreisen. Die schicken ihren Freunden, die nicht mitkommen konnten, Handy-Videos vom Konzert. So verbreitet sich die Live-Aufnahme übers Internet.

SPIEGEL ONLINE: Kann die Live-Erfahrung also doch digital reproduziert werden?

Frith: Nein, nicht vollständig, aber sie kann geteilt werden. Das ist ein bisschen so wie bei den Leuten, die vor der Wembley-Arena stehen und keine Tickets für Take That haben, aber doch etwas von der Musik drinnen mitbekommen. Eine Annäherung an das Konzert - aber eben nicht dasselbe.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben in einem Artikel angemerkt, dass Konzerte stärker reguliert werden als zuvor. Woran machen Sie das fest?

Frith: Vorschriften für Konzerte gab es aus Sicherheits- und Gesundheitsgründen schon immer, der Staat hat sich von jeher stärker in das Aufführen von Musik als in ihre Aufnahme eingemischt. In den nächsten Jahren werden Lärm und Lautstärke aber immer wichtigere Themen werden. Das habe ich in Gesprächen mit Musikern und Veranstaltern festgestellt. Konzerthallen müssen künftig für besseren Schallschutz sorgen - was ein Problem für kleine, finanzschwache Veranstaltungsorte werden wird. Zudem müssen sie für den Schutz ihrer Angestellten vor gesundheitsschädigender Lautstärke sorgen.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben in einem Interview mit der "Sunday Times" zuletzt bestätigt, dass Sie schwerhörig geworden sind.

Frith: Ja, eindeutig die Folge davon, auf zu vielen Konzerten gewesen zu sein.

SPIEGEL ONLINE: Empfehlen Sie Leuten trotzdem, weiter auf Konzerte zu gehen?

Frith: Ich persönlich würde es genauso wieder tun. Letztlich wirft uns das aber auf die Fragen nach Klangqualität und Lautstärke zurück. Die Entwicklung von hochwertigen Ohrstöpseln ist da ein wichtiges Thema. In den nächsten 20 Jahren werden die Leute aus gesundheitlichen Gründen zunehmend darauf bestehen.

SPIEGEL ONLINE: Schwer vorstellbar, dass man etwa bei Konzerten der Metalband Slipknot Ohrstöpsel ausgehändigt bekommt.

Frith: So denken wir jetzt noch. In 30 Jahren werden wir uns aber höchstwahrscheinlich fragen: Warum waren wir damals nur so blöd und haben unser Gehör nicht besser geschützt?

Das Interview führte Hannah Pilarczyk.


Simon Frith wird am Freitag im Rahmen des Symposiums "Life is Live - Musik, Diskurs, Performance" im Berliner HAU einen Vortrag zum Thema "The Value of Live-Music" halten. Karten unter (030) 259004 27.

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