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Jazz am Klavier: Weiße Tasten, schwarze Tasten, große Alben

Foto: Michael Wilson

Jazz-Pianisten Der Trend geht zu den Tasten

40 Jahre nach Keith Jarretts "Köln Concert" werden in der Jazz-Szene derzeit mehr Pianisten gefeiert als Saxofonisten oder Trompeter. Namen wie Brad Mehldau, Vijay Iyer und Michael Wollny kennt nicht nur die Jazzwelt.

Es gehört schon Mut dazu, ein Album mit dem Titel "Das reale Klavier - ein Kölner Konzert" herauszubringen. Kenner denken da sofort an Keith Jarretts Auftritt 1975 in Köln, der aufgenommen und als Tonträger fast vier Millionen Mal verkauft und damit die erfolgreichste Klavier-Soloplatte der Geschichte wurde.

Auf jenes "Köln Concert" spielt nun der deutsche Pianist Hans Lüdemann an, der - anders als der US-Star Jarrett - nur wenigen bekannt ist. Dabei gewann der 54-Jährige einen Echo-Jazz und reüssierte auch als Komponist und Hochschullehrer; Lüdemann hat derzeit eine Gastprofessur in Philadelphia. Seine aktuelle Solo-CD wurde als Konzert im Kölner Jazzclub "Loft" aufgenommen. Lüdemann verbindet den akustischen Pianoklang mit elektronischen Klaviersamples. Deshalb steht auf der Platte "Piano & Virtual Piano".

Nur akustische Flügel erklingen auf der 4-CD-/ 8-LP-Box "10 Years Solo Live" von Brad Mehldau. Der Amerikaner improvisiert bei Live-Aufnahmen, die auf Konzerten in Europa mitgeschnitten wurden, über Beatles-Songs, Stücke von Thelonius Monk und Jazz-Standards. Zudem bringt er Kompositionen von Johannes Brahms als Zwischenspiel. In den Liner Notes beschreibt Meldau die während der Konzerte aufkommende "sehr intensive Form der Empathie mit einer Gruppe von völlig fremden Menschen". "Mehldau hat eine reife und reflektive Phase seiner Kunst erreicht", urteilt die "New York Times" über den 45-Jährigen.

Piano Power überrollt Blasinstrumente

Pianisten sind in! Unter dem Titel "Piano Power" schrieb das US-Magazin "Down Beat" 2013, dass Tastenvirtuosen die Bläser als führende Jazzinstrumentalisten verdrängen würden. Derzeit gebe es "mehr Piano-Talente als je zuvor in der Geschichte des Jazz", schrieb das Magazin und nannte Brad Mehldau, Keith Jarrett, Herbie Hancock und Vijay Iyer. Alle sind Publikumsmagneten. Der 44-Jährige Iyer integriert auf seinem aktuellen Album "Break Stuff" Hip-Hop- und Techno-Elemente in sein Piano-Trio mit Bass und Schlagzeug. Diese Musik spricht offenbar jüngere Leute an.

Ein breites Echo und sogar einen Platz in den Pop-Charts findet Michael Wollnys neues Werk "Nachfahrten". "Die Stücke sollen irgendwie verschattet klingen, aber nicht düster oder abgründig", erklärt der 37-Jährige Shooting Star des deutschen Jazz. Im Sommer erzählte Wollny dem KulturSPIEGEL wie er sich auf die Plattenaufnahme einstimmte: "Ich lese Nachtliteratur - querbeet durch die Genres und Jahrhunderte." Er nannte den Horrorroman "Die Vorzüge der Dunkelheit" von Ror Wolf, die fantastischen "Nachtstücke" von E.T.A. Hoffmann, Erzählungen von Edgar Allan Poe und Henry James. Und seinem kleinen Sohn bereite er einen fröhlich-gruseligen Spaß, wenn er ihm mehrmals täglich das interaktive Bilderbuch "Da kommt der Wolf!" vorlese.

Wollnys Kollege Hans Lüdemann wird seine neue CD am Monatsende an jenem Ort vorstellen, an dem Keith Jarrett seinen Welterfolg aufnahm - in der Kölner Oper.

Konzerte:
Hans Lüdemann: 29. 11. Köln
Brad Mehldau: 22. 11. Frankfurt
Michael Wollny: 6. 11. Düsseldorf, 7. 11. Dortmund, 8. 11. Straßburg, 9. 11. Frankfurt, 11. 11. Erlangen, 12. 11. Karlsruhe, 13. 11. Hamburg

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Hans Lüdemann:
Das reale Klavier - ein Kölner Konzert

Budapest Music Center Records (NRW); 14,90 Euro.

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Brad Mehldau:
10 Years Solo Live

Box-Set; Nonesuch (Warner); 34,99 Euro.

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Vijay Iyer:
Break Stuff

Ecm Records (Universal Music); 16,99 Euro.

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Michael Wollny:
Nachtfahrten

Act (Edel) 18,99 Euro.

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