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Bruce Springsteen: Der Rock-Prolet? Eine Kunstfigur!

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Neues Album von Bruce Springsteen Kein Protest, nirgends

Wer wissen will, wie es Amerika geht, hört Alben von Bruce Springsteen. Auf "Western Stars" schwelgt nun ein "Boss" in Zeiten, als Amerika angeblich noch "great" war. Erinnert Sie das an was?

Bruce Springsteen gibt es nicht.

Natürlich findet man im Plattenladen oder bei Spotify einen Künstler dieses Namens. In Stadien kann man ihn erleben, wie er in engem Holzfällerhemd über die Bühne berserkert. Es gibt Alben wie "Born To Run" oder "Born In The U.S.A.", die wie turmhohe Wegweiser in den Musiklandschaften der Siebziger- beziehungsweise Achtzigerjahre herumstehen. Es gibt die Hits, den Mann, den Mythos.

Und doch war es Bruce Springsteen, der bei einem Gastspiel auf dem Broadway neulich selbst erklärte, dass es Bruce Springsteen nicht gibt.

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Bruce Springsteen: Der Rock-Prolet? Eine Kunstfigur!

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Die Vorstellung des "hart arbeitenden" Typen mit der breiten Brust und den abgewetzten Jeans, die hochgekrempelten Ärmel, der zur Schau getragene Ethos des "ehrlichen Arbeiters" - alles erfunden, eine Kunstfigur wie Ziggy Stardust. Springsteen hat sich das Proletarische anverwandelt und ihm seine größten Hymnen geschrieben, ohne in seinem Leben auch nur für einen Tag wirklich geschuftet zu haben. Springsteen und seine Frau Patti Scialfa leben auf einem Gestüt für Turnierpferde, eines davon scheut idyllisch auf dem Cover von "Western Stars".

Und doch hat Bruce Springsteen den Ruf eines einfühlsamen Chronisten der Befindlichkeiten der weißen USA, von Vietnam über Reagan bis zu 9/11. Musikalisch steht er da in einer Tradition von Woody Guthrie über Bob Dylan bis zu Pete Seeger, literarisch zwischen John Steinbeck und Raymond Carver. Wer wissen will, wie es dem Land so geht, der kann Fox News schauen, den Nasdaq verfolgen - oder das jeweils neue Album von Bruce Springsteen hören.

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Was umso mehr für "Western Stars" gilt, sein erstes reguläres Lebenszeichen seit Donald Trump. Während Trump den Archetyp des "Boss" personifiziert ("You're fired!"), wird Springsteen von seinen Fans nur respektvoll "Boss" genannt, als wäre er, der Kumpeltyp von nebenan, in einer besseren Welt der ideelle und ideale Boss. Gleichwohl machen beide, Trump wie Springsteen, ihren nicht nur wahlverwandten, sondern bisweilen auch identischen Anhängerschaften etwas vor. Der eine liefert seinen Trost als Politik, der andere als Kunst.

Kalifornien statt New Jersey

Wie also klingt der Kommentar des Bruce Springsteen zu Donald Trump? Leise. Leise genug, damit das Dilemma hörbar wird. Keine pumpenden Widerstandshymnen, aber auch keine trotzigen Skizzen aus der Welt der "working class". Schon musikalisch ist "Western Stars" eine Übung in Reduktion. Gezupfte Gitarren, Dobro, ein paar Bläser und viele, viele Streicher, die auf die richtige Fährte verweisen. Nicht im Folk und nicht im Rock, in der gebremsten Opulenz des West-Coast-Sounds der Sechziger nimmt Springsteen seine Zuflucht. Die Songs baden in der Sonne von Kalifornien, statt im Smog von New Jersey zu husten. Manchmal mogelt sich der Staub des Rodeos hinein, der Country.

Das erinnert mal an den sehr frühen Tom Waits, mehr noch an Burt Bacharach und Harry Nilsson - und nie an die E-Street Band. Hier erprobt der Boss den Stil einer Zeit, als Amerika angeblich noch "great" war und das hoffnungsfrohe Reisen per Anhalter ("Hitch Hiking") noch nicht auf dem Beifahrersitz eines Serienkillers endete. Es sind aber auch Geschichten, in denen sich private Hoffnungen und Nöte spiegeln. Kein Protest, nirgends.

Tiefe Gelassenheit in Klang und Wort

In "Tuscon Train" wartet ein Kranführer auf eine Verflossene, mit der er sich damals über "nothing" gestritten hat, "till nothing remained". In "Drive Fast (The Stuntman)" schlägt er eine ähnlich elegische Note an: "I got two pins in my ankle and a busted collarbone/ A steel rod in my leg, but it walks me home". Es ist alles kaputt, geht aber noch irgendwie.

Das Titelstück ist der innere Monolog eines abgehalfterten Schauspielers, der mal mit dem "späten" John Wayne gedreht hat, inzwischen in Spots für Viagra mitspielt und sich langsam zu Tode trinkt. Hin und wieder schnürt ein Kojote vorbei, "with someone's Chihuaua in its teeth". Das Bedrohliche streicht durch die Dämmerung, ist nie ganz weg.

Bei Trump wie Springsteen zeigen sich die "besseren Zeiten" nur im Rückspiegel. Während aber Trump den Rückwärtsgang einlegt, lassen die geschundenen Helden des Bruce Springsteen das Verflossene verfließen, während sie langsam in die Nacht gleiten.

Und so ist gerade das Gediegene von "Western Stars" seine größte Stärke, die tiefe Gelassenheit in Klang und Wort und harmonischer Routine. Wer das Spröde vermisst und bisweilen eine gewisse Überzuckerung beklagt, sei auf das kommende Album mit der E-Street Band vertröstet - wie überhaupt das ganze Album ein eleganter Trostspender ist.