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Britpop-Pioniere Suede: Rauschhaftes zweites Leben

Foto: Edsel Records

Britpop-Pioniere Suede Rauschhaftes zweites Leben

Sie galten als Wegbereiter des Britpop und becircten die Massen mit Mascara und hymnischen Gitarren, aber an den Erfolg von Blur und Oasis kamen sie nie heran. Nun erinnern Suede auf der Bühne und mit einer neuen CD-Edition ihrer alten Alben daran, warum wir sie nie hätten vergessen dürfen.
Von Jörg Böckem

Eigentlich hatte niemand mehr mit ihnen gerechnet. Suede waren abgemeldet, vergessen, angestaubte Fossilien der Musikgeschichte. Aber im vergangenen Jahr waren sie dann mit einem Mal wieder da, auf der großen Bühne, vom Applaus umtost, wie es sich für die Band um den charismatischen Frontmann Brett Anderson geziemt: Im März 2010 standen Suede zum ersten Mal seit der Trennung 2003 wieder auf der Bühne. Nach zwei Aufwärmauftritten in kleineren Clubs spielte die Band bei einer Benefizveranstaltung für den "Teenage Cancer Trust" in der Royal Albert Hall in London. Das Publikum war außer sich vor Begeisterung. Ein rauschhafter Moment, auch für Mastermind Anderson: "Ich habe in meinem Leben jede Menge Drogen genommen, aber dieser Moment war unvergleichbar", gab er später zu Protokoll. Warum also nicht weitermachen? Zahlreiche umjubelte Autritte, auch auf deutschen Festivals, folgten.

Es hatte rauschhaft begonnen für die Band mit dem exaltierten Sänger Anderson, der für den Mascara-Absatz und das Spiel mit den Geschlechterstereotypen Mitte der Neunziger in Großbritannien und Europa beinahe so wichtig war wie David Bowie in den Siebzigern. Das Musikmagazin "Melody Maker" kürte die Band im typisch britischen Überschwang zur besten Band Großbritanniens, noch bevor das erste Album erschienen war. Der im Glamrock verwurzelte Erstling "Suede" war 1993 das am schnellsten verkaufte Debüt-Album der britischen Geschichte und wurde mit dem Mercury-Preis als bestes Album ausgezeichnet. Musiktheoretiker sahen in Suede die Wegbereiter des Britpop - die Band, die den ungleich größeren Erfolg von Blur und Oasis erst möglich gemacht hatte. Ihr 1996 erschienenes Album "Coming up" kapultierte Suede mit hymnischem Gitarrenpop dann auch an die Spitze der Charts, fünf Top-Ten-Singles inklusive.

Prägnant beschriebener Suizid

Daneben sorgte der Streit Andersons mit seinem kongenialen Songwriter-Partner, dem Gitarristen Bernard Butler, der während der Aufnahmen zu "Dog Man Star" 1994 entnervt das Handtuch warf, ebenso für Schlagzeilen wie seine Beziehung mit der Elastica-Sängerin Justine Frischmann und vor allem seine Drogenexzesse. Nach dem kommerziell und künstlerisch ernüchternden "A New Morning" löste Anderson die Band auf und verabschiedete sich mit den Worten "Wir sehen uns im nächsten Leben" von seinem Publikum.

Willkommen also im nächsten Leben von Suede. Eines, das ebenso unerwartet wie überfällig war. Das beweist die gerade erschienene Deluxe-Edition aller Suede-Alben. Vor allem die großartigen, bezwingenden Stücke der ersten Alben haben nichts von ihrer Kraft und Energie eingebüßt. Neben den digital remasterten Originalalben bieten die Deluxe-Editionen reichhaltiges Bonusmaterial, B-Seiten, Interviews, Demos und Konzertmitschnitte. Einiges davon ist verzichtbar, aber da der Preis kaum über dem einer normalen CD liegt, geht das mehr als in Ordnung.

Allein für ein wunderbares Kleinod wie das Video des Auftritts vom 15.12.1996 im Roundhouse, bei dem Neil Tennant von den Pet Shop Boys im Duett mit Anderson Suedes "Saturday Night" singt und im Anschluss Suede und Tennant den Pet-Shop-Boys-Hit "Rent" covern, lohnt den Kauf der "Coming up"-Deluxe-CD. Rätselhaft allerdings, warum die beiden Stücke, 1997 als B-Seite der "Filmstar"-Maxi-CD erschienen, nur im Live-Video zu hören sind, bei den B-Seiten allerdings fehlen. Dazu gibt es ausführliche Booklets, in dem Anderson den rasanten Aufstieg und auch den musikalischen Suizid mit dem 2002er Album "A New Morning" prägnant beschreibt. Spätestens jetzt wissen wir, dass wir Suede doch mehr vermisst haben, als uns klar war.

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