K-Pop-Superstars BTS Die Band, die Millennials glücklich macht

Ihre Umsätze machen 0,3 Prozent des südkoreanischen Bruttoinlandsprodukts aus: Die Boygroup BTS wird von Millionen Fans verehrt. Jetzt erscheint ihr neues Album - wie lässt sich der Erfolg erklären?
Aus Seoul berichtet Katharina Graça Peters
BTS 2019 bei den Billboard Music Awards in Las Vegas

BTS 2019 bei den Billboard Music Awards in Las Vegas

Foto: Jeff Kravitz/ FilmMagic/ Getty Images

Wie hingebungsvoll die Fans der koreanischen Boygroup BTS ihre Idole verehren, beweisen sie an diesem Sonntagnachmittag: Bandmitglied J-Hope wird in wenigen Tagen 26 Jahre alt und sie haben ein Café mit Ballons und Glitzervorhang dekoriert. Weil sie finden, dass er aussieht wie ein süßes Eichhörnchen, haben sie Nüsse neben Fotos von ihm gelegt. Draußen zieht ein eisiger Wind durch die Straßen von Südkoreas Hauptstadt Seoul, drinnen aber empfängt einen die warme, seifenblasenfarbene Welt von BTS.

Auch Shin Seung-min ist hier, 21 Jahre alt, seit vier Jahren Fan von BTS. Sie hat sich einen Rosy Latte bestellt, einen Milchkaffee mit Rosensirup, den die Band in einer Netz-Show mal selbst kreiert hat. Sie schaut sich nach einem Platz um. Vor allem junge Frauen sitzen an den Tischen, und das spiegelt ganz gut, wie sich die Anhängerschaft von BTS zusammensetzt. Wobei: Die Band nur als das nächste Teenie-Phänomen zu verstehen, würde ihr nicht gerecht.

Wie wenige andere haben sie koreanische Popmusik - kurz K-Pop - in die Welt getragen. Für Laien: K-Pop vereint Elemente von Musikstilen wie Hip-Hop, Electronic Dance Music und R&B. Die Künstler tauchen in einem Lied in ein Genre ein, im nächsten Song in ein anderes. Zusammen mit perfekt getanzten Choreografien und aufwendig produzierten Musikvideos wird K-Pop zu einer Art multimedialer Kunstform, die BTS perfektioniert haben. Ihre Popularität bringt pro Jahr Hunderttausende Fans nach Südkorea und lässt die Firmen des Landes Millionen US-Dollar umsetzen.

BTS ist auch gelungen, wovon andere Musiker träumen: der Durchbruch in den USA. In weniger als einem Jahr schafften sie es mit drei Alben auf Platz 1 der amerikanischen Billboard-Charts. Am Freitag erschien ihr neues Album "Map of the Soul: 7", laut ihrer Agentur sind vier Millionen Vorbestellungen eingegangen. Das Video zur ersten ausgekoppelten Single "Black Swan" wurde bei YouTube 30 Millionen Mal angeklickt.

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Doch wie ist sieben jungen Männern ein weltumspannender Erfolg gelungen - die vor allem auf Koreanisch singen? Nur einige Zeilen und Worte auf Englisch streuen sie in ihre Lieder ein. "Vielleicht, weil sie einfach so gut aussehen?", sagt die koreanische BTS-Anhängerin Shin, die selbst aus Seoul stammt. Sie lacht dabei. Für sie ist BTS nicht irgendeine Band. Sie ist Teil ihres täglichen Lebens: Wenn sie früh morgens aufstehen muss, motivieren sie sie. Wenn sie sich nicht gut fühlt, spenden sie Trost. Bevor sie Sekretärin wurde, hat sie einige Monate in einem Café gejobbt, weil dort mal ein BTS-Mitglied einen Kaffee bestellt hat. Es kamen dann viele K-Pop-Stars. Aber von BTS war keiner dabei.

"Eine Geschichte zu erzählen und sie gut zu vermitteln, ist das Wichtigste bei K-Pop."

Agenturchef Nam Ann-wo

"Was sie schreiben und singen, klingt sehr poetisch. Das berührt mich", sagt Shin. In ihr Tagebuch schreibt sie Botschaften von Bandleader RM: "Ich glaube an mich und werde es einfach tun. Ich muss nicht - ich mache es einfach."

In ihren Liedern besingen BTS nicht nur die erste Liebe, sondern auch wie man lernt, sich selbst zu lieben. Sie prangern den Druck von Eltern und die Ansprüche der Gesellschaft an. "Love Yourself", heißt eine ihrer Albumserien, und das war auch die Botschaft ihrer Rede vor der Uno-Vollversammlung 2018. Da sagte Bandleader RM: "Egal, wer du bist, woher du kommst, was deine Hautfarbe oder Geschlechtsidentität ist, sprich für dich, finde deinen Namen und finde deine Stimme, indem du selbst sprichst."

"Ihre Songs haben eine intensive Bedeutung, und sie sind perfekt für Millennials", sagt Tamar Herman, die für das amerikanische "Billboard"-Magazin über K-Pop schreibt. "Sie vertiefen Themen, die für sie als Künstler und für ihre Zuhörer relevant sind, für Menschen jeden Alters auf der ganzen Welt."

