Musik-Sampling vor dem Bundesverfassungsgericht Wenn der Rechtsanwalt mit dem Rapper im Studio sitzt

Dürfen Musiker kurze Fetzen aus fremden Liedern übernehmen, ohne um Erlaubnis zu fragen? Darum streiten Kraftwerk und Rap-Produzent Moses Pelham seit Jahren durch alle Instanzen. Nun trafen sie sich vor dem Bundesverfassungsgericht.
Moses Pelham im Bundesverfassungsgericht: "Das gehört da hin"

Moses Pelham im Bundesverfassungsgericht: "Das gehört da hin"

Foto: Uli Deck/ dpa

Es geht nur um eine Rhythmussequenz von gerade mal zwei Sekunden, doch um diesen dumpf-metallischen Beat wird seit mehr als zehn Jahren vor Gericht gestritten: Auf der einen Seite stehen die Musikpioniere der Band Kraftwerk, die diese Klangfolge 1977 als durchlaufenden Rhythmus in ihrem Stück "Metall auf Metall" veröffentlichten, auf der anderen der Hip-Hop-Produzent Moses Pelham mit seiner Sängerin Sabrina Setlur, deren Titel "Nur mir" Pelham die Kraftwerk-Sequenz ebenfalls als sogenannten Loop zugrunde legte.

In dem Streit geht es um Grundsätzliches: Dürfen Musiker Tonfetzen aus einem anderem Song auch ohne Zustimmung desjenigen nutzen, der sie ursprünglich geschrieben hat? Diese Frage ist zentral für das sogenannte Sampling, also die Technik, Teile bereits fertiger Lieder für neue Stücke zu verwenden.

Bereits zweimal hat der Streit den kompletten Instanzenzug - Landgericht, Oberlandesgericht, Bundesgerichtshof - durchlaufen.

Jetzt verhandelte darüber das Bundesverfassungsgericht auf Klage von Pelham und Co. Schon optisch hätten die Kontrahenten gegensätzlicher kaum sein können: Hier der massige Produzent Pelham, mit Vollbart, dicker Hornbrille, glänzender Glatze und im maßgeschneiderten schwarzen Anzug. Dort der schmächtige Ralf Hütter von Kraftwerk, ganz Retro, mit extra langem Jackett und strengem Seitenscheitel.

"Das siebte Gebot: Du sollst nicht stehlen"

Hütter zeigte sich empört über Pelhams Selbstbedienung: Vor fast 40 Jahren, ohne die heutige digitale Technik, sondern experimentell und mit einfachen Tonbändern, hätten er und seine Kollegen, damals noch als Studenten, "mit unserer gesamten Energie" diese "Klangkomposition" geschaffen. Als er dann zwanzig Jahre später auf MTV die "eigene Musik" hören musste, in einem ganz anderen Titel, hätte ihn das "schon betroffen gemacht", sagte Hütter. Denn: "Es gibt das siebte Gebot - Du sollst nicht stehlen".

Für Pelham dagegen gehört es zur "Kunst", dass man sich "mit anderer Kunst auseinandersetzt" - erst recht beim Hip-Hop: Da gehöre es dazu, dass man sich Elementen aus anderen Stücken bediene; im vorliegenden Fall habe er nicht mal gewusst, wie das Original heißt, er habe es nur, als er nach einem kalten Kontrast zu Setlurs Gesang suchte, in seinem Tonarchiv gefunden und "gemerkt, das gehört da hin".

Ohne, wie Verfassungsgerichtsvizepräsident formulierte, beim "Hersteller des fremden Tonteils" anzufragen, ob er dieses verwenden darf? "Ich hielt das für üblich und rechtens", so Pelham. Wenn man das nicht mehr dürfe, "dann ist Hip-Hop nicht mehr möglich".

Auch das Nachspielen der Sequenz mit eigenen Mitteln - was die rechtlichen Probleme lösen würde - sei jedenfalls für Hip-Hopper keine Option, so Pelhams Anwalt Andreas Walter. Sie wollten "das Original". Volker Tripp vom Verein Digitale Gesellschaft assistierte: Musikschaffende wie Pelham versuchten, "eine Referenz zu setzen auf die Aura, den Geist, die Energie einer bestimmten Epoche".

Die Verehrung für das Original war im vorliegenden Fall aber vielleicht doch nicht ganz so groß: Pelhams Anwälte hätten anfangs sogar angezweifelt, dass die Sequenz überhaupt dem Kraftwerk-Titel entnommen sei, sagte Kraftwerk-Anwältin Ulrike Hundt-Neumann. "Von einer Hommage kann also keine Rede sein."

Pelham bot 17.500 Euro an - Kraftwerk verzichtete

Immerhin scheint es in der Musikbranche nicht völlig unüblich zu sein, vorher zu fragen -, und auch eine Vergütung zu vereinbaren - bevor man sich an den Werken Dritter bedient.

Es gebe zwar "unterschiedliche Rechtspraktiken", erklärte Florian Sitzmann, Professor an der Pop-Akademie Baden-Württemberg, aber das sogenannte "Source-Clearing" sei "im Prinzip möglich", auch wenn dabei "kreatives Schaffen erschwert" und "viel Energie verschleudert" werde. Er kenne eine aktuelle Produktion, "da sitzt der Rechtsanwalt mit dem Rapper im Studio", und gebe laufend Stellungnahmen ab, ob etwas noch mehr verfremdet oder die Zustimmung Dritter eingeholt werden muss.

Für René Houareau vom Bundesverband Musikindustrie ist es sogar "ganz geübte, gängige Praxis", solche Rechtsfragen abzuklären: In vielen Firmen gebe es dafür eigene Abteilungen, und selbst YouTube sei pauschal lizenziert - was bedeute, "dass kleine Künstler" sich etwa dort ausprobieren können. Erst wenn es kommerziell werde, sehe es anders aus.

Die finanziellen Interessen sind nicht ohne: Allein 23 Prozent der Einnahmen für Kraftwerk-Musikrechte in den vergangenen 15 Jahren seien auf die vier populärsten Samples von Kraftwerk entfallen, so Hundt-Neumann. Pelham hatte Kraftwerk schließlich sogar eine Lizenzgebühr von 17.500 Euro angeboten. Doch Kraftwerk wollte sich darauf - jedenfalls nach der Vorgeschichte - nicht mehr einlassen.

Als Verfassungsrichter Andreas Paulus ganz grundsätzlich fragte, ob die Forderung von Lizenzgebühren für Sampling nicht "die Beatles des 21. Jahrhunderts im Keim ersticken" würde, bat Kraftwerk-Mitglied Hütter noch einmal ums Wort: "Die Beatles-Generation zeichnet sich dadurch aus, dass sie ihre eigene Musik geschrieben hat."

Das Urteil wird Anfang kommenden Jahres erwartet.

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