Built To Spill Unkonventionelle Retter des Indie-Rocks

Doug Martsch interessiert sich eher für Basketball und Videospiele als für Musik. Seine Songs handeln zumeist von gar nichts. Trotzdem - oder gerade deshalb - gehören er und seine Band Built To Spill zu den derzeit beliebtesten Protagonisten der alternativen Rock-Szene.

Von Jan Wigger


Built To Spill, Sänger Martsch (M.): "Ich höre eigentlich nicht viel Musik"

Built To Spill, Sänger Martsch (M.): "Ich höre eigentlich nicht viel Musik"

Ein Interview von Angesicht zu Angesicht ist Utopie. Mit Doug Martsch, Kopf und Sänger von Built To Spill, kann man höchstens telefonieren. Am Apparat fragt man sich dann recht schnell, warum der passionierte Bartträger während des Gesprächs ächzt und keucht. Die Lösung ist simpel: Martsch trägt ein Headset und spielt während der Befragung im Garten seines Anwesens in Boise, Idaho, Basketball, wirft ein paar Körbe. Genauso gut könnte er Unkraut jäten. "Tja, Mann, es gibt doch nichts Schöneres, als bei diesem herrlichen Wetter auf der Veranda zu sitzen oder sich ein bisschen sportlich zu betätigen. Das ist einer der Gründe, warum ich mein Zuhause so ungern verlasse. Auch bricht es mir förmlich das Herz, wenn ich meine Familie länger als eine Woche nicht sehen kann. Mit der neuen Platte wird es jedenfalls keine Europa-Tour geben."

Etwas anderes hätte auch niemand erwartet. Ebenso hat kaum jemand ernsthaft bezweifelt, dass auch die jüngste Built-To-Spill-Veröffentlichung "Ancient Melodies Of The Future" wieder großartigen Gitarren-Rock amerikanischer Prägung bieten würde. Spätestens seit dem zweiten Album "There's Nothing Wrong With Love" (1994) lieben Fans und Kritiker Martsch als unkonventionellen Erretter des Indie-Rocks. "Perfect From Now On" brachte dem Mann mit der hohen Stimme, dessen Gitarren-Kaskaden irgendwo zwischen Hendrix, Crazy Horse und Sonic Youth oszillieren, gar den Ruf ein, progressiven Rock zu spielen.

Die zehn neuen Stücke sind jedoch kurz und kompakt gehalten. Natürlich handeln die Songs wieder einmal von nichts Bestimmtem. Eigentlich handeln sie von gar nichts: "Ich habe keine Probleme, die ich in meinen Songs verarbeiten muss", sagt Martsch, "die Wörter, die ich singe und auch die Titel der Stücke klingen einfach gut oder witzig. Und den Albumtitel hat sich diesmal wieder meine Frau ausgedacht, die damals auch auf den Bandnamen Built To Spill kam. Gefiel mir gut." Einzig die sentimentale Schlussnummer "The Weather" hat einen Sinn, sie ist ein Liebeslied für seine Angetraute.

Der sanftmütige Vegetarier Martsch gehört zweifellos zu den seltsamsten Erscheinungen der amerikanischen Rockszene. Ein Vorbild in Sachen Selbstgenügsamkeit, konzediert er freimütig, dass er selbst keine Ahnung hat, was ihn und seine Mitstreiter Brett Nelson (Bass) und Scott Plouf (Schlagzeug) überhaupt beeinflusst. "Weißt Du, ich höre eigentlich nicht viel Musik. Von den neueren Sachen liebe ich Modest Mouse und (die befreundete Band) Caustic Resin. Ansonsten ist es eher ältere Musik, die mich unter Umständen inspiriert. Filme und Bücher? Hm, nö."

Für die einsame Insel wählt der Eigenbrötler immerhin den gesamten Backkatalog von Velvet Underground, Curtis Mayfield und den Beatles. Aber nun, sagt er ins Telefon, möchte er aber doch lieber zurück ins Haus gehen. Erst gestern hat der 32-jährige einen Sega-Dreamcast nebst ein paar Spielen erworben. "Ein super Basketball-Spiel war auch dabei. Wenn das Wetter draußen schlecht ist, sitze ich eben vor dem Fernseher und spiele dort."

Built To Spill: "Ancient Melodies Of The Future" (WEA/Warner Bros.), veröffentlicht am 16. Juli 2001



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