Bruce Springsteen in Köln Größer als Hollywood

Wenn der Boss tourt, kommen alle auf Touren: die Pop-Connaisseure, die Rock-Rowdies. Beim Kölner Konzert gab Bruce Springsteen mal wieder den Haudegen mit Authentizitätsgarantie. Das war hoch artistisch - und tief berührend.

Von Eric Pfeil, Köln


"Broooooooooooooce". Ein lang gezogenes, dumpfes Rumoren dröhnt durch die Kölnarena. Wüsste man es nicht besser, es klänge wie Buh-Rufe. Sonst ist nicht gerade viel zu spüren von dem, was im Zusammenhang mit Konzerten gemeinhin als "gute Stimmung" bezeichnet wird. Einen vernünftigen Vorfreude-Pegel kriegen die 16.000 Zuschauer - vornehmlich rüstige Rock-Haudegen in ihren Vierzigern und Fünfzigern - in der ausverkauften Kölnarena am Donnerstagabend nicht hin, ab und zu brandet ein zartes Klatschen auf, verläuft sich aber schnell wieder. Stattdessen immer wieder: "Broooooooooooooce".



Das ist - ohne böswillig sein zu wollen - vornehmlich eine Frage des Alters: Solange sich auf der Bühne nichts tut, braucht man sich ja nicht zu verausgaben. Den Tumult jedoch, der um halb neun mit dem plötzlichen Verlöschen des Saallichts ausbricht und der sich in den folgenden zweieinviertel Stunden immer weiter hochschaukeln wird, kann man jemandem, der noch nie bei einem Bruce-Springsteen-Gottesdienst war, nur schwer erklären.

Im Dunkeln betreten Springsteen und die E-Street-Band die Bühne, aus einer hell erleuchteten Jahrmarktorgel im Bühnenhintergrund leiert es. Dann plötzlich Gebrüll: "Guten Abend. Is anybody alive out there?" Flächendeckender Jubel. Das Licht geht an, und die ehemalige Zukunft des Rock'n'Roll führt seine Band in den archaischen neuen Vier-Akkord-Spaß "Radio Nowhere".

Die E-Street-Band sieht aus wie die gealterte Besetzung einer heißgeliebten US-Fernsehfamilie oder wie die nach Ewigkeiten aus dem finsteren Weltall zurückgekehrte Mannschaft eines Raumschiffs. "Ja, es ist feindlich da draußen", scheinen sie uns zu sagen, "aber wenn wir uns auf ein paar Grundwerte besinnen, kriegen wir die Sache schon zusammen hin." Einer dieser Grundwerte fängt übrigens an mit: "One-two-three-four".

Es folgt das hysterische "The Ties That Bind", wie alle übrigen Songs von Springsteen rituell eingezählt. Längst hat sich die Köln-Arena in ein amerikanisches Baseball-Stadion verwandelt: Alles singt aus vollem Hals, tanzt oder klatscht mit, Transparente mit Aufschriften wie "I Want Kitty Back For Christmas" oder "Rosie, Come Out Tonight" werden geschwenkt.

Einheit statt Einheitsbrei

Springsteen ist ganz in seinem Element: Wie angeschossen torkelt er über die Bühne, streckt das markige Kinn vor, grinst breit, brüllt unhörbare alrights vor sich hin, feuert die Ränge an, wirft seinem Roadie die Gitarren über mehrere Meter zu und singt bis zur Aderschwellung. Alles sieht nach riesigem Spaß und harter Arbeit aus - eine Gleichzeitigkeit, die es so nur bei ihm gibt.


Auch seine Band glänzt mit den bewährten Charaktertypen: Max Weinberg, Typ strenger Sportlehrer, scheint mit Übergröße-Stöcken auf ein Zwergenschlagzeug einzudreschen. Steven Van Zandt gemahnt beim herrlich mürrischen Backgroundgesang in Springsteens Mikro an seine "Sopranos"-Rolle Silvio Dante beim Schutzgeldeintreiben. Wenn er zwischendurch ins Publikum lacht, geht die Sonne auf. Und Clarence Clemons trötet sich hier ein paar derart rustikale Parts zusammen, dass man geneigt ist, die Vereinigung gegen klischiertes Saxofon-Getute anzurufen.

Doch das ist die große Qualität der E-Street-Band: So rumpelnd die Musiker einzeln spielen - als Einheit sind sie unschlagbar. Wie sich Saxofon, zwei Tasteninstrumente und bis zu vier Gitarren umschlingen und verstärken, das macht dieser Band keiner nach. Außerdem: Wer möchte schon dem Hünen Clarence Clemons eine Beule ins Gebläse fahren? "One-two-three-four". Kaum hat man sich erholt, kommt der nächste Song.

Weniger ist mehr

Springsteen spricht nur selten: Von Wahrheiten, die zur Lüge verdreht würden, erzählt er, bevor das andeutungsreiche "Magic", in dem die Leichname an den Bäumen hängen, angestimmt wird. Vor "Living In The Future" geißelt er den Verfall amerikanischer Werte. Aber: "The E-Street-Band is gonna do something about it".

Die Ansagen sind so einstudiert wie die Songs. Doch genau hierin liegt Springsteens Genie. Das ist es, was man entweder an ihm liebt oder hasst: Springsteen steht für eine Rock'n'Roll-Naivität, die weder vor ihm noch nach ihm als derart wuchtiges Showbiz inszeniert wurde. Showbiz, das die vermeintliche Authentizität so perfekt inszeniert, dass sie anrührend wirkt. In Hollywood geht man ähnlich vor.

Und so wächst sich das Konzert denn auch zum stellenweise ergreifenden Fest aus: "Because The Night", "Dancing In The Dark", "Born To Run", "The River" oder das rührende neue "I'll Work For Your Love" (in dem er fast selbstironisch den Arbeiter der Liebe gibt) werden entrückt mitgesungen.

Ganz am Schluss spielt Springsteen noch "Santa Claus Is Coming To Town" und trägt eine Weihnachtsmannmütze. Auch Wolfgang Niedecken steht seltsam unvermeidlich auf der Bühne herum, kann aber hier nichts mehr verderben. "Merry Christmas from the E-Street-Band!", brüllt Springsteen, während die Musiker Plektren und Drumsticks verteilen. Danach schlendern sie plaudernd von der Bühne.



© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.