Britneys Comeback Mutter Blamage und ihre Schinder

Die größte Skandalnudel des Musikgeschäfts legt tatsächlich ein neues Album vor. "Blackout" heißt die aktuelle Platte von Britney Spears – und ist so konsequent, dass selbst Pop-Hassern ein Licht aufgehen wird.
Von Daniel Haas

Vergangenes Jahr im November passierte es endlich: Britney Spears und Paris Hilton taten sich zusammen. Es muss wie eine kosmische Katastrophe gewesen sein, zwei Entertainment-Phantome, die sich aus der Allgegenwärtigkeit ihrer medialen Verwertung heraus für ein Treffen materialisierten, das in der Rückschau als Hochamt postmoderner Entselbstung gelten darf.



Die beiden machten sich nach Las Vegas auf, der einzigen Stadt, die wie der "Guardian" unkte, über genügend Potential verfüge, einer derartigen "Invasion" standzuhalten. Die 48-stündige Sauftour endete im Desaster, das heißt mit einem Fest für Fotografen und Medien: Hilton erbrach sich auf der Bühne eines Clubs, während sie versuchte, ihren Song "Stars Are Blind" zu singen. Spears stolperte ohne Hose, nur noch mit Netzstrümpfen und Hemdchen bekleidet, ins Visier der Kameras.

Die Verfallsgeschichte vom netten Cheerleader aus Mississippi zur Fettnapf-Queen mit Gewichts-, Drogen- und Eheproblemen, gehörte da zwar schon längst in den Kanon jener Skandalliteratur, wie sie die Gazetten und Internetforen täglich weiterschreiben. Anders als Hilton jedoch, deren Entgleisungspraxis nie ins Tragische abdriftet, verschob Spears die Borderline des schlechten Geschmacks noch mal ein gutes Stück in Richtung Selbstzerstörung.

Sie trank noch mehr, nahm Drogen, rasierte sich die Haare ab, attackierte ein Paparazzi-Auto mit einem Regenschirm, verlor das Sorgerecht für ihre Kinder und wurde nach ihrem verpatzten Auftritt bei den diesjährigen MTV Awards von der "New York Post" zur "Drogen schluckenden Pop-Schlampe" degradiert. "Was für ein Horror!", sekundierte das Branchenblatt "Entertainment Weekly"; der US-Radiosender Channel 9.5.5 lobte ein Gewinnspiel aus: 1000 Dollar für denjenigen, der den Tag von Britneys Selbstmord errät.

Mutter Blamage und ihre Schinder: Trotz globalem Medienbashing ist die Showbiz-Soldatin Spears nicht totzukriegen; sie hat neben all den Dramen und Desastern immer noch genügend Kraft, ein Album einzuspielen. "Blackout" heißt die Platte, es ist ihre fünfte, und wenn man der Medien-Persona Britney so etwas wie Identität unterstellen will, dann kann man sagen: Sie ist sich treu geblieben.

Von der ersten Single "Baby One More Time" aus dem Jahr 1998 über "In the Zone" bis zum von der Kritik zähneknirschend gelobten Album "Toxic" hat sich Spears als Schwerstarbeiterin des Teenie-Dancepop profiliert. Ihr erstes Vorsprechen absolvierte sie mit acht, mit zwölf moderierte sie gemeinsam mit Justin Timberlake und Christina Aguilera den Disney Club. Mit 16 kam der erste Plattenvertrag, mit 18 verkaufte sie bereits 25 Millionen Alben weltweit. Drei Jahre später kürte sie das "Forbes"-Magazin zum mächtigsten Prominenten des Showgeschäfts.


Wenn das neue Album mit einem hingeraunzten "It's Britney, Bitch!" anhebt und gleich der dritte Song mit Zeilen wie "Ich bin Miss Bad Karma, ein weiterer Tag, ein weiteres Drama" aufwartet, dann kann man das als programmatische Ansage verstehen: Hey, ich bin eine Marke mit Gewinngarantie, die paar White-Trash-Eskapaden verbuche ich unter Imagepflege. Irgendwie logisch: Spears blieb immer die Südstaatentussi, die an einer Supermarktkasse alt geworden wäre, hätte ihr der Showzirkus nicht den Aufstieg ermöglicht.

Klar ist sie ein von Unterhaltungsgeschäft und Popdiskursen zurechtdesigntes Produkt. Ihr Werk ist zweitrangig, sie selber nur eine Puppe der spätkapitalistischen Kulturindustrie. Aber so aufgeregt und abgeklärt, so verrucht oder lasziv-naiv ihre Zurschaustellungen auch waren, sie war doch immer mehrheitsfähig, eben eine von uns: das talentierte Unterschichtskind, das die Eltern mit harter Arbeit aus der Schuldenfalle zog.

"Blackout" klingt entsprechend unverdrossen und fidel. Da wird, unterstützt von modischem Sounddesign irgendwo zwischen Disco, House und R&B, die eigene mediale Zurichtung veralbert ("Piece of Me"), mit dem Ex-Mann abgerechnet ("Why Should I Be Sad") und der eigene Celebrity-Status für die Anmache im Club genutzt ("Freakshow"). Im Video zum Song "Gimme More" bestaunt sich Spears in einer Doppelrolle selbst: einmal blondes Tresengirl, dann schwarzmähnige Strip-Queen im "Cabaret"-Liza-Minelli-Outfit. Schöner lässt sich die Selbstreferentialität des Pop-Geschäfts nicht in Szene setzen.

Lukrativ destruktiv

Die Platte ist also der nachgereichte Soundtrack zur Chaos-Vita: keine Demütigung, die sich nicht ins kommerzielle Kalkül einpassen ließe. Wer in den vergangenen Monaten Subversion witterte und glaubte, die Künstlerin würde dem Markt durch Selbstzerstörung eine wichtige Ressource entziehen, kann jetzt bestaunen, wie sich Selbsterniedrigung in Profit ummünzen lässt.

Natürlich strahlen Stars wie Britney Spears, Robbie Williams und Amy Winehouse Warnsignale aus, was passieren kann in den Verwertungsmühlen des Pop. Gerade dieses Dilemma aber erhöht ihre Attraktivität als Identifikationsmodell. Tief sitzende Ängste der bürgerlichen Mittelschicht werden hier angesprochen: In einer immer rigider von Flexibilitäts- und Effektivitätsgeboten bestimmten Arbeitswelt macht sich gerade der Selbstzerstörer gemein mit der großen Menge, für die das Scheitern zum ständigen Lebensrisiko gehört. Die Berühmtheit mobilisiert stellvertretend das katastrophische Potential der Verhältnisse - und bannt dessen Gefahren ins Bild ihres Verfalls.

Der Titel "Gimme More" klingt da schon fast wie ein sarkastischer Kommentar zur Lage. Gib mir mehr Geld, Erfolg, Liebe - das ist das Credo des sich selbst sabotierenden Narzissten, der nicht genug kriegen kann, auch nicht vom Leid. Gimme more: Das ist aber auch die Prämisse der kapitalistischen Logik, die Stillstand nicht duldet.

Wie hieß es bei Spears so schön: Oops! I Did It Again - ich kann nicht aufhören: Das sagt der Neurotiker, der Süchtige, der Unternehmer. Hit Me Baby One More Time: In einem System, das die zwanghafte Wiederholung zum kulturellen und ökonomischen Strukturprinzip erklärt, haben Paris, Britney und Co. alles andere als ausgespielt.

Ein "Blackout" wird daran nichts ändern. Im Gegenteil.


"Blackout" erscheint am 26. Oktober bei Jive/Sony BMG

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