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BTS und ihre Fans

Foto: Scott Roth/ Invision/ AP

"Als BTS anfingen, fragte ich mich, warum sie nicht einfach gute Musik machen, sondern immer viel über ihre Botschaft sprechen müssen. Aber tatsächlich haben sie damit ihre Fans an sich gebunden", sagt Nam Ann-wo, Chef der Firma Blockberry, deren eigene zwölfköpfige Girlgroup Loona mit einer ausgefeilten Marketingstrategie gerade die Spitze der iTunes Album Charts in 56 Ländern erobert hat. Loona appellieren an weibliches Selbstbewusstsein. Agenturchef Nam sagt: "Es ist nicht übertrieben, zu sagen: Eine Geschichte zu erzählen und sie gut zu vermitteln, ist das Wichtigste bei K-Pop."

Den oft geäußerten Vorwurf an K-Pop, wenige große Firmen würden austauschbare junge Leute in künstlich zusammengesetzte und gedrillte Bands stecken, lassen BTS-Fans nicht gelten. Die Mitglieder der Band schreiben und arrangieren viele ihrer Songs mit, aber auch BTS wurden gecastet. Ursprünglich wollte der südkoreanische Musikmogul Bang Si-hyuk eine Hip-Hop-Gruppe formieren, Bandleader RM etwa stammte aus der Rapszene.

Eine Band, gemacht für das Internet

Doch dann entschied Bang, so erklärte er es in einem "Time"-Interview, sich doch für den Weg in den radiotauglichen Mainstream. Aus der Trainingsakademie seiner Firma Big Hit Entertainment wählte er weitere Mitglieder aus, bis sieben jungen Männer zusammenpassten.

2013 starteten sie als BTS, was für "Bangtan Sonyeondan" steht, auf Deutsch: "kugelsichere Pfadfinder". Alle Mitglieder sind heute 22 bis 27 Jahre alt, neben Bandleader RM und Geburtstagskind J-Hope gehören zur Band auch Suga, Jin, Jungkook, V und Jimin.

Die Fans können genau sagen, wer nachts schnarcht und wer mit den Zähnen knirscht. Wer besonders witzig ist und wer welche Blutgruppe hat. Sie fühlen sich ihnen nahe, weil sie ihnen dank digitaler Medien auch nahekommen können - BTS ist eine Band, gemacht für das Internet.

Den Rosy Latte, den die Koreanerin Shin Seung-min trinkt, haben sie in ihrer Show "Run, BTS" erfunden, als sie in dem Café gedreht haben, in dem jetzt die Ballons hängen. Wöchentlich veröffentlichen BTS eine Folge bei der südkoreanischen Live-Streaming-Plattform V-Live. Gefilmt wird die Band nicht nur im Studio, sondern beim Spielen von Gesellschaftsspielen, beim Karaokesingen oder Kochen. BTS kommunizieren außerdem über Twitter (wo sie 24 Millionen Follower haben) und über Weverse, einer App ihrer Agentur: Dort können sich Fans austauschen, und manchmal kommentieren die Bandmitglieder deren Posts.

Vergangenes Jahr waren BTS auf Welttournee, und in diesem Jahr startet die nächste. Als sie im Juni 2019 im Wembley Stadion in London auftreten wollten, war das Konzert innerhalb von weniger als zwei Stunden ausverkauft, ein zweites für weitere 60.000 Fans wurde angesetzt.

Als BTS wenige Wochen später in Seoul auftraten, wurden die Wahrzeichen der Stadt zu ihren Ehren lila angeleuchtet. Konzerte und Fantreffen generierten laut einer südkoreanischen Studie damals 424 Millionen US-Dollar. Die Band wirbt unter anderem für Turnschuhe, Cremes und Schmuck. Es gibt BTS-Barbiepuppen und eine eigene Kuscheltierkollektion. BTS-Konzerte, -Alben und -Merchandise generieren so viel Umsatz, dass sie 0y3 Prozent des südkoreanischen Bruttoinlandsproduktes ausmachen.

Das Geschäft läuft gut für BTS. Doch die K-Pop-Industrie insgesamt wurde vergangenes Jahr von mehreren Skandalen erschüttert, es ging um illegal aufgenommene Sexvideos und Ausbeutung; zwei Männer wurden wegen Vergewaltigung zu Haftstrafen verurteilt. Weit über die Branche hinaus erschütterten die Selbstmorde dreier Künstler. Zwei von ihnen waren Frauen, die seit Jahren unter psychischen Problemen und offenbar Depressionen litten. Im Netz wurden sie mit Hasskommentaren überschüttet. Seither haben immer mehr Stars eine Auszeit angekündigt.

BTS verordneten sich vergangenen Sommer ebenfalls eine fünfwöchige Pause, auch wenn sie betonen, es sei ein Urlaub gewesen. "Ich bin nur ein junger Mann, der gern 'Stranger Things' bei Netflix schaut und Essen und Biertrinken liebt", sagte RM dazu zum "Hollywood Reporter". Und weiter: "Aber wenn ich CNN und BBC anschalte, berichten die über unseren Urlaub. Das fühlt sich an wie zwei verschiedene Welten."

Hinweis der Redaktion: Wir haben die Altersangaben der Bandmitglieder korrigiert.

